Italien setzt auf den Rocky-Effekt

The Italian Stallion

Alt, fertig und irgendwie immer am Ende. Der italienische Fußball kann aktuell nicht viel mehr als überleben. Glanzlichter setzt er nur noch in Situationen ohne Hoffnung. Wie die Serie A vom Rocky-Balboa-Effekt profitiert. Italien setzt auf den Rocky-Effektimago

Er ist ein Hoffnungsschimmer für die Hoffnungslosen. Wenn nichts mehr geht, wenn alle Chancen verbraucht sind und der Gegner einfach zu mächtig erscheint, dann hört man im Hinterkopf manchmal die raue Stimme von Sylvester Stallone, die einem schwer atmend zuruft: »It ain’t over, till it’s over.« Das ist das Motto von Stallones berühmtester Filmfigur, dem Boxer Rocky Balboa. In insgesamt fünf Filmen kassierte Balboa unzählige Schläge, wurde von seinen Gegnern verhöhnt und vom Publikum mitleidig belächelt - alles natürlich in Erwartung der sicheren Niederlage. Aber immer, wenn Rocky schon mehrfach auf die Bretter gegangen war und seine Niederlage in Stein gemeißelt schien, waren seine Gegner der Niederlage am nächsten - Rocky Balboa, der »Italian Stallion«, brachte seine besten Leistungen immer dann, wenn ihn alle schon längst abgeschrieben hatten.

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Und irgendwie hatte man deshalb den Eindruck, als ob am Dienstag elf Rocky Balboas unter dem Namen Inter Mailand über den Platz fegten. Man könnte sogar weiter gehen und behaupten, der gesamte italienische Fußball sei in den vergangenen Jahren zunehmend der totalen Balboaisierung des Spielbetriebs »zum Opfer« gefallen. Italiens Fußball muss in die Ecke gedrängt, geärgert und verhöhnt werden, bevor er zurückschlägt. Das verwundert kaum. Schließlich reden wir hier von einem Land, dass in den Augen seiner Nachbarn längst zu einer bemitleidenswerten, und kaum ernstzunehmenden, Bunga-Bunga-Bananenrepublik verkommen ist. Die Meinung über den italienischen Fußball war zuletzt nicht besser. Aber aus dem Spott der Nachbarn zieht der italienische Fußball anscheinend erst die Kraft, in den überraschenden Momenten seine Gegner auszuknocken.  

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Diese seltsame Art der Motivation zieht sich in den vergangenen Jahren wie ein roter Faden durch die großen Erfolge des italienischen Fußballs. 2006 peitschten die Abgesänge auf den »Calcio« im Zuge des Calciopolli-Manipulationsskandals die Nationalmannschaft zum ersten WM-Titel seit 1982. 2007, als sich Europa über das Altenheim Serie A amüsierte, knipste ausgerechnet der 34-Jährige Filippo Inzaghi den AC Mailand zum Champions-League-Sieg. Im Februar dieses Jahres, beim Länderspiel zwischen Deutschland und Italien, in dem die DFB-Elf sich gewissermaßen als Gralshüter des modernen Fußballs inszenierte, trotzte eine hastig zusammen gezimmerte »Squadra Azzura« dem WM-Dritten ein nicht unverdientes Unentschieden ab.

Genialer »Lucky Punch«


Der jüngsten Episode dieses »Balboa-Effekts« fiel Bayern München am Dienstagabend zum Opfer. Die Bayern würden in das Viertelfinale der Champions League einziehen.  Davon war Fußballdeutschland überzeugt. Franz Beckenbauer hatte schließlich bereits am Vortag der Partie den Anfang vom Ende des italienischen Fußballs eingeläutet, indem er verkündete: »Früher wollten alle in die Serie A. Heute ist das offensichtlich nicht mehr so.« Und auch Bayern-Stürmer Mario Gomez war in Gedanken schon einige Schritte weiter: »Unser Ziel ist der Champions-League-Titel!« Erwartungsgemäß stand es zur Halbzeit 2:1 für den FC Bayern. Inter Mailand, der letzte Vertreter des italienischen Fußballs in Europa, schwankte anscheinend nur noch durch den Ring, in stiller Erwartung des finalen K.o – Schlags durch den FC Bayern.  

Doch dann trat der »Balboa-Effekt« des italienischen Fußballs auf den Plan: 2:2, Wesley Sneijder. Kurz vor Schluss kam dann die Führung von Goran Pandev, durch eine Mischung aus »Lucky Punch« und Geniestreich. Die sicher geglaubte Niederlage der Italiener war in einen Hollywoodreifen Last-Minute-Sieg des vermeintlichen Underdog verwandelt worden.  

Rocky Balboa wäre sicherlich stolz darauf, zu sehen, wie die Italiener sein Mantra »It ain’t over, till it’s over«, mal wieder derart brillant umgesetzt haben. Leider wird der italienisch-amerikanische Boxer auf der Leinwand zu diesen Ereignissen nie Stellung nehmen können. Sein Schöpfer Sylvester Stallone hat den Faustkämpfer nach dem Ende der Reihe 2006 endgültig in Rente geschickt. Der italienische Fußball lebt weiter. Vielleicht macht Stallone ja sogar mal einen Film darüber.

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