27.06.2012

Italien ohne Angst vor Deutschland

Sie fürchten sich nicht

Wir halten die Italiener gerne für romantisch und impulsiv. Jedenfalls für eher weich als hart. In Wirklichkeit sind zumindest die Fußballer ziemlich kalte Hunde.

Text:
Peter von Becker
Bild:
Imago

Italiener reizen zu Vorurteilen. Deutsche natürlich auch. Aber die Deutschen sind wir ja selbst, während die Italiener die anderen sind – ganz besonders am kommenden EM-Halbfinaldonnerstag, der hoffentlich kein schwarzer wird. Sondern ein schwarzweißer, bei dem die deutsche Nationalmannschaft, die seit vier Jahrzehnten gegen Italien nicht mehr entscheidend gewonnen hat, mit einem azurblauen Auge davonkommt.

Ausgerechnet gegen Deutschland spielen die Italiener immer ihre besten Spiele. Bisher wenigstens. Warum das so ist, von der halbfinalen Hitzeschlacht im Aztekenstadion 1970 in Mexiko City bis zur berühmt-berüchtigten Verlängerungsnacht von Dortmund 2006, kann niemand erklären. Aber dass Deutschland und Italien wechselweise eine besondere Beziehung haben, die auch zum herausfordernden Ansporn wird, das lässt sich polithistorisch und kulturgeschichtlich tausendfach belegen. Nur: Warum spielen die Italiener ihren »calcio« genannten Fußball im (italienischen) Glücksfall überhaupt so verdammt cool, diszipliniert, abgezockt, konzentriert?

Ein Vorurteil: Hitzig statt cool

Jetzt kommen die Vorurteile ins Spiel. Die meisten Deutschen, und nicht nur sie, halten die Italiener gerne für romantisch, anarchisch, impulsiv, individualistisch. Für eher weich als hart und hitzig statt cool. In Wirklichkeit aber sind die wegen all dieser vermeintlichen Eigenschaften so liebenswerten Italiener auch das: ziemlich kalte Hunde.

Zumindest die Fußballer. Torhüter Gianluigi »Gigi« Buffon zum Beispiel, der Mann mit den phänomenalen Reflexen, 34 Jahre alt, ist im realen Leben tatsächlich ein Zocker und wirkt, wenn ihn etwas aufregt, wie ein brennendes Temperamentsbündel. Und hat doch, wenn es darauf ankommt, so zuletzt beim Elfmeterschießen, Nerven wie Eisen.

Klischees sind Zerrbilder

Nun könnte man einfach sagen, Stereotypen sind sowieso immer blöd. »Die« Italiener oder »die« Deutschen gibt es gar nicht. Schließlich sind wir ja auch nicht alle Sauerkrautesser oder wandernde Bierfässer. Und unsere Spieler keine martialischen Tanks, obwohl sie bis vor kurzem in der italienischen Presse gerne »i panzer« genannt wurden. Angesichts von Özil, Khedira oder dem eleganten kleinen Lahm wird darauf inzwischen weitgehend verzichtet. Doch jetzt, im direkten Ernstfall, ist wohl wieder mit allem zu rechnen.

Andererseits, Klischees, die ja genau genommen Abziehbilder der Wirklichkeit sind, bergen meist ein Stück oder zumindest Stückchen Wahrheit. Also sind Italiener (nicht »die« Italiener) oft starke Individualisten, sind heißblütig und nicht bloß cool, und ein paar von ihnen gehen sogar noch als Latin Lover durch. Trotzdem gibt es eine ganz andere Seite, die sofort die Widersprüchlichkeit angeblicher Nationalcharaktere zeigt. Italiener nämlich sind auch: kühle Rationalisten. Oder tiefe Melancholiker. Oder ganz unromantisch.

Traditionalisten und Individualisten

 
 
 
 
 
12
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden