Jenaer Erinnerungen an Hans Meyer

„Er war ein bisschen langsam“

Elf lange und erfolgreiche Jahre blieb Hans Meyer bei seiner ersten Trainerstation Carl Zeiss Jena. 24 Jahre später ist er nur noch zu Beerdigungen oder runden Geburtstagen in der Stadt. Oder als DFB-Pokal-Gegner.

Der Philipp würde bestimmt einen guten Stadionsprecher abgeben. Sein Herz hängt am FC Carl Zeiss, er ist als Entertainer eine lokale Berühmtheit in Jena und hat sogar einen leichten dialektalen Zungenschlag. Der Philipp, einer jener Menschen ohne Nachname, hat eine neue Hymne auf seinen Klub geschrieben, die will er jetzt proben. Er steht auf der Tartanbahn im leeren Ernst-Abbe-Sportfeld, hat das Mikro in der Hand und wartet darauf, dass die Musik vom Band kommt. Zeit für die Mannschaftsaufstellung. „Mit der Nummer 1: Hans-Ulrich – Grapenthin!“, schallt es aus den Lautsprechern. „Mit der Nummer 2: Gerd – Brauer! Mit der Nummer 3: Ulrich – Oevermann! Mit der Nummer 4: Konny – Weise! Mit der Nummer 5: Rüdiger – Schnuphase!“ Der Philipp ist gerade im goldenen Jahr 1981 angekommen. „Am Mittwoch kommt Hans Meyer“, spricht er in sein Mikrofon, „und er soll das Stadion so erleben, wie er es früher nicht erlebt hat.“ Musik ab.

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„Hans Meyer war ein bisschen langsam“

Wenn Hans Meyer heute mit dem 1. FC Nürnberg zum Pokalspiel nach Jena kommt, wird er vieles noch so erleben, wie er es früher erlebt hat. Von der Trainerbank blickt er auf die Kernberge, die eigentlich Hänge sind, weil Jena im Tal der Saale liegt. Die alten Flutlichtmasten stehen noch, erbaut im Jahre 74 und – leicht zu merken – 74 Meter hoch, links der hölzerne Turm mit der Uhr und der Zeiss- Linse. Hans Meyer neigt nicht gerade zu sentimentalen Anwandlungen, „aber ich müsste doch lügen, wenn ich sage, dass 30 Jahre Leben in Jena vergessen wären“.

Als Meyer anno zweiundsechzig aus dem Flecken Dietlas in der Vorderrhön zum Sport- und Geschichtstudium nach Jena kommt, ist er gerade 20. Einer seiner Dozenten heißt Georg Buschner, Trainer des Oberligisten SC Motor Jena. Noch vierzig Jahre später glaubt Buschner sich zu erinnern, dass der junge Meyer als Fußballer technisch versiert war, auch taktisch durchaus brauchbar und noch dazu über Fußballverstand verfügte – nur: „Hans Meyer war ein bisschen langsam.“

„Der Hans hat sich von Jena gelöst“

Im Februar haben sie Georg Buschner beerdigt, den früheren Auswahltrainer der DDR und – noch früher – Begründer der Jenaer Fußballtradition. Die Helden von 74 waren da, Sparwasser und Bransch, auch die Größen des Jenaer Fußballs, Harald Irmscher, Konny Weise und Peter Ducke. Meyer hat seinen Assistenten in Nürnberg das Training leiten lassen und ist nach Jena gefahren. Im Grunde seien es solche Termine, zu denen er noch in Jena sei, sagt er, runde Geburtstage und Beerdigungen. „Der Hans hat sich von Jena gelöst“, sagt Lutz Lindemann, Sportdirektor bei Carl Zeiss. „Ich glaube nicht, dass er noch so tief fühlt mit dem Verein.“

Umgekehrt ist es anders. „Jetzt zeige ich Ihnen mal die Hans-Meyer-Gedächtniswand“, sagt Lindemann, den Meyer 1977 als Spieler unter großem Getöse vom Erzfeind Erfurt nach Jena geholt hat. Lindemann, 58 Jahre alt, geht durch die Tür, die sich nur mit passendem Zahlencode öffnen lässt, hinein in den Spielertrakt, gleich rechts, dann durch die erste Tür links ins Büro von Uwe Dern. Dern ist Mannschaftsleiter, früher war er Spieler bei Carl Zeiss, Kotrainer, im Fanprojekt hat er auch gearbeitet. Heute wird er Hans Meyer in sein Büro führen, um ihm die Schätze zu zeigen, die er dort extra an die Magnetwand gepappt hat: zwei vergilbte Zeitungsseiten aus großer Zeit mit den Bildnissen von Meyer als jungem Mann. Hans Meyer wird lachen und Dern mit seiner Pranke auf die Schulter hauen.

Kein Trainer aus der DDR hat bei mehr Europapokalspielen auf der Bank gesessen als Meyer. 1981 führte er Jena ins Finale des Pokalsiegerwettbewerbs, dreimal gewann er den FDGB-Pokal. Doch als die DDR verschwunden war, zählte das alles nicht mehr. Für den Westen beginnt Meyers Biografie erst 1999, mit seinem Dienstantritt bei Borussia Mönchengladbach. Oft genug ist ihm unterstellt worden, er müsse doch froh sein, endlich bei einem großen Verein arbeiten zu dürfen. Großer Verein? Gladbach war damals Letzter der Zweiten Liga. Zum Training mussten sich die Spieler am Stadion umziehen, dann wurden sie durch die halbe Stadt gefahren, zu einer Bezirkssportanlage unweit der Abfallumladestelle. In Jena hätten sie solche Bedingungen schon 20 Jahre zuvor als Zumutung empfunden.

„Meyer-Hans weiß, wovon er spricht“


Knapp 20 Jahre nach der Wende ist Hans Meyer wieder da angekommen, wo er schon mal war: Er hat mit Nürnberg den Pokal geholt, spielt im Europapokal und wird als Fachmann geschätzt. Für Carl Zeiss Jena gibt es auf absehbare Zeit vermutlich kein Zurück. Nach kurzem und heftigen Aufschwung steht der Klub gerade wieder vor dem Sturz in die Regionalliga. Der Etat liegt bei neun Millionen Euro, Koblenz hat 12,5. Koblenz!

„In der DDR hatten wir die besten ökonomischen Bedingungen“, sagt Lindemann. Genauso wie die Stadt Jena, profitiert auch der Klub vor allem von den Zeiss-Werken. Für DDR-Verhältnisse ist Jena so etwas wie eine Boomtown. In den Sechzigern und Siebzigern werden auf dem Land gezielt Arbeitskräfte angeworben, im Rahmen des Nationalen Aufbauwerkes entstehen riesige Plattenbaugebiete, Jena soll sozialistische Großstadt werden. Als Hans Meyer 1962 nach Jena kommt, leben 80 000 Menschen in der Stadt, 15 Jahre später sind es 100 000.

„Jena war damals eine junge, wuselige Stadt“, sagt Peter Ducke, der in diesen Jahren der Star beim FC Carl Zeiss ist, unaufhaltsamer Stürmer und Held einer ganzen Generation. Manche sagen, Ducke hat zur falschen Zeit im falschen Land gelebt. Unter anderen Voraussetzungen wäre er heute so berühmt wie Cruyff oder Netzer. Hans Meyer hält Ducke für den besten Fußballer, den die DDR hervorgebracht hat. „Der Meyer-Hans ist jemand, der weiß, wovon er spricht“, sagt Ducke.

„Er musste es nur laufen lassen“

Früher war er sich da nicht so sicher. Ducke und Meyer haben noch zusammen gespielt, doch im Vergleich zu Ducke ist der Verteidiger Meyer als Fußballer ein Nichts: 30 Einsätze in der Oberliga, verteilt über sechs Jahre. Dass er 1971, mit nicht mal 29, Buschner als Trainer ablöst, führt zu wilden Spekulationen. Nur widerwillig hat Buschner damals den Posten in Jena aufgegeben, weil er ausschließlich die Nationalmannschaft betreuen soll. Der alte Fuchs habe Meyer als seinen Nachfolger empfohlen – in der Hoffnung, dass der an der Aufgabe scheitern werde. Buschner könnte dann als Retter zurückkehren. Peter Ducke glaubt das nicht: „Buschner hätte sich gar nicht erlauben können, da ’ne Lusche hinzustellen.“

Trotzdem hat nicht nur Ducke Schwierigkeiten mit dem neuen Trainer. „Innerlich hat er mich nie akzeptiert“, sagt Meyer. Im Zeiss-Werk werden sogar Unterschriften gegen ihn gesammelt: 2000 Werktätige unterschreiben. Aber Meyer hat das Glück, dass Buschner ihm, wie Ducke sagt, „eine geniale Mannschaft hinterlassen“ hat. Im Jahr zuvor haben beim Länderspiel gegen den Irak elf Jenaer auf dem Platz gestanden. „Er musste es praktisch nur laufen lassen“, sagt Ducke. Sein erstes Jahr beendet Meyer als Pokalsieger.

„Ich habe gedacht: Ich sterbe“

Meyer führt die Jenaer Schule seines Lehrmeisters fort: In den besten Momenten spielt die Mannschaft filigranen Fußball, die Basis aber ist ihre überragende Athletik. „In der ersten Woche habe ich gedacht: Ich sterbe“, sagt Lutz Lindemann. Manchmal trainieren sie dreimal am Tag, immer mit höchster Intensität. „Ich hatte ein paar Erlebnisse, die hätten andere nicht überlebt“, sagt er. Weil der Mittelfeldspieler 1981 im Europapokal gegen Benfica Lissabon wegen Meckerns Gelb sieht und fürs Rückspiel gesperrt ist, wird er von Meyer in die zweite Mannschaft verbannt, ausgerechnet zum Thüringen- Derby gegen seinen alten Klub Rot-Weiß Erfurt. Statt vor 20 000 Zuschauern im rappelvollen Abbe-Stadion darf der Nationalspieler mit dem Nachwuchs vor leeren Rängen das Vorspiel bestreiten. Auf dem Weg in die Kabine wird Lindemann ausgelacht. „Morgen früh spielt hier noch die Knaben-Mannschaft!“, rufen die Erfurter. Lindemann will alles hinschmeißen.

Wenn er heute sieht, dass die Spieler sich nach einem lapidaren Unentschieden freudig abklatschen, dass sie resistent geworden sind gegen Kritik, denkt Lindemann: Man müsste manches zurückdrehen. Zurück zu Hans Meyer. In der Nachbehandlung der Spiele hat sich Meyer jeden einzelnen Spieler vorgenommen, stets vor versammelter Mannschaft. Eine Stunde und mehr konnte so eine Sitzung dauern. Lutz Lindemann sagt: „Manchmal war das nicht schön.“

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Mit freundlicher Genehmigung von tagesspiegel.de

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