Ivica Olic wird beim FC Bayern nicht mehr glücklich
09.12.2011

Ivica Olic wird beim FC Bayern nicht mehr glücklich

Der Letzte seiner Art

Ivica Olic kommt über seine Reservistenrolle beim FC Bayern nicht hinaus. Nun wird über einen Wechsel nach Wolfsburg spekuliert. Beinahe vergessen sind seine Auftritte im Jahr 2010, als er den FC Bayern ins Champions-League-Finale schoss. Ein Porträt.

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Eigentlich fehlen nur die Männer mit dem hochgeklappten Mantelkragen. Dazu Sonnenbrillen, Funkgeräte, Zeitungen mit ausgeschnittenen Gucklöchern, die ganze Palette aus dem Detektiv-Supermarkt. Doch auf dem Berliner Maifeld tummeln sich nur die ewig gleichen Nachwuchskicker von Hertha BSC. Einer nennt sich Danko Dikic. Ein Kroate, 19 Jahre alt. Niemand kennt ihn, er hat keine Vita.



Dieter Hoeneß hat sich das Drehbuch ausgedacht. Dieser Kroate ist für ihn eine der heißesten Personalien des Spätsommers 1998. Und dieser Kroate heißt in Wahrheit Ivica Olic. Ein Supertalent, so wurde ihm berichtet. In der Sorge, dass ihm andere, betuchtere Manager den Jungen vor der Nase wegschnappen, lässt Dieter Hoeneß ihn unter dem Namen seines Beraters vorspielen und trainieren: Danko Dikic. Ein Pseudonym, das eine goldene Zukunft verspricht.

Zu schwach für die Hertha-Amateure

Nach zwei Kurzeinsätzen für die Profis, ein paar mehr Spielen für die zweite Elf verschwindet Olic im Sommer 2000 allerdings so schnell und mysteriös wie er gekommen war. Nun ist von einem Total-Flop die Rede. Wer hatte überhaupt diese Sache mit dem Talent in die Welt gesetzt? »Falko Götz konnte ihn selbst bei den Amateuren nicht gebrauchen«, sagt Hoeneß später. Olic geht zurück nach Kroatien, heim zu NK Marsonia.

Frühjahr 2010. Der andere Hoeneß, Uli, springt auf, dann liegen sich die drei Herren von der Stange – Karl-Heinz Rummennigge, Karl Hopfner und Uli Hoeneß – in den Armen. Ivica Olic hat das 2:1 gegen Manchester United erzielt. Es läuft die 92. Minute im Champions-League-Viertelfinale. Die Engländer hatten versucht, das Unentschieden über die Zeit zu retten, und den Spielern des FC Bayern schien schlichtweg die Kraft zu fehlen, das Bollwerk zu durchdringen.

Ausnahme: Ivica Olic. Das Pferd, der nimmermüde Marathonläufer. Der Mann, der 35 Millionen Euro weniger gekostet hat als Mario Gomez. Der Mann, der den FC Bayern ins Halbfinale der Champions League schießt, weil Patrice Evra ein Schnitzer unterläuft und Olic hellwach ist. Nach dem Tor reißt er sich sein Trikot vom Leib. Nach der Partie sagt er: »Die meisten Tore mache ich kurz vor Schluss, wenn der Gegner müde ist.« Als ob Fußball so einfach sei. Als ob sein ganzes Spiel auf diesem Plan beruhe.

»Dieses hässliche Entlein ist der schönste Schwan Bayerns«

Im Halbfinale macht Olic bei Olympique Lyon drei Tore. 26., 67., 74. Minute, 0:3: Olic. Die »L'Equipe« schreibt von einem »Albtraum« und ein französischer Reporter wünscht die prompte Suspendierung von Olics Gegenspielern Cris und Jean-Alain Boumsong. Der FC Bayern steht im Endspiel und Olic belegt hinter Lionel Messi den zweiten Platz in der Champions-League-Torschützenliste. Der Stürmer sagt auf Drängen der Reporter: »Messi, Ronaldo, Olic – das klingt doch ganz gut.« Es klingt irgendwie auch ein wenig zu nüchtern. Sicher, man sollte froh sein, dass sich ein Spieler mal nicht nach zwei guten Spielen auf irgendwelche Fantasie-Podeste hievt, doch weiß man auch, dass seine Art nicht unbedingt mit dem Mia-san-mia-Credo des FC Bayern zusammenpasst. In München wirkt Ivica Olic in seinen Anfangstagen manchmal etwas zu leise. Manchmal sagt er Sätze wie: »Ich möchte der Mannschaft nicht schaden.« Die Jubelhymnen übernehmen andere. Die spanische »Sport« etwa, die schreibt: »Nun ist dieses hässliche Entlein der schönste Schwan Bayerns.« Oder die italienische »Tuttosport«: »Auf Olics Schwingen fliegt Bayern ins Champions-League-Finale.«

Ivica Olic war nie das Schlachtross im Strafraum, nie der technisch beschlagene Angreifer, nie der Spieler, der nur im Fünfmeterraum lauerte. Er war der Typ, den Olli Kahn meinte, als er davon sprach, es müsse »immer weiter, immer weiter« gehen. Einmal sagte Olic: »Ball muss ins Netz, dann ist es auch ein Tor.« Damals, im Sommer 2009, wechselt er auf Abraten vieler selbsterklärter Experten vom Hamburger SV zum FC Bayern. HSV-Legende Willi Schulz unkt: »Er muss wissen, was ihn bei Bayern erwartet – die Bank! Und in Kroatiens Nationalelf wird er nicht mehr Stammspieler sein. Außerdem muss er für Schweinsteiger und Co. die Koffer tragen.«

Beim HSV hat sich Olic bis zu jenem Zeitpunkt viel Kredit erspielt. So viel, das ihm die Fans sogar den Weggang zum FC Bayern verzeihen. Er hat als erster HSV-Profi der Bundesligageschichte einen Hattrick erzielt (am 10. Oktober gegen den VfB Stuttgart), er ist mit 14 Toren erfolgreichster HSV-Spieler der Saison 2007/08 geworden, er hat das Ein-Mann-Pressing etabliert und in jedem verdammten Spiel – ob gegen Cottbus oder Werder Bremen – Kilometer gefressen, im Durschnitt zwölf pro Spiel, davon manchmal die Hälfte im Sprint. Nebenbei ist er auch noch der schnellste Spieler der Welt geworden (31,76 km/h wurden einmal gemessen, hinter ihm: Robin Van Persie, Arjen Robben). Außerdem hat er den HSV in die Halbfinals des DFB-Pokals und des Uefa-Cups geschossen. Die Fan schimpfen in jenen Tagen sehr viel und gerne auf die eigene Mannschaft, sie nennen sie eine Söldnertruppe. Als Ivica Olic den Verein im Sommer 2009 verlässt, applaudieren sie ihm. Er ist einer von ihnen.

In München trägt er keine Koffer. Auch wenn der neue Trainer, Louis van Gaal, anfangs nichts von ihm weiß – Jürgen Klinsmann hatte die Verpflichtung Olics gewünscht –, und mit Arjen Robben, Mario Gomez, Miroslav Klose, Luca Toni und Thomas Müller eine Top-Offensive zur Verfügung steht. Olic kümmert all das nicht. Er rennt einfach drauf los. Arbeitet. Pfercht. Sprintet. Und weil Luca Toni die Bayern verlässt und sich Klose sowie Gomez in einer Formkrise befinden, ist Olic im 4-5-1 bald gesetzt. »Manchmal steht er neben mir und ich denke, der stirbt gleich, aber auf einmal zieht er wieder einen Sprint über vierzig Meter an«, sagt Gomez einmal.

Ist das gewollt? Gehört das so?

Manchmal aber beschleicht den Zuschauer auch das Gefühl von technischem Unvermögen, da spielt einer so, als wolle er mit dem Kopf durch die Wand. Sieht der Ball an den Füßen Robbens stets noch ein bisschen runder aus, scheint bei Olic alles quadratisch. Ist das gewollt? Gehört das so? Scheinbar, denn Zentimeter vor der Wand findet Olic den Spalt, die Lücke, irgendeine Lösung für dieses eben noch so komplexe Problem. Ivica Olic ist einer der letzten Offensivspieler, die einen Fußball spielen, der nicht nach einer Coumputerspiel-Animation aussieht oder auf technischer Brillanz beruht, sondern alleine auf Physis, Wille und, ach ja, Instinkt.

Seit eineinhalb Jahren findet Ivica Olic keine Lücke mehr. Im Sommer 2010 treten erstmals Knieprobleme auf, wenig später bricht sich der Stürmer die Nase. Im November wird ein Meniskus- und Knorpelschaden diagnostiziert. Acht Monate Pause, die Saison ist gelaufen. Plötzlich muss er alleine für sich arbeiten, nicht mehr im Team und für die Mannschaft. Für jemanden wie Olic die Umkehrung von allem, an was er geglaubt hat. Und trotzdem kämpt er sich zurück. Karl-Heinz Rummenigge schwärmt in der »Süddeutschen Zeitung«: »Er trainiert so ehrgeizig, wie ich es zuletzt bei Lothar Matthäus erlebt habe.«

Heute ist Olic wieder Stürmer Nummer drei

Im August 2011 das Comeback, in Wolfsburg wird er für vier Minuten eingewechselt, gegen seinen alten Klub den HSV darf er eine halbe Stunde mitspielen, er köpft das 5:0 und – verletzt sich wieder. Dieses Mal attestieren die Ärzte einen Teilriss der Sehne im rechten Hüftbeugemuskel. Erst in der Champions League bei Manchester City spielt er das erste Mal seit langem wieder von Anfang an. Er ist nun tatsächlich das, was man ihm schon am Anfang prophzeite: Stürmer auf Abruf. Und er ist nun – vielleicht nagt die lange Rehabilitierung – lauter geworden. Er sagt: »Jeder will spielen, ist doch klar. Wenn ich irgendwann sage, dass ich glücklich bin, nur weil ich bei Bayern bin, aber ich auf der Bank sitze – dann ist es besser, mit dem Fußball aufzuhören.«

Dieter Hoeneß würde den Stürmer mit Kusshand nehmen, alleine, er hat momentan keinen Job. »Im Nachhinein muss man natürlich sagen, dass Berlin einen Superstar verloren hat«, sagte er einmal, irgendwann im Frühjahr 2010, zur »B.Z.«. Der VfL Wolfsburg will diesen Superstar nun für sich gewinnen. Jupp Heynckes erlaubt einen Wechsel allerdings erst im Sommer. Das sind fünfeinhalb Monate. Viel Zeit im Fußball. Davor liegen das Meisterschaftsfinale und mindestens noch das DFB-Pokal-Achtelfinale sowie das Champions-League-Achtelfinale. Olympique Lyon hat sich dafür in letzter Sekunde qualifiziert. Cris spielt immer noch in der Innenverteidigung.

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