Italiens Hoffnungsträger Cesare Prandelli

Weg mit der Wagenburgmentalität

Frühes Aus bei der EM 2008, noch früherer Aus bei der WM 2010 – der italienische Fußball hatte nach dem Titelgewinn 2006 nichts mehr zu lachen. Dass die Squadra Azzura 2012 wieder im Konzert der Großen mithalten kann, hat sie einem Mann zu verdanken: Trainer Cesare Prandelli.

Als Cesare Prandelli vor zwei Jahren zum italienischen Nationaltrainer ernannt wurde, da schien es, als würde er das Erbe eines niedergegangenen Adelsgeschlechts übernehmen, ohne zu wissen, was davon überhaupt noch übrig war. Im Juli 2010 stand ganz Italien unter Schock. Bei der Weltmeisterschaft in Südafrika waren die Italiener als Titelverteidiger angetreten, aber dann war schon nach drei Spielen und einer traumatischen 2:3-Niederlage gegen die Slowakei alles vorbei. Mit dieser Schmach schien endgültig belegt, dass der italienische Fußball in einer tiefen Krise steckte und überdies nicht fähig war, vielversprechende junge Talente hervorzubringen. Zu diesem Missstand hatten nicht zuletzt die Vereine beigetragen: José Mourinhos Inter Mailand hatte zwar die italienische Meisterschaft, den Pokal und die Champions League gewonnen, doch das nicht selten mit elf Ausländern auf dem Platz. Der Nationalelf stellte dieser Klub damals keinen einzigen Spieler zur Verfügung. Auch die profiliertesten Akteure der Azzurri waren nach der WM enttäuscht und entmutigt. »Ich glaube kaum, dass wir uns für die Europameisterschaft qualifizieren können«, meinte etwa Torwartlegende Gianluigi Buffon. »Um aus diesem Tief wieder herauszukommen, werden wir länger als bloß zwei Jahre brauchen.«

Ein allumfassender Pessimismus breitete sich aus, doch nicht der war der Grund dafür, dass der designierte Nationalcoach Prandelli zunächst gar nicht wusste, ob er den Job wirklich antreten wollte. »Die notwendige Aufbauarbeit schreckte mich nicht«, erklärt er, »aber ich fühlte mich mit 53 Jahren eigentlich noch zu jung für eine Arbeit, bei der man nicht Tag für Tag auf dem Platz steht. Ich fragte mich, was ich wohl in den Wochen und Monaten zwischen den Spielen machen würde.« Wäre nicht sein Verhältnis zu Diego Della Valle, dem Präsidenten des AC Florenz, nach fünfjähriger Zusammenarbeit zerrüttet gewesen, hätte es Prandelli wahrscheinlich abgelehnt, das Traineramt bei den Azzurri zu übernehmen. Doch es kam anders, und nun hat Cesare Prandelli innerhalb von nur zwei Jahren das Vertrauen des Landes in die italienische Nationalelf wiederhergestellt und beinahe so etwas wie eine kleine Euphorie ausgelöst. Die EM-Qualifikation überstand die Mannschaft ohne Niederlage, was Prandelli jedoch nicht überbewertet wissen will: »Mir war klar, dass die Ergebnisse nicht das Wichtigste sind, so sehr man auch danach bewertet wird. Ich wusste nicht, ob und wann wir gewinnen werden, aber das Entscheidende war, wieder eine emotionale Verbindung zwischen der Nationalelf und dem Land herzustellen.«

Prandellis Vorgänger Marcello Lippi war da einer ganz anderen Philosophie gefolgt. Zu seiner Zeit müssen sich die italienischen Nationalspieler gefühlt haben wie unter Belagerung in Fort Alamo. Überall außerhalb des Mannschaftszirkels lauerte seinerzeit angeblich der Feind, jederzeit bereit, seine zersetzende Kritik abzufeuern. Diese Wagenburgmentalität war es, die das Team 2006 so stark gemacht hatte, dass am Ende des Turniers in Deutschland der unerwartete Weltmeistertitel stand. Doch sie hatte auch dazu geführt, dass die Öffentlichkeit der Mannschaft und ihrem Trainer die Sympathien entzog.

Das erste, was Prandelli von seinen Spielern verlangte, war deshalb eine größere Offenheit. »Wir sind privilegiert», sagt er. »Wenn man uns um ein Foto oder ein Autogramm bittet, darf uns das nicht nerven.« Darüber hinaus legt er großen Wert darauf, dass sich das Nationalteam sozial engagiert. Prandelli hat mit den Spielern ein Gefängnis in Florenz besucht und sie einen Tag lang im Herzen Kalabriens trainieren lassen, auf einem Sportplatz, der der ’Ndrangheta – der mächtigen lokalen Mafia – abgetrotzt wurde und jetzt von einem Haufen Freiwilliger als Bollwerk gegen die organisierte Kriminalität betrieben wird.

Geprägt durch den Tod seiner Frau

Die Spieler folgen nun einem Verhaltenskodex, der unter Prandelli für alle Nationalspieler obligatorisch ist: Wer sich auf und neben dem Platz nicht korrekt verhält, wird nicht mehr berufen. So sind in den letzten Monaten Spieler wie Balotelli, De Rossi und Osvaldo zeitweise aus dem Kader geflogen. Obwohl Prandelli zwei Jahre in Folge als bester Trainer der Serie A ausgezeichnet wurde, ist sein Arbeitsstil weniger manisch als der vieler Kollegen und allein auf den Fußball fokussiert. Für ihn ist das, was den Fußball umgibt, ebenso wichtig wie das Spiel selbst. Eine Erkenntnis, die er zum großen Teil aus der Trauer um seine Frau Manuela gewann, die Ende 2007 starb. »Es war das Ende eines achtjährigen Leidensweges«, erzählt er. »Erst wurde ein Knoten in der Brust festgestellt. Wir dachten, die Sache wäre mit einer Operation behoben, doch zwei Jahre später kam der Krebs zurück, schlimmer als zuvor. Wir waren überall, und nach unzähligen Behandlungen haben uns Spezialisten in Paris neue Hoffnung gemacht. Zunächst sah es auch ganz gut aus, aber dann hat sich ihr Zustand verschlechtert. Und schließlich griff der Tumor die Leber an.«

Ganz Italien war berührt von diesem menschlichen Drama, das erstmals im Sommer 2004 bekannt wurde, als Cesare Prandelli nach gerade einmal zwei Monaten den AS Rom verließ, um seiner Frau beizustehen. »Viele haben sich darüber gewundert«, sagt Prandelli, »obwohl das jeder gemacht hätte, dem es finanziell möglich gewesen wäre. Aber im Fußball herrscht nun mal keine Normalität.«

Cesare (sein richtiger Name ist Claudio, so erscheint er auch in seinem ersten Eintrag als junger Fußballer bei US Cremonese) und Manuela hatten sich als Jugendliche in einem Café bei einer Tasse heißer Schokolade kennengelernt. Er kam aus Orzinuovi, einem 13 000-Einwohner-Städtchen zwischen Brescia und Cremona, sie aus einem Ort ganz in der Nähe. Die beiden waren 25 Jahre verheiratet und haben nach Aussage von Prandelli »ein einziges Mal gestritten, wegen eines Tischtennisschlägers«. Während er den aufreibenden Job eines Fußballtrainers ausübte, zog sie die gemeinsamen Kinder Niccolò und Carolina groß. »Sie war auch in den kleinsten Dingen immer für mich da«, erinnert sich Prandelli. »Beispielsweise war ich nicht daran gewöhnt, Bargeld dabeizuhaben. Nie habe ich einen Geldautomaten benutzt. Als sie starb, musste ich meine Freunde monatelang darum bitten, mir Geld zu leihen, um alles Mögliche bezahlen zu können – weil ich einfach nie welches dabeihatte.«
Die Kraft, wieder ins Leben zu finden, habe ihm Gott gegeben, sagt Prandelli. Er gehört zu jenem Typ Italiener mit einem soliden, aber nie nach außen gewandten Glauben, der entsteht, wenn man schon als Kind regelmäßig die Fußballplätze der Pfarrgemeinden bespielt. Fünf Jahre nach ihrem Tod ist die Erinnerung an Manuela immer noch intensiv, doch das Leben hat ihm eine neue Gefährtin zur Seite gestellt, Novella. Die beiden leben zusammen in Florenz. »Das menschliche Ziel ist Glück«, meint Prandelli. »Meinen Kindern habe ich gesagt, dass sie durch Novella nicht ihren Vater verlieren, sondern einen glücklicheren Mann an ihrer Seite gewinnen. Ich habe jemanden gefunden, der in mir den Wunsch geweckt hat, noch einmal mein Glück in der Liebe zu versuchen. Und ohne Liebe könnte ich nicht leben.«

Das merkt man auch an der Art und Weise, wie Cesare Prandelli die italienische Nationalmannschaft trainiert.

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