Jacek Protasewicz sucht nach neuen Poldis

Der Spielerfänger

Dass Miroslav Klose und Lukas Podolski für Deutschland auflaufen und nicht für das Land ihrer Väter, ärgert die Polen mehr denn je. Damit so etwas in Zukunft nicht mehr passiert, gibt es Jacek Protasewicz. Jacek Protasewicz sucht nach neuen PoldisPrivat
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In den Westen aufbrechen und von vorne anfangen, das wäre doch was, dachte sich Jacek Protasewicz. Etwas Inspirierendes, etwas, von dem junge Polen träumen. Und so packte er im Sommer 1998 seine Sachen, seine Hoffnungen, ein paar Möbel, das Nötigste eben, und verließ das oberschlesische Dorf Rybnik, um in Deutschland sein Glück zu finden.

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Doch ehe er sich versah, war es Herbst geworden, und der einst so optimistische Mann schlich verloren durch die Straßen von Gladbeck. Der Traum vom besseren Leben schien schnell geplatzt. »Arbeit«, sagt der heute 43-Jährige, »ich wollte damals nichts als Arbeit«. 15 Jahre lang hatte er in Polen als Bergmann geschuftet, nun war er nach Deutschland gekommen, um seinen Kindern eine bessere Ausbildung zu ermöglichen, aber auch, weil er selbst etwas Neues wagen wollte – »am liebsten etwas mit Fußball«.

Doch die Kontakte zu den Wichtigen der Branche, die mit Anglizismen jonglieren und deren Handys minütlich klingeln, die fehlten. So kam Jacek dort an, wo fußballbegeisterte Arbeitslose und Rentner bereits lange vor ihm gestrandet waren: am Zaun der Fußballplätze.

Talente frühzeitig kontaktieren

Woche für Woche stand er dort. Spiele beobachten, über Fußball reden, grummeln, das war sein Kontrast zum grauen Ruhrpott-Alltag. Und plötzlich wurde es zu seiner Berufung. »Es fing alles mit einem Zufall an«, sagt Jacek Protasewicz, »und weil ich ganz schön sauer war«. Eines Tages saß er vor seinem Computer und klickte sich durch die Tiefen des Internets. In einem Chat stieß er auf eine rege Diskussion über polnische Fußballtalente, an der sich auch Maciej Chorazyk, der Chefscout des polnischen Fußballverbandes (PZPN), beteiligte. Ein Diskutant nörgelte, dass sich der Verband nicht ausreichend um die in Polen geborenen Lukas Podolski und Miroslav Klose gekümmert habe, doch Chorazyk wiegelte ab: Es sei doch schon alles viel besser geworden, denn niemand geringerer als er selbst sei seit einigen Jahren für das Scouting in Deutschland verantwortlich und werde solche Talente nun frühzeitig kontaktieren.

Jacek Protasewicz schäumte vor Wut. Jahrelang hatte er sich über das miserable Scouting geärgert, darüber, dass viele Jungs, die in deutschen Jugendteams spielen, nicht wissen, ob von polnischer Seite überhaupt ein Interesse an ihnen besteht. »Warum lügen Sie?«, herrschte er Chorazyk im Chat an. Später telefonierten sie, und als das kontroverse Gespräch zu Ende ging, sagte der gescholtene Chefscout: »Wissen Sie was, Sie sind ab sofort unser Scout in Deutschland.«

Das war im Sommer 2007. Seitdem tingelt Protasewicz über die Plätze, immer noch so wie früher eigentlich, geändert hat sich nur seine Bezeichnung. Heute ist er »auch ein Chef«, wie er sagt, eine Art professioneller Kiebitz. Zweimal die Woche schaut er sich ein Spiel der 1. oder 2. Liga an und nach Möglichkeit drei Trainingseinheiten von Nachwuchsmannschaften. »Wenn ich einen Namen entdecke, der polnisch klingt«, erklärt Protasewicz, »rufe ich beim Trainer der Mannschaft an und frage, wann sie trainieren«. Und dann steht er beim nächsten Training an der Seitenlinie, mit Stift und Zettel, nicht mehr wie einer, der tut, als sei er ein Trainer, sondern wie ein richtiger, leibhaftiger Scout.

15 Spieler hat er bis heute gesichtet. Einer von ihnen ist Sebastian Czajkowski, der im Sturm der U17 von Schalke 04 spielt. Ein anderer heißt Adam Matuschyk, ein hoffnungsvolles Talent aus der A-Jugend des 1. FC Köln, das kürzlich eine Einladung zur polnischen U19-Auswahl erhielt. Geld bekommt Jacek Protasewicz für seine Arbeit bis heute nicht.

Ein bisschen zusammen zu sein, ein bisschen zu lachen

»Ich habe einfach ein großes Herz«, sagt er, »und ich unterhalte mich gerne«. Wenn er sich mit den Jungs und ihren Eltern zu Kaffee und Kuchen verabredet, schwingt er keine großen Reden. Protasewicz kann den jungen Spielern nichts versprechen, nicht einmal Ruhm. Alles, worum es ihm geht, ist, »ein bisschen zusammen zu sein, ein bisschen zu lachen, so einfach ist das«. Seine Botschaft lautet: Der PZPN heißt euch willkommen, wir haben kein Geld, aber Herz.

Es ist gar nicht so lange her, da monierte der ehemalige Schalker Michael Delura, der Verband würde kaum mit polnischen Talenten in Deutschland kommunizieren. Und Tomasz Wa?doch, mittlerweile ein guter Freund von Protasewicz, glaubt, dass Lukas Podolski heute für Polen spielen würde, wenn man sich nur richtig um ihn bemüht hätte. Zwar warben Nationaltrainer Pawe? Janas und U20-Coach Micha? Globisz schon früher um die Gunst der jungen Talente in Deutschland (so schickte Janas dem jungen Podolski drei Nationaltrikots mit seinem Namen und der Nummer 10), doch waren diese Annäherungsversuche stets zaghaft, wie eine vergilbte Postkarte aus einer Heimat, die vielen jungen Polen in Deutschland fremd geworden ist. Heute suchen die Jugendlichen den Kontakt zu Jacek Protasewicz. Der jongliert immer noch nicht mit Anglizismen, doch sein Handy klingelt oft. Und am anderen Ende fragen sie: »Jacek, hast du ihn schon gefunden, den neuen Podolski?«


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