Ist Julian Schieber doch ein Superstürmer?

Halb Bulle, halb Bison

In den vergangenen Jahren wurde Stürmer Julian Schieber vor allem belächelt. Nun traf er am ersten Spieltag gleich doppelt für seinen neuen Klub Hertha BSC. Müssen wir uns nun entschuldigen?

imago

Achtung, nun folgt ein Satz, der viele verstört zurücklassen wird: Julian Schieber war mal eine von Deutschlands größten Sturmhoffnungen. Das Besondere: Dafür konnte er nicht mal so richtig etwas. Denn ziemlich genau vor fünf Jahren, am 15. August 2009, erzielte der damals 20-Jährige sein erstes Bundesligator, wenige Wochen später legte er einen Doppelpack nach, debütierte in der deutschen U21-Nationalmannschaft. In seinem ersten Spiel traf er auch hier doppelt. Der Boulevard taufte ihn »Bulle von Backnang«, sein damaliger VfB-Trainer Markus Babbel japste: »Er weiß gar nicht, wie gut er ist«, der VfB-Nachwuchsleiter setzte gar zur schwäbischen Version des Ritterschlags an und sagte: »Von seinen Voraussetzungen erinnert er an Mario Gomez«. Bevor Julian Schieber also so richtig im Profizirkus angekommen war, hatte er schon einen mächtigen Rucksack auf dem Rücken. Seine Torquote blieb, freundlich formuliert, bescheiden, wegen seines unbändigen Einsatzwillens wurde er im Neckarstadion dennoch zum Publikumsliebling.

Der einzige Verlierer des BVB-Hypes

Über die Stationen Stuttgart (62 Spiele / 7 Tore) und Nürnberg (33/10) kam Julian Schieber 2012 schließlich zu Borussia Dortmund. Wie das geschehen konnte, weiß heute irgendwie keiner mehr so genau. Doch weil der BVB zu dieser Zeit noch als heißester Klub Europas gehandelt wurde, sorgte die beachtliche Ablösesumme von knapp sechs Millionen Euro durchaus für Aufsehen. Sein Karriereweg schien vorgezeichnet, denn in den goldenen Händen von Jürgen Klopp sollte aus dem Rohdiamanten Julian Schieber ein Sturmjuwel werden, der früher oder später den abwanderungswilligen Robert Lewandowski vergessen machen sollte. Meisterschaften, große Europapokalabende, Turnierteilnahmen mit der Nationalmannschaft – plötzlich schien für Julian Schieber nichts mehr unerreichbar. Dumm nur, dass bei all den hochtrabenden Plänen offenbar vergessen wurde, Schieber zu fragen, was er eigentlich für Ambitionen habe. Denn im Hochglanzbetrieb Profifußball wirkte Schieber allzuoft gänzlich unbeteiligt, um nicht zu sagen desinteressiert. Dennoch wurde sein Rucksack in Diensten des BVB nicht leichter. Und schnell bremste die Realität des Stürmers Schieber die Vision der anderen für den Stürmer Schieber aus.

Er spielte nur noch so, als hätte er einen ganzen Kühlschrank auf dem Rücken. Vollgepackt mit Bierfässern. Im Zentrum der leichtfüssigen BVB-Offensive, die Europa verzauberte, wirkte Schieber nicht mehr wie der »Bulle von Backnang«, sondern wie ein angetrunkener Bison. Technisch limitiert, vor dem Tor mitunter überhastet, taktisch überfordert – die perfekt geölte BVB-Maschine legte Schiebers Schwächen gnadenlos offen. Im Grunde war er der einzige Verlierer des großen BVB-Hypes. Wurde er eingewechselt, raunte sich die Südtribüne missmutig zu, dass Klopp das Spiel nun abschenke.

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