Jahrhundertmannschaft Galatasaray Istanbul

Der Triumph des Imperators

Im Jahr 2000 gewann Galatasaray als erster türkischer Verein den UEFA-Pokal und anschließend noch den Supercup gegen Real Madrid. Es war nicht zuletzt der Erfolg des gestrengen Fatih Terim, der einen Haufen Individualisten zum Kollektiv drillte. Imago
Heft #72 11 / 2007
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Vielleicht ist diese eine Szene alles, was es für einen Einblick in die Tiefen der türkischen Fußballseele braucht. Gheorghe Popescu, rumänischer Nationalverteidiger im Dienste des Galatasaray SK, legt sich im Flutlicht des Kopenhagener Parken-Stadions den Ball für den letzten, entscheidenden Elfmeter zurecht. »Mach es, Popescu, mach es, mein Sohn«, bricht die Stimme des türkischen Fernsehkommentators. Popescu nimmt ein paar Schritte Anlauf, und als nach scheinbar endlosen Sekunden der Ball im Tor einschlägt, explodiert das überwiegend mit türkischen Fans besetzte Stadion. Für den Kommentator gibt es weder journalistische Objektivität noch Zurückhaltung, er weint. »Der Cup gehört uns, liebe Zuschauer! Der Cup ist in der Türkei!« Es ist der 17. Mai 2000, und der Galatasaray Spor Kulübü gewinnt das Elfmeterschießen des UEFA-Cup-Endspiels gegen den FC Arsenal. Es ist der erste und bislang einzige internationale Titel einer türkischen Elf. Popescus Elfmeter katapultiert 65 Millionen Menschen in den emotionalen Ausnahmezustand.

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Nichts weniger als einen Erfolg über die favorisierten Engländer hatte man freilich erwartet. Binnen vier Jahren hatte Trainer Fatih Terim, in seiner Heimat ehrfürchtig »Imperator« genannt, die »Löwen« mit Zuckerbrot und Peitsche zu vier Meisterschaften geführt und so die erfolgreichste türkische Mannschaft aller Zeiten geformt. Nebenbei hatte er einen Systemwechsel im türkischen Fußball vollzogen. Besessen von Disziplin und Taktik, Eigenschaften, welche die Türken bis dahin gerne als nicht notwendiges Übel abtaten, drillte er ein Team aus Diven und Individualisten zu einer verschworenen Einheit. Und die stand wie ein Mann hinter ihrem Trainer. »Er ist die Seele des Vereins, der unbestrittene Führer«, schwärmte Galatasarays Stürmer Arif Erdem. »Er ist wie ein Vater und ein Bruder für uns.«

Fußball als Trost für eine Nation


Dass der Triumph Galatasarays mit einer solchen Dramatik in der Türkei begleitet wurde, hatte einen durchaus traurigen Hintergrund. Fußball als Trost für eine Nation, die nach dem verheerenden Erdbeben des Vorjahres um 17?000 verlorene Menschenleben trauerte. Die Naturkatastrophe hatte die Türkei traumatisiert. Die Erfolge dienten aber auch als Balsam für eine gekränkte Volksseele, die sich geografisch, politisch und sportlich oft an den Rand Europas gedrängt sieht, und Unzulänglichkeiten in den internationalen Wettbewerben mit einer Mischung aus Stolz und Trotz abtut und dem Argument: Europa will uns halt nicht. Nun, so der Konsens, war man in Europa angekommen – wie zum Beweis drängten sich 200 türkische Abgeordnete und zwölf Minister auf der Kopenhagener Tribüne, die parlamentarische Woche war anlässlich des Endspiels unterbrochen worden. Das Pathos und die skurrilen Züge des Exaltierten, die die türkische Fußballseele charakterisieren, trugen da längst fanatische Züge. Bei Ausschreitungen nach dem Halbfinale gegen Leeds waren zwei Engländer erstochen worden. Beim Finale starben in der Türkei mehrere Menschen durch Querschläger bei Jubelfeiern, zwei erlitten vor dem Fernseher einen Herzinfarkt.

Den Weg zum Erfolg ebnete derweil die taktische Flexibilität des Teams, in dem jeder Akteur blitzschnell vom vorsichtigen Defensivspiel auf gefährliche Offensivaktionen umschalten konnte. Der zweite Vorteil war die Zusammensetzung der Elf: teils erfahren und abgebrüht, teils jung und erfolgshungrig. Gemein war allen Spielern, dass sie gierig darauf waren, sich zu beweisen – weil es entweder ihre erste oder ihre letzte Chance auf internationalem Parkett war. Eingeschworen auf martialische Schlagworte wie Ehre und Nationalstolz, ließ die Mannschaft ihre Nichttürken dennoch nicht außen vor.

Die Gelb-Roten schwangen sich auf der Welle der Euphorie, die sich im Land ausbreitete, zu Höchstleistungen auf: Neben dem UEFA-Cup und der vierten Meisterschaft in Folge gewann Galatasaray 2000 auch noch den türkischen Pokal und den europäischen Super-Cup gegen Real Madrid. Eine Leistung, die der Rumäne Popescu unter Tränen als »historischen Moment für die gesamte Türkei« bezeichnete. Vor dem Brasilianer Taffarel im Tor, dem Weltmeister von 1994, vertraute Terim auf eine Viererkette: wahlweise der Brasilianer Capone oder Ümit Davala, daneben Bülent Korkmaz, der beidfüßige Hakan Ünsal und der WM-erprobte Popescu. Das Mittelfeld sicherten Ergün Penbe, Tugay Kerimo?lu, und Okan Buruk. Dreh- und Angelpunkt der Istanbuler war jedoch ihr alternder Star: Gheorghe Hagi, der ebenso exzentrische wie brillante Regisseur der rumänischen Nationalmannschaft. In Barcelona oft wegen disziplinarischer Vergehen suspendiert und in zwei Jahren mit gerade mal 21 Einsätzen, erlebte Hagi in der Türkei eine regelrechte Leistungsexplosion. Die Mannschaftskollegen tolerierten die Eigenheiten ihres Spielmachers, für die Fans war er eine Ikone. Im Sturm setzte Terim auf den lauf- und zweikampfstarken Arif Erdem, der sich die Bälle auch gern mal im Mittelfeld vom Gegner zurückholte, und auf den vielleicht gefährlichsten türkischen Stürmer überhaupt, Hakan ?ükür, der innerhalb des Sechzehners aus nahezu jeder Position gefährlich abschließen konnte.

Die Mannschaft brach am Ende der Saison weitgehend auseinander – ein Großteil empfahl sich bei der EM 2000 und nutzte die Bühne, um ins Ausland zu wechseln, so ?ükür zu Inter oder Tugay Kerimo?lu zu den Glasgow Rangers. Capone verließ den Klub im Streit um ausstehende Gehälter. Auch Terim ging nach Italien, obwohl sogar im türkischen Parlament sein Bleiben erfleht worden war. Dass dieses Team seinen Zenit erreicht hatte, war ihm vermutlich bereits klar, als Popescu den letzten Elfmeter verwandelte. Während Spieler und Betreuer das Feld stürmten, blieb Terim allein. Er ballte für einen Moment die Fäuste, bevor er in die Knie sank und sein Gesicht in den Händen vergrub. Der Druck, unter dem er und seine Mannschaft in den vergangenen Wochen gestanden hatten, entlud sich in einer einzigen Geste.




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