10.06.2012

Italiens Hoffnungsträger Cesare Prandelli

Weg mit der Wagenburgmentalität

Frühes Aus bei der EM 2008, noch früherer Aus bei der WM 2010 – der italienische Fußball hatte nach dem Titelgewinn 2006 nichts mehr zu lachen. Dass die Squadra Azzura 2012 wieder im Konzert der Großen mithalten kann, hat sie einem Mann zu verdanken: Trainer Cesare Prandelli.

Text:
Marco Ansaldo
Bild:
Imago

Als Cesare Prandelli vor zwei Jahren zum italienischen Nationaltrainer ernannt wurde, da schien es, als würde er das Erbe eines niedergegangenen Adelsgeschlechts übernehmen, ohne zu wissen, was davon überhaupt noch übrig war. Im Juli 2010 stand ganz Italien unter Schock. Bei der Weltmeisterschaft in Südafrika waren die Italiener als Titelverteidiger angetreten, aber dann war schon nach drei Spielen und einer traumatischen 2:3-Niederlage gegen die Slowakei alles vorbei. Mit dieser Schmach schien endgültig belegt, dass der italienische Fußball in einer tiefen Krise steckte und überdies nicht fähig war, vielversprechende junge Talente hervorzubringen. Zu diesem Missstand hatten nicht zuletzt die Vereine beigetragen: José Mourinhos Inter Mailand hatte zwar die italienische Meisterschaft, den Pokal und die Champions League gewonnen, doch das nicht selten mit elf Ausländern auf dem Platz. Der Nationalelf stellte dieser Klub damals keinen einzigen Spieler zur Verfügung. Auch die profiliertesten Akteure der Azzurri waren nach der WM enttäuscht und entmutigt. »Ich glaube kaum, dass wir uns für die Europameisterschaft qualifizieren können«, meinte etwa Torwartlegende Gianluigi Buffon. »Um aus diesem Tief wieder herauszukommen, werden wir länger als bloß zwei Jahre brauchen.«

Ein allumfassender Pessimismus breitete sich aus, doch nicht der war der Grund dafür, dass der designierte Nationalcoach Prandelli zunächst gar nicht wusste, ob er den Job wirklich antreten wollte. »Die notwendige Aufbauarbeit schreckte mich nicht«, erklärt er, »aber ich fühlte mich mit 53 Jahren eigentlich noch zu jung für eine Arbeit, bei der man nicht Tag für Tag auf dem Platz steht. Ich fragte mich, was ich wohl in den Wochen und Monaten zwischen den Spielen machen würde.« Wäre nicht sein Verhältnis zu Diego Della Valle, dem Präsidenten des AC Florenz, nach fünfjähriger Zusammenarbeit zerrüttet gewesen, hätte es Prandelli wahrscheinlich abgelehnt, das Traineramt bei den Azzurri zu übernehmen. Doch es kam anders, und nun hat Cesare Prandelli innerhalb von nur zwei Jahren das Vertrauen des Landes in die italienische Nationalelf wiederhergestellt und beinahe so etwas wie eine kleine Euphorie ausgelöst. Die EM-Qualifikation überstand die Mannschaft ohne Niederlage, was Prandelli jedoch nicht überbewertet wissen will: »Mir war klar, dass die Ergebnisse nicht das Wichtigste sind, so sehr man auch danach bewertet wird. Ich wusste nicht, ob und wann wir gewinnen werden, aber das Entscheidende war, wieder eine emotionale Verbindung zwischen der Nationalelf und dem Land herzustellen.«

Prandellis Vorgänger Marcello Lippi war da einer ganz anderen Philosophie gefolgt. Zu seiner Zeit müssen sich die italienischen Nationalspieler gefühlt haben wie unter Belagerung in Fort Alamo. Überall außerhalb des Mannschaftszirkels lauerte seinerzeit angeblich der Feind, jederzeit bereit, seine zersetzende Kritik abzufeuern. Diese Wagenburgmentalität war es, die das Team 2006 so stark gemacht hatte, dass am Ende des Turniers in Deutschland der unerwartete Weltmeistertitel stand. Doch sie hatte auch dazu geführt, dass die Öffentlichkeit der Mannschaft und ihrem Trainer die Sympathien entzog.

Das erste, was Prandelli von seinen Spielern verlangte, war deshalb eine größere Offenheit. »Wir sind privilegiert», sagt er. »Wenn man uns um ein Foto oder ein Autogramm bittet, darf uns das nicht nerven.« Darüber hinaus legt er großen Wert darauf, dass sich das Nationalteam sozial engagiert. Prandelli hat mit den Spielern ein Gefängnis in Florenz besucht und sie einen Tag lang im Herzen Kalabriens trainieren lassen, auf einem Sportplatz, der der ’Ndrangheta – der mächtigen lokalen Mafia – abgetrotzt wurde und jetzt von einem Haufen Freiwilliger als Bollwerk gegen die organisierte Kriminalität betrieben wird.

Geprägt durch den Tod seiner Frau

 
 
 
 
 
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