Italiens Hirn: Andrea Pirlo

Der große Abstrakte

Andrea Pirlo ist 35 Jahre alt und aus der Zeit gefallen. Eine Huldigung des großen Schweigers und Angstgegners der deutschen Mannschaft

imago
Heft: #
151

Der Spieler, um den die Welt Italien beneidet, ist ein Durchschnittstyp mit krummen Beinen. Er ist nicht besonders schnell, er kann nicht dribbeln, akro­batische Einlagen sind erst recht nicht sein Ding und höchst selten gelingt ihm ein Tor aus dem Spiel heraus. Für ihn muss der Ball bitteschön erst ruhig liegen, dann schreitet er zur Tat, gemächlich.

Freistöße und Ecken sind seine Spezialität, bloß nichts Unberechenbares und bitte keine Hektik und kein Gewusel. Trifft er, bleibt sein Gesicht genauso ausdruckslos wie zuvor beim Schuss. Ein immer etwas bleiches Gesicht voller Weltekel, darin ein wild wuchernder Bart, der Gesamteindruck irgendwo zwischen Räuber Hotzenplotz und Christus von Mantegna.

Ein Meister der Stille

Die Miene konzentriert, ernsthaft, fast düster. Und wenn doch einmal ein knappes Lächeln darüber irrlichtert, so wirkt das fast schon verstörend. Einen Wimpernschlag lang scheint er dann die Kontrolle zu verlieren, länger nicht. Während im Stadion Zehntausende jubeln, schreien und toben, ist An­drea Pirlo schon wieder ganz bei sich.

Er ist ein Meister der Stille. Nimmt Tempo aus dem Spiel, bis es in seinem gewünschten Takt tickt. »Metronom« nennen sie ihn zu Hause, weil er in
seinen Mannschaften Juventus Turin und der Squadra Azzurra den Rhythmus vorgibt, ruhig und gleichmäßig. Wenn man Pirlo zuschaut, könnte man den Ein­druck gewinnen, Fußball sei reine Prä­zisionsarbeit. Der Mann scheint ununterbrochen vor sich hinzurechnen, die Räume auszutarieren, Winkel zu messen. Dann kommt ein zentimetergenauer Pass. Oder ein Freistoß mit Magnus-Effekt, wenn der Ball im hohen Bogen zum Tor gedreht wird.

»Ich schieße, wie es dem Moment entspricht«

Darin ist Pirlo unerreicht, er pflegt unerhörte, ungeheure, unhaltbare Freistöße zu drechseln, manchmal von lyrischer Langsamkeit, manchmal über hundert Stundenkilometer schnell. »Ich schieße, wie es dem Moment entspricht«, sagt er selbst. »Da berechne ich halt die Position der Mauer, den Winkel und dann geht’s los.« Metronom und Geodreieck, so einfach ist es.

Pirlo hat alles gewonnen, die Weltmeisterschaft, die Champions League, nationale Meisterschaften sowieso. Auch in der Kunst des Understatements schlägt er alle. Doch gerade weil Andrea Pirlo aus seinem Spiel kein Geheimnis macht, wirkt er umso geheimnisvoller. Es hat sich herumgesprochen, dass er seine Freistöße mit größter Disziplin einstudiert, dennoch umgibt ihn auf dem Platz nicht die buchhalterische Aura eines Vermessungstechnikers, sondern der Glanz eines Künstlers. Andrea Pirlo ist der große Abstrakte des Weltfußballs.

Der Zufall kann entscheiden

Und weil er Italiener ist, schwingt in der Abstraktion immer noch eine besondere, melancholische Eleganz, die mit »Lässigkeit« nur unzureichend beschrieben ist. Lässig zu sein, birgt eine gewisse Gleichgültigkeit, die Andrea Pirlo nicht hat. Er betreibt die Suche nach persönlicher Perfektion im Bewusstsein von deren Unmöglichkeit.

Lässigkeit kann man inszenieren aber dieses uritalienische Lebensgefühl nicht. Auch als Meister seines Fachs, als Überflieger, als Genie zu wissen, dass die Möglichkeit des Scheiterns allgegenwärtig ist. Der Zufall kann entscheiden, die Tagesform, so ist das Leben. Italien ist ein Land, das den größten Kunstschatz der Welt unter Dauerbedrohung einer feindlichen, unberechenbaren Natur geschaffen hat. Vulkanausbrüche, Erdbeben – wegen Letzterem mussten auch schon Spiele der Nationalmannschaft abgesagt werden.

»Der Beweis der Existenz Gottes«

Nationaltrainer Cesare Prandelli lässt kaum eine Gelegenheit aus, öffentlich zu erklären, es gäbe Wichtigeres als Fußball. Pirlo scheint diese Erkenntnis immer dann mit besonderer Emphase zu verkörpern, wenn er dem Gegner mal wieder ein Freistoßtor verpasst hat. Nur einmal gab es für ihn nichts Wichtigeres als Fußball: Nach dem verlorenen EM-Finale 2012 sah man Andrea Pirlo hemmungslos heulen.

Der Mann scheint über allen Wassern zu schweben, über dem Platz sowieso. »Der Beweis der Existenz Gottes« hat Italiens Nationaltorwart Gigi Buffon einmal über Pirlo gefrotzelt, ernst schob Buffon nach: »Sein Können macht uns verlegen.« Was ein ehrliches und selten präzises Kompliment war, das viele Gegner durchaus teilen. Pirlo gehört tatsächlich zu den ganz wenigen Spielern, die nicht nur diese Art von verlegenem Staunen auslösen, sondern auch einen Heidenrespekt. Als wäre ein Foul gegen ihn ein Sakrileg.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!