Jahrhundertmannschaft Eintracht Frankfurt

Uschis Bier und Don Alfredo

1959 gewann die Eintracht die Deutsche Meisterschaft und ein Jahr später traf man in einem denkwürdigen Finale des Landesmeisterpokals auf Real Madrid. Wir blicken zurück auf die großartige Eintracht-Elf der späten Fünfziger. Jahrhundertmannschaft Eintracht Frankfurtimago

Wahrscheinlich hätten es die Eintracht-Spieler auch ohne Uschi geschafft. Wären dank ihres großen Talents und des findigen Trainers Paul Oßwald 1959 Deutscher Meister geworden und im folgenden Jahr bis ins Finale des Europapokals der Landesmeister eingezogen. Andererseits belegt die Anekdote um Eintracht Frankfurts Küchenfrau Uschi die größte Stärke der erfolgreichen Mannschaft: ihr Zusammengehörigkeitsgefühl. Während der Endrunde der deutschen Meisterschaft 1959 kasernierte Trainer Oßwald seine Kicker sechs Wochen lang in der Sportschule neben dem Waldstadion: Die Bettruhe begann um 23 Uhr, Alkohol war streng verboten. Allerdings sehnten sich die Spieler bei ihren gemütlichen Abenden nach einem kühlen Bier. Küchenfrau Uschi hatte ein Einsehen. Sie füllte das Kaltgetränk in eine Kaffeekanne und schmuggelte es an Oßwald vorbei. So konnten die Fußballer abends gemeinsam Gerstensaft genießen – allerdings jeder nur eine Tasse.

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Die Mannschaft spielte eine perfekte Meisterschaftsendrunde und gewann alle sechs Partien in ihrer Gruppe. Ein famoser 7:2-Sieg in Bremen lockte im folgenden Heimspiel 81?000 Besucher ins Stadion – gegen Pirmasens. Diese Partie markiert bis heute den Zuschauerrekord im Waldstadion. Insgesamt verlor die Eintracht in der gesamten Saison 1958/59 nur zweimal und blieb in 29 Pflichtspielen hintereinander ungeschlagen. Die herausragenden Fußballer der technisch starken, offensiv spielenden Elf waren Kapitän und Mittelfeldspieler Alfred Pfaff, Rechtsaußen Richard Kreß und der Halblinke Dieter Lindner. Trainer Paul Oßwald bläute seinen risikofreudigen Spielern außerdem die nötige taktische Disziplin ein. »Er hat uns klargemacht, dass wir den Gegner erst niederkämpfen müssen, bevor wir ihn niederspielen«, erinnert sich Dieter Stinka, damals rechter Außenläufer in Frankfurt, an das Credo seines früheren Coaches. Ein »harter Hund« war Oßwald dennoch nicht. Seine Spieler respektierten den Diplom-Sportlehrer vor allem wegen seines großen Sachverstandes. Oßwald hatte bei Trainerlegende Otto Nerz gelernt und nach dem Zweiten Weltkrieg Kickers Offenbach zu einer Spitzenmannschaft geformt, 1957 war er einer der Mitbegründer des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer. Gleich im ersten Jahr nach seinem Wechsel von Offenbach zur Eintracht traf er dann im Meisterschaftsfinale auf seinen ehemaligen Verein.

Die Eintracht suchte schnell die Entscheidung


Das »Oßwald-Derby« versetzte ganz Frankfurt in einen Ausnahmezustand. Das Spiel wurde in den Kinos der Stadt übertragen und etwa 5000 Fans traten die weite Reise nach Berlin an, auch mehr als 2000 Anhänger der Kickers kamen ins Olympiastadion. Eintracht Frankfurt war klarer Favorit, doch in den zwei Partien in der Oberliga Süd hatte sich Oßwalds Team gegen die kampfstarken Offenbacher sehr schwer getan und zweimal Remis gespielt. Im Finale suchte die Eintracht schnell die Entscheidung, schon nach 16 Sekunden traf der Ungar István Sztani zum 1:0. Doch die Kickers hielten dagegen und nach 20 Minuten stand es bereits 2:2. In der Verlängerung siegten die Frankfurter schließlich mit 5:3 und gewannen somit die erste und bislang einzige deutsche Meisterschaft für den hessischen Traditionsverein.

Die Begeisterung der Fans bei der Ankunft der Mannschaft in Frankfurt übertraf selbst den Stuttgarter Jubelmarathon vom 19. Mai dieses Jahres. Mehr als 300?000 Menschen feierten die Spieler, die auf einem großen Pferdewagen vom Bahnhof zum Römer fuhren. Wie lange der Tross in der Stadt unterwegs war, ist allerdings nicht überliefert. Die Vorzeichen für eine erfolgreiche Saison im Europapokal der Landesmeister standen für die Eintracht nach dem Meistertitel 1959 zunächst nicht besonders gut. Die Stürmer Sztani und Feigenspan – beide hatten im Finale alle fünf Tore für Eintracht Frankfurt erzielt – unterschrieben bei der zahlungskräftigen Konkurrenz von Standard Lüttich und 1860 München. So wertete es der Verein schon als Erfolg, dass die Mannschaft im Europapokal die zweite Runde erreichte – der finnische Meister KuPS Kuopio hatte seine Teilnahme kurzfristig zurückgezogen. Aber nachdem die Eintracht im Achtelfinale die Young Boys Bern souverän aus dem Wettbewerb gekegelt hatte, zeigte Oßwalds Elf gegen den Wiener Sportklub ihr erstes Meisterstück. Nach einem knappen Sieg im Hinspiel setzten die Österreicher die Frankfurter im Rückspiel gehörig unter Druck und führten mit 1:0. Doch in der zweiten Halbzeit trat Kapitän Pfaff auf den Plan, den seine Mannschaftskameraden in Anlehnung an den großen Alfredo di Stefano nur »Don Alfredo« nannten. Er gab das Signal zur Offensive und seine Mitspieler folgten ihm umgehend. Auf einmal kombinierten sie wie in einem Trainingsspiel, schossen das 1:1 und erreichten das Halbfinale.

»Die Deutschen waren so schnell«

Die zwei Partien gegen die favorisierten Glasgow Rangers begründeten dann endgültig den Ruhm dieser Eintracht-Mannschaft und riefen in ganz Europa ungläubiges Staunen hervor. Im Hinspiel fegten die deutschen Amateurkicker die schottischen Profis mit 6:1 vom Platz. Völlig perplex schilderte Rangers-Spieler Bill Stevenson die Niederlage: »Die Deutschen waren so schnell und schlugen uns mit unserer eigenen Waffe: dem Flügelspiel. In der zweiten Halbzeit wussten wir nicht mehr, wo oben und wo unten ist. Wir waren nur noch wie Stichwortgeber für den Star dieser Show.« Überragender Spieler auf dem Feld war erneut »Don Alfredo« Pfaff, er leitete nahezu jeden Angriff ein und erzielte zwei Tore. Die Schotten waren von seiner Darbietung derart begeistert, dass sie ihm vor dem Rückspiel als Zeichen ihrer Bewunderung einen Hut, genauer: eine Melone schenkten. Nachdem die Frankfurter auch die Partie in Glasgow mit 6:3 gewonnen hatten, zollten die Rangers jedoch der gesamten Elf ihren Respekt, indem sie – heute kaum vorstellbar – beim Auslaufen aus dem Stadion ein Spalier für die Eintracht-Spieler bildeten.

Frankfurts Siegeszug durch Europa, der die Eintracht im Finale erneut in den Hampden Park führte, wurde dort allerdings von Real Madrid jäh gestoppt. In einem berauschenden Endspiel führten Oßwalds Mannen zunächst sogar 1:0, dann aber spielten Puskás, di Stefano & Co. wie von einem anderen Stern und gewannen nach atemberaubenden 90 Minuten mit 7:3. Diesmal applaudierten die Frankfurter den Siegern. Vielleicht aber hat ihnen zum großen Triumph auch einfach nur Uschis Bier aus der Kaffeekanne gefehlt.

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