Ivan Klasnic ist zurück in der Bundesliga

Der Stehaufmann

Ivan Klasnic kehrt zurück in die Bundesliga. Er unterschrieb einen Vertrag bei Mainz 05. Doch wie erging es dem Spieler mit der Spenderniere eigentlich in den vergangenen Jahren? Ende 2011 besuchten wir ihn in Bolton, wo er über 80 Spiele für die Wanderers machte. Die Geschichte eines Unperfekten im auf Perfektion ausgerichteten Profifußball.

Heft#121 12/2011
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Ein Rucksack voller Blei

Ein milder Sommerabend, 5. August 2010, im feinen Hamburger Stadtteil Harvestehude. Patricia Klasnic hat eben mit ihrem Mann telefoniert, der seit zwei Jahren in England für die Bolton Wanderers spielt und im nahegelegenen Manchester lebt. Tochter Fabiana schläft bereits, es ist der Abend vor ihrem vierten Geburtstag, Patricia backt Kuchen, verpackt Geschenke, dann geht auch sie ins Bett. Gegen 1.10 Uhr schreckt sie hoch, ein Geräusch, eine Flasche vielleicht, irgendetwas fällt zu Boden. Das Nächste, was sie sieht, ist ein Mann, der sich über sie beugt. Er trägt einen schwarzen Trainingsanzug und weiße Handschuhe, in der Hand hält er ein Messer. Er zwingt sie, den Tresor zu öffnen, dann fesselt er sie. Wenig später ist er wieder verschwunden. Es fehlen Schmuck und Pokale im Wert von über 100 000 Euro. Ivan Klasnic fliegt am nächsten Tag nach Hamburg zurück. Die Familie beschließt, aus der Wohnung auszuziehen. Bis heute ist der Fall nicht aufgeklärt.

Knapp drei Monate danach, am 27. Oktober 2010, stehen Polizeibeamte um 5 Uhr morgens vor einem Apartment in Manchester. Sie suchen, so steht es später in einer Presseerklärung, nach einem »30-jährigen Mann, der verdächtigt wird, ein 17-jähriges Mädchen vergewaltigt zu haben«. Sie suchen Ivan Klasnic. Doch der ist nicht zu Hause. Erst im Laufe des Tages wird er festgenommen. In den nächsten Wochen muss er mehrmals vor Gericht aussagen. Im Februar 2011 wird die Klage fallengelassen, das Mädchen gibt zu, dass sie den Spieler beschuldigte, weil sie sich von ihm abgewiesen fühlte.

»Es war eine beschissene Zeit«

Zwei Geschichten über Ivan Klasnic, die irgendwann im medialen Rauschen untergingen. Über den Ausgang der Vergewaltigungsklage wurde in Deutschland nicht mal mehr berichtet. Für Ivan Klasnic, der in England gerade so etwas wie den Spaß am Spiel wiederentdeckt hatte, war es allerdings, als lade jemand tonnenschwere Bleiplatten in seinen Rucksack, in dem eh kaum noch Platz war. Manchmal hat er sich ohnmächtig gefühlt, manchmal alleine. »Man darf nicht zeigen, dass einen solche Dinge belasten«, sagt der 31-Jährige heute, Ende Oktober 2011, »doch natürlich war es eine beschissene Zeit.«

Ivan Klasnic sitzt in einer Bar im 23. Stock des Beetham Towers, dem höchsten Gebäude in Manchester. Bei klarem Wetter kann er von hier bis hinüber nach Bolton gucken. Gestern hat er dort mit den Wanderers 0:2 gegen Sunderland verloren. Klasnic ist der beste Torschütze im Team, doch in diesem Spiel saß er 65 Minuten auf der Bank. Sein Trainer Owen Coyle hatte ihm nach einem Platzverweis ein paar Wochen zuvor eine Art Denkpause erteilt. Früher wäre das schon mal ein Grund für ein paar Tage schlechte Laune gewesen. Nun wischt er sich einfach durchs Gesicht, es ist zu viel passiert, als dass ihm so etwas die Stimmung vermiesen würde. Und überhaupt: Was bedeutet Fußball für einen, der seit vier Jahren mit einer Spenderniere lebt und der auf dem Platz hätte sterben können? Der sich seit drei Jahren im Rechtsstreit mit den Ärzten seines alten Klubs befindet und als vermeintlicher Vergewaltiger durch die »Sun« getrieben wurde? Was ist Fußball in diesen Tagen für Ivan Klasnic? Ein Beruf? Eine Fessel? Ein Hobby?

»Na, Dicker, war das richtig so?«

Zwei andere Momente in Ivan Klasnics Leben erzählen die Geschichte über das große und freie Spiel. Ivan Klasnic ist gerade mal 17 Jahre alt, als er seinen ersten Einsatz für die zweite Mannschaft des FC St. Pauli hat. Kurz vor dem Anpfiff steht er neben seinem fünf Jahre älteren Mitspieler Mark Pomorin. »Sag mal, wie schafft man es eigentlich zu den Profis?«, fragt er. Pomorin überlegt, dann erkennt er den Jungen. Trainer Joachim Philipkowski hat ihn als den neuen 38-Tore-Stürmer aus der Jugend angekündigt. »Pass auf«, flüstert Pomorin, »nicht zu viel Egoismus, abspielen, dann klappt das irgendwann schon.« Ivan Klasnic schießt in dem Spiel drei Tore, seine Kollegen bekommen kaum einen Ball. Nach der Partie steht er wieder vor Pomorin: »Na, Dicker, war das richtig so?« Der Kollege ist für einen kurzen Moment sprachlos, dann nickt er. Man versteht sich.

Ein anderes Mal, im Mai 2004, tritt Klasnic mit dem SV Werder beim FC Bayern an. Die Norddeutschen können mit einem Sieg die Meisterschaft für sich entscheiden. Am Tag zuvor gibt es das übliche Säbelrasseln, Uli Hoeneß kündigt an, man werde die Bremer »aus dem Stadion fegen«. Ivan Klasnic hört nicht zu. Im Hotel stapelt er Fleischlappen übereinander und übergießt sie mit Sauce béarnaise. »Das war immer so: Er aß und aß. Manchmal kratzte er regelrecht den Topf aus«, erinnert sich sein damaliger Mitspieler Valérien Ismaël. »Ich fragte ihn dann oft: Wie willst du morgen spielen?« Der Kroate zuckt für gewöhnlich mit den Schultern. »Klappt schon«, sagt er dann. Und es klappt auch dieses Mal: Am Samstag um 15.49 Uhr kann Oliver Kahn einen Steilpass nicht festhalten, er fällt Klasnic vor die Füße, der dreht sich, umspielt geschickt den Torwart und schießt den Ball ins Tor. Werder ist Meister. Später am Abend taumelt der Stürmer freudetrunken mit einem Pepita-Hut vor eine Kamera des NDR: »Danke Olli, dass du dich an unsere Absprache gehalten hast.« Es war vielleicht das letzte Mal, dass sich Fußball leicht anfühlte, so herrlich naiv.

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