Ist Chelsea ein verdienter Champions-League-Sieger?

The Unbeautiful Game

Der FC Chelsea zerstörte den Fußball und verhöhnte das schöne Spiel. Glaubt man den deutschen Fußballexperten, gab es nie einen unverdienteren Sieger in der Geschichte der Champions League. Doch beruht Chelseas Triumph tatsächlich nur auf Glück?

»Fußball ist manchmal verrückt«, sagte Chelseas Trainer Roberto Di Matteo nach dem Champions-League-Finale. Zuvor hatte er Bayern-Coach Jupp Heynckes die Hand geschüttelt und war unaufgeregt auf den Rasen geschritten, wo seine Spieler um die Wette tobten. In diesem Moment sah Di Matteo wie ein Bankangestellter aus, der erfahren hatte, dass seine Zahlen aus dem letzten Quartal abgenickt wurden. Dabei hatte er gerade den wichtigsten Titel im europäischen Fußball gewonnen. Er hatte den heiligen Gral nach London gebracht. So jedenfalls titelte die »Daily Mail« in diesen Minuten auf ihrer Website.

Doch Di Matteo schien all der Überschwang nicht zu interessieren. Er schritt einfach weiter über den Rasen, und als er schließlich von einem deutschen Sky-Reporter gefragt wurde, ob Fußball nicht auch schön sein müsse, kehrte er diesem wortlos den Rücken zu und ging davon.

Manchmal ist Fußball auch gemein, sagt man. Und dieses Mal soll er ganz besonders gemein gewesen sein. Das befanden zahlreiche deutsche TV-Experten, die nach dem Spiel befragt wurden. »Die Art, wie Chelsea hier Fußball gespielt hat, ist eines Champions-League-Siegers nicht würdig«, sagte Stefan Effenberg. Danach gratulierte er der Form halber, doch im Subtext schwang mit: Wie vermessen ist es eigentlich, dass Chelsea annimmt, in diesem, in unserem Elite-Wettbewerb mitzuspielen – und dann auch nocht zu gewinnen.

Ähnlich dachte vermutlich auch Matthias Sammer, der ergänzte: »Das war ungerecht!« Schon nach Chelseas Sieg gegen den FC Barcelona hatte der DFB-Sportdirektor von einer »Katastrophe für den Fußball« gesprochen und dabei immer wieder zum Himmel geschaut. Hatte sich der Fußballgott in jenem Halbfinale schlichtweg einen Scherz erlaubt, war er dieses Mal, irgendwann zwischen der 83. und 88. Minute, gar nicht erst anwesend gewesen.

Ist Fußball nicht auch Taktik und Zerstören?

Doch kann man einer Fußballmannschaft überhaupt vorwerfen, dass sie unverdient einen Titel gewonnen hat, nur weil sie nicht den Fußball spielt, zu dem der geneigte Zuschauer mit der Zunge schnalzt, zu dem er aufsteht und seine Klatschpappen aneinander schlägt oder den er sich im Nachhinein aus zwanzig verschiedenen Perspektiven und in sämtlichen Superzeitlupen immer wieder anschaut? Fußball war immer auch Defensive, Taktik, Zerstören und Abwarten. Und Fußball heißt vor allem, ein Tor mehr als der Gegner zu schießen. Wie vermessen ist es, diesen Fußball als falsch und nicht titelwürdig zu erachten?

Sicher, man kann dem FC Chelsea vorwerfen, dass es dem Klub mit den Milliarden von Roman Abramowitsch in der jüngeren Vergangenheit nicht gelang, einen Kader zusammenzustellen, der kreativen und zugleich erfolgreichen Fußball spielt. Doch was sonst? Ein schnöder Blick auf die abgelaufene Spielzeit zeigt, wie sehr der FC Chelsea sich dieses Finale und den Triumph erkämpft hat.

Triumph gegen die beste Mannschaft der Welt

Die Saison hatte für den West-Londoner Klub bis zu diesem Finale keine großen Highlights zu bieten. Mit einem überalterten Kader mühte sich das Team in der Liga auf den sechsten Platz. Die Mannschaft hatte da schon mehrere Zerreißproben hinter sich. Auch weil Di Matteos Vorgänger, der Portugiese Andre Villas-Boas, glaubte, Spieler wie Didier Drogba oder Frank Lampard auf die Bank setzen zu können. Er wollte irgendwas auf den Kopf stellen, alte Schlachtrösser hatten in seiner Fußball-Idee keinen Platz mehr. Am Ende standen alle – die Mannschaft, die Fans, die Klubbosse – gegen den Trainer. Mit Di Matteo kam der Erfolg zurück, und die Mannschaft holte immerhin noch den FA Cup.

In der Champions League stand die Mannschaft schon im Achtelfinale vor dem Aus. Beim SSC Neapel verlor Chelsea nach einer desolaten Leistung mit 1:3. Doch das Team kam zurück. Im Rückspiel gewann Chelsea an der Stamford Bridge mit 4:1 nach Verlängerung. Es war das erste Spiel von Roberto di Matteo. Die Siege gegen Benfica Lissabon und der Triumph gegen den FC Barcelona folgten. Man hätte den Sieg gegen Barca als einen Triumph gegen die beste Mannschaft der Welt festhalten können. Was blieb, war der Begriff »Anti-Fußball«. So jedenfalls polterte die Presse jenseits von London.

Im Camp Nou spielte Chelsea ab der 37. Minute mit zehn Mann, denn John Terry war nach einer Tätlichkeit gegen Alexis Sanchez vom Platz geflogen. Es war das alte Spiel: Barcelona hatte 74 Prozent Ballbesitz, in der zweiten Halbzeit glich die Partie einem Handballspiel, bei dem sich zehn Barcelonesen um den Strafraum des FC Chelsea versammelten und eine Lücke suchten. Selbst Didier Drogba, der einst seine Karriere als Abwehrspieler begonnen hatte, verteidigte am eigenen Sechzehner.

Antwort auf den Raketenfußball Barcelonas

War das also Anti-Fußball? Also ein Fußball, der die eigentliche Idee vom Spiel ad absurdum führt? Tatsächlich praktizierte Chelsea ein Spiel, mit dem man es fertig brachte, selbst Spieler wie Andres Iniesta oder Lionel Messi an ihrer Fähigkeit zweifeln zu lassen, immer und überall ein Tor zu schießen. Letztendlich war es die einzig mögliche Antwort auf den Raketenfußball Barcelonas. Es war eine kämpferische und taktische Meisterleistung. 

Bayern ist nicht Barcelona. Doch Roberto Di Matteo wusste, dass auch im Finale der Schlüssel zum Erfolg überall, nur nicht in der Offensive zu suchen ist. Er gab seiner Mannschaft präzise Anweisungen – und sie hielt sich beinahe sklavisch daran. Wer vorher angenommen hatte, die zusammengewürfelte Chelsea-Defensive könnte fragil wirken, sah sich getäuscht. Ryan Bertrand war der einzige Spieler mit einer Passgenauigkeit von unter 80 Prozent. Selten sah man eine Mannschaft, die bis zur letzten Minute mit so einer Ordnung agierte wie der FC Chelsea.

Chelsea spielte erwachsen und rational

Der FC Bayern stürmte ab der ersten Minute mit der kompletten Mannschaft, der FC Chelsea mit Didier Drogba. Bayern spielte schön, manchmal demonstrierte die Elf ihre spielerische Überlegenheit mit kleinen Tricks. Einmal etwa spielte Jerome Boateng den Ball hinter dem Rücken mit der Hacke – wenige Meter vor dem eigenen Sechzehner. Chelsea spielte stabil und effektiv. Eine Ecke, ein Tor. Und Boateng, der eben noch fußhackte, kam gegen den einköpfenden Didier Drogba zu spät.

Chelsea spielte erwachsen und rational. Das wirkte gerade jetzt, da wir zwei Jahre lang die jungen Wilden aus Dortmund bei ihren Hochgeschwindigkeitsfußball zusehen durften, da wir täglich neue Supertore von Superspielern wie Radamel Falcao, Cristiano Ronaldo, Lionel Messi oder Sergio Agüero präsentiert bekommen, irgendwie anachronistisch und alt. Es sah aus wie ein Spiel aus einer anderen Dekade, Wie Oberlippenbartfußball der Achtziger. Doch gerade deswegen auch so faszinierend. Aber hässlich? So wie die Deutschen anno 1982 oder 1986? Hätten wir uns echauffiert, wenn die DFB-Elf gegen Italien beziehungsweise Argentinien mit Bauarbeiterfußball gewonnen hätte?  

Jogi Löw sagte kürzlich in einem Interview mit 11FREUNDE: »Nur wer schön spielt, holt den Titel.« Er bezog sich damit auf die EM in der Ukraine und Polen. Nach dem Champions-League-Finale können wir festhalten: Wer schön spielt, hat gute Chancen Spiele zu gewinnen. Und wer ein Tor mehr schießt, wird Europameister.

Chelsea spielte erwachsen

Der FC Bayern stürmte ab der ersten Minute mit der kompletten Mannschaft, der FC Chelsea mit Didier Drogba. Bayern spielte schön, manchmal demonstrierte die Elf ihre spielerische Überlegenheit mit kleinen Tricks. Einmal etwa spielte Jerome Boateng den Ball hinter dem Rücken mit der Hacke – wenige Meter vor dem eigenen Sechzehner. Chelsea spielte stabil und effektiv. Eine Ecke, ein Tor. Und Boateng, der eben noch fußhackte, kam gegen den einköpfenden Didier Drogba zu spät.

Chelsea spielte erwachsen und rational. Das wirkte gerade jetzt, da wir zwei Jahre lang die jungen Wilden aus Dortmund bei ihren Hochgeschwindigkeitsfußball zusehen durften, da wir täglich neue Supertore von Superspielern wie Radamel Falcao, Cristiano Ronaldo, Lionel Messi oder Sergio Agüero präsentiert bekommen, irgendwie anachronistisch und alt. Es sah aus wie ein Spiel aus einer anderen Dekade, Wie Oberlippenbartfußball der Achtziger. Doch gerade deswegen auch so faszinierend. Aber hässlich? So wie die Deutschen anno 1982 oder 1986? Hätten wir uns echauffiert, wenn die DFB-Elf gegen Italien beziehungsweise Argentinien mit Bauarbeiterfußball gewonnen hätte?  

Jogi Löw sagte kürzlich in einem Interview mit 11FREUNDE: »Nur wer schön spielt, holt den Titel.« Er bezog sich damit auf die EM in der Ukraine und Polen. Nach dem Champions-League-Finale können wir festhalten: Wer schön spielt, hat gute Chancen Spiele zu gewinnen. Und wer ein Tor mehr schießt, wird Europameister.

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