Jahrhundertmannschaften: IFK Göteborg 1982

Wo ist Schiller?

Ein unerfahrener Trainer und ein Haufen Halbprofis mischten 1982 Europa auf. IFK Göteborg unter dem jungen Sven-Göran Eriksson setzte seine Gegner mit gnadenlosem Pressing unter Druck, doch auch ein Sportreporter als Aushilfspräsident sowie ein im Stadion verschollener Spieler trugen zur Legendenbildung bei.

Heft #70 09 / 2007
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Es war einmal eine Mannschaft, die sich durch nichts aufhielten ließ. Nicht davon, dass ihr Verein eigentlich pleite war und ein Fanklub die Auswärtsfahrt zum UEFA-Cup-Viertelfinale nach Valencia bezahlen musste. Und schon gar nicht davon, dass im bis dahin wichtigsten Spiel der Klubgeschichte, dem FinalRückspiel beim Hamburger SV, plötzlich ein Spieler in den Katakomben verschwand. Wir schreiben das Jahr 1982, die Rede ist von IFK Göteborg. Die Schweden haben das Hinspiel mit 1:0 gewonnen und gelten dennoch als Außenseiter. Knisternde Spannung in der Kabine, derweil sich der verträumte Verteidiger Glenn Schiller, einer der wichtigsten Ersatzspieler, mit dem Stadionheft auf die Toilette zurückzieht. Er ist bald so vertieft, dass er nicht bemerkt, wie seine Kameraden die Umkleide verlassen und ein Ordner die Tür verriegelt. Kurz nach dem Anpfiff verletzt sich Abwehrspieler Hysén und Trainer Sven-Göran Eriksson will Schiller einwechseln. Der hat kurz zuvor durch lautes Klopfen den Ordner auf sich aufmerksam gemacht und stürmt hinaus, gerade als Eriksson zum zweiten Mal fragt: »Wo ist Schiller?« Der Verschollene wird umgehend eingewechselt, macht ein überragendes Spiel und IFK Göteborg gewinnt am Ende mit 3:0. Noch heute wird der Verteidiger von den ehemaligen Mitspielern damit aufgezogen, ein Klogang sei ihm wichtiger gewesen als das Endspiel im UEFA-Pokal.

Seinen überraschenden Siegeszug hatte der schwedische Verein nicht zuletzt dem erst 34-jährigen Trainer Sven-Göran Eriksson zu verdanken, der mit seinem jungen Team ein 4-4-2-System perfektionierte, das auf aggressives Pressing, ständiges Verschieben, Zonendeckung, schnelles Passspiel und enorme Laufbereitschaft ausgerichtet war. Drei Jahre nach Erikssons Amtsantritt hatte die Mannschaft das Konzept komplett verinnerlicht und eine sensationelle Serie hingelegt, an deren Ende der erste europäische Pokalgewinn eines skandinavischen Klubs stand.

In diesem Raum sitzen die besten Spieler Schwedens und sie wissen es

Dabei hatte Eriksson zu Beginn seiner Tätigkeit in Göteborg große Schwierigkeiten zu überwinden. IFK dümpelte im Mittelfeld der Liga und die einzige Referenz des jungen Coaches war der Durchmarsch mit dem Provinzverein Degerfors IF von der 3. in die 1. Liga innerhalb von drei Jahren. Gleichwohl war der gewiefte Taktiker bei IFK zunächst selbst seinen eigenen Spielern völlig unbekannt. »Wir haben ihn zunächst Sven-Erik Göransson genannt«, gab Stürmerstar Torbjörn Nilsson später zu. Auch Erikssons Spielsystem zu verinnerlichen, fiel den Kickern erst mal nicht leicht. Die meisten schwedischen Klubs und auch das Nationalteam spielten damals im 3-5-2, mit Libero und Manndeckung. Eriksson musse also zunächst einmal Überzeugungsarbeit leisten, doch seine offene, respektvolle Art brachte ihm bei den Spielern viel Anerkennung ein. »Er hat jeden Einzelnen aus der Mannschaft dazu ermutigt, sein eigener Trainer zu sein«, sagt Thomas Wernersson, der damalige Torwart. Überdies war Eriksson einer der ersten, der penibel auf die Ernährung seiner Spieler achtete und die Dienste von Sportpsychologen in Anspruch nahm. So schickte er seinen genialen, aber labilen Angreifer Torbjörn Nilsson zu einem Experten nach Oslo.

Später zeigte Nilsson Weltklasseleistungen, der trickreiche Angreifer war der unberechenbare Faktor im IFK-System und genoss als Einziger alle Freiheiten auf dem Platz. Weitere Stützen der Mannschaft waren Kapitän Glenn Strömberg, die schweigsamen Brüder Tommy und Tord Holmgren, der zweikampfstarke Glenn Hysén sowie der bullige Verteidiger Ruben Svensson , der es wegen seiner kommunistischen Gesinnung ablehnte, für die schwedische Nationalelf aufzulaufen. Trotz dieser starken Besetzung geriet der Saisonstart im Frühjahr 1981 zum Desaster. Von den ersten sechs Partien verlor IFK fünf, worauf Eriksson ein Treffen einberief und  seinen Spielern eröffnete: »Wir spielen ein neues System und das braucht Zeit. Ich werde daran nichts ändern. Aber wenn ihr wollt, gehe ich.« Die gesamte Mannschaft sprach sich indes für den Trainer aus. Eriksson verzog keine Miene und fuhr fort: »Es gibt noch ein Problem. In diesem Raum sitzen die besten Spieler Schwedens und sie wissen es.«

Danach ging ein wahrer Ruck durch das Team. Zwischen dem 29. Mai 1981 und dem 27. Mai 1982 verlor IFK Göteborg in allen nationalen und internationalen Wettbewerben nicht ein einziges Spiel. Insbesondere im UEFA-Cup überrannten die Halbprofis ihre verdutzten Gegner. Vor dem Viertelfinal-Duell mit dem FC Valencia allerdings verkündete das Präsidium, der Klub stehe kurz vor der Insolvenz, und trat geschlossen zurück. Dass daraufhin die Fans das Geld für die Reise nach Spanien sammelten, ist schon erwähnt worden. Doch woher auf die Schnelle ein neues Präsidium für die offiziellen Termine mit dem FC Valencia nehmen? Kurzerhand wurden zwei mitgereiste Sportjournalisten zum Führungsgremium umfunktioniert: Einer wurde zum Präsidenten erkoren, weil er etwas Spanisch sprach, ein anderer zum Vize, weil er gerne Zigarre rauchte und so beleibt war, dass er einfach aussah wie ein Boss.

Schals mit dem Aufdruck »HSV – UEFA-Cup-Sieger 1982«

Das Rückspiel gegen Valencia bescherte IFK Göteborg dann wieder die dringend benötigte Liquidität – und den Einzug ins Halbfinale gegen den 1. FC Kaiserslautern. Auch dort setzten sich die Schweden mit ihrer Taktik durch. Damals waren die Verteidiger noch daran gewöhnt, bei eigenem Ballbesitz seelenruhig das Spiel aufbauen zu können. IFK allerdings attackierte den jeweils Ballführenden sofort und kam dadurch zu zahlreichen Chancen. Eine Strategie, mit der später auch der HSV nicht zurechtkam und der sich zudem seiner Sache zu sicher war. So feierten die Göteborger ihren größten Sieg vor gegnerischen Fans, die Schals mit dem Aufdruck »HSV – UEFA-Cup-Sieger 1982« trugen. Ein süßer Triumph für die skandinavischen Halbprofis.

Wenige Tage später holte Sven-Göran Eriksson mit seiner Mannschaft auch den schwedischen Pokal, beim Gewinn der Meisterschaft im Herbst war er schon nicht mehr dabei. Da Schwedens Liga im Jahresrhythmus spielt, stand Eriksson zu diesem Zeitpunkt bereits bei Benfica Lissabon unter Vertrag. Auch die besten Spieler waren bei europäischen Spitzenklubs untergekommen, zurück blieben der Co-Trainer und eine Rumpfmannschaft. Meister wurden sie dennoch, der Vorsprung war schon zu groß.

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