Islands Traum vom großen Fußball

Feuer auf Eis

Im rauhen Klima Islands hat sich eine Fußballkultur entwickelt, die viele Talente hervorbringt. Vielleicht erfüllen die Erben von Eðvaldsson und Sigurvinsson den Isländern einmal ihren größten Traum: die Teilnahme an einem großen Turnier. Imago
Heft #73 12 / 2007
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Island im September 2007. Strömender Regen, böiger Wind und kühle acht Grad. Die spanische Fußballelite eilt frierend und durchnässt in die Katakomben des Stadions Laugardalsvöllur in Reykjavik, während sich der isländische Nationaltrainer Jolly Sverrisson und seine Auswahlspieler auf dem Platz in die Arme fallen und für das unerwartete 1:1 gegen spanische Schönwetterfußballer feiern lassen. Vier Tage später folgt ein glücklicher 2:1-Heimsieg gegen die im Vergleich mit den gegelten Spaniern sehr viel wetterfesteren Nordiren und der Aufstieg auf Platz 80 der FIFA-Weltrangliste. Das aus Profisöldnern der europäischen Ligen zusammengesetzte isländische Team und ihr Coach Sverrisson sind die Lieblinge der Nation. Doch bereits einen Monat später, nach peinlichen Niederlagen gegen Lettland (2:4) und Liechtenstein (0:3) ist der schöne Traum beendet und Jolly Sverrissons Tage als Nationaltrainer sind vorbei.

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Für die fußballbegeisterten Isländer ist jedes Länderspiel so etwas wie ein nationaler Verteidigungsfall. Sie verzeihen ihren Helden dabei so manche Niederlage gegen übermächtige Gegner, doch bei einer Blamage wie der gegen Liechtenstein hört der Spaß auf. Nur ein Spieler vom Format eines Eiður Smári Guðjohnsen, der derzeit in Barcelona kickt, ist offenbar zu wenig, um auf der internationalen Bühne zu bestehen, auch wenn es dem Fußballzwerg Island immer wieder gelingt, den einen oder anderen Riesen zu ärgern. Dabei ist Island in Sachen Fußball alles andere als ein Entwicklungsland. Namen wie Ásgeir Sigurvinsson, Atli Eðvaldsson und Jolly Sverrisson haben auch in der Bundesliga einen guten Klang. Und ziemlich unbemerkt vom deutschen Fußballalltag finden sich heute in den europäischen Ligen in Skandinavien, England, Schottland, Holland, Belgien, Italien und Spanien zahlreiche Profis isländischer Herkunft. Das Reservoir guter Fußballer scheint in dem nur 310 000 Einwohner zählenden Land unerschöpflich zu sein.

»Gemessen an der Bevölkerungszahl, weist Island im Vergleich zu anderen Staaten tatsächlich eine sehr hohe Talentdichte auf«, sagt Viðir Sigurðsson. Er arbeitet seit mehr als 25 Jahren als Sportjournalist und kennt sich im isländischen Fußball aus wie kein Zweiter. »Das sind nicht alles Ausnahmetalente wie Atli, Ásgeir, Jolly oder aktuell Eiður Smari. Aber es ist die Qualität in der Breite, die den Unterschied macht.« Derzeit verdienen etwa 50 isländische Fußballer im Ausland ihr Geld, hinzu kommen einige Jugendspieler, die in den Fußballschulen großer europäischer Klubs ausgebildet werden. Angesichts der geringen Einwohnerzahl des Landes sind dies verblüffende Zahlen. Noch imposanter wirken sie im Vergleich. So weist die ehemalige Bundeshauptstadt Bonn ungefähr die gleiche Populationsgröße wie ganz Island auf, hat aber mit Hannes Bongartz und dem Brüderpaar Marcel und Dominique Ndjeng gerade mal drei Spieler von Profiformat hervorgebracht.

Isländer selbst nehmen sich hinsichtlich solcher Vergleiche nicht wichtig. Doch die Frage, warum gerade hier so viele Talente heranwachsen, reizt Viðir Sigurðsson dann doch. »Möglicherweise standen die Isländer ja ganz vorn in der ersten Reihe, als der liebe Gott einst die Talente verteilte«, mutmaßt er augenzwinkernd. »Wir sind ja auch in vielen anderen Disziplinen in der Weltspitze vertreten.« Und wie: Das kleine Land hat in einem Jahrhundert zehn Schach-Großmeister hervorgebracht, kann einen Literatur-Nobelpreisträger vorweisen und beherbergt wirtschaftstüchtige Milliardäre, deren Vermögen den aktuellen Staatshaushalt um ein Vielfaches übersteigt. Nirgendwo auf der Welt ist zudem der Anteil der Literaten und Poeten in der Bevölkerung so groß wie in Island und auch in der »Hall of Fame« des Handballsports wimmelt es nur so von Isländern.

Heute sind die isländischen Kicker mehr als nur Männer fürs Grobe


Wer den lieben Gott bei der Frage nach dieser ungewöhnlichen Häufung aus dem Spiel lässt, findet vielleicht bei den Evolutionsbiologen eine mögliche Erklärung. Die nennen so etwas Inselphänomen. Damit beschreiben die Darwin-Jünger auffällige Hot Spots der Artenvielfalt auf abgeschiedenen Inseln, wie etwa im Galapagos-Archipel oder auf Madagaskar. Nirgendwo sonst gibt es so viele unterschiedliche, perfekt an ihren Lebensraum angepasste, hoch spezialisierte und mit besonderen Fähigkeiten ausgestattete Lebewesen. Ob das Talent, gut Fußball spielen können, ebenfalls zu den evolutionären Spezialitäten gehört, ist nicht nachzuweisen, doch die These hat etwas für sich. Isländer lernten im Laufe der Jahrhunderte mit vulkanischen Naturkatastrophen und Klimaextremen umzugehen, harte Arbeit und Entbehrung bestimmten ihr Leben. Unter solchen Bedingungen kommen nur die »Harten in den Garten«, was sich zwangsläufig auch im Genpool widerspiegelt. Die Halldórs, Finnborgs und Guðjohns sind in der Mehrzahl groß gewachsen und athletisch gebaut, das weibliche Pendant gerne etwas walkürenhaft. Das Grobschlächtige zeichnete lange auch die Qualität isländischer Fußballer aus, die sich in Skandinavien, Schottland und England als kopfballstarke Abwehrrecken verdingten. Spätestens seit der 80ern weiß man jedoch, dass auch das fußballerisch Filigrane, Dribbelkunst und Spielintelligenz zum Repertoire isländischer Kicker gehören. Hinzu kommt ihr unkompliziertes und anpassungsfähiges Wesen. Isländer kennen in der Fremde keine Integrationsprobleme, sie sind weltoffen und beherrschen in der Regel mindestens zwei Fremdsprachen.

Auf ihrer Insel beharren sie jedoch stolz auf dem Fortbestand ihrer Landessprache. Für Fußball gibt es im Isländischen das hübsche Wort »Knattspyrna«, eine Kombination der Wörter für »Ball« und »treten«. Mittlerweile ist auch das neuisländische Wort »Fótbolti« gebräuchlich und von schlichter Balltreterei kann in der 1. Liga auch nicht die Rede sein. Frank Posch hat dort für Fram Reykjavik gespielt, ist noch in der 2. Liga bei Stjarnan Gardabaer aktiv und weiß, wovon er spricht. »Ein Großteil der Erstligavereine könnte ohne weiteres in der deutschen Regionalliga mithalten«, sagt der ehemalige Stuttgarter. Neben ihm haben auch andere Deutsche Erfahrungen mit dem isländischen Fußball. Sie heißen Mathias Jack, Michael Zeyer, Robert Niestroj, Oliver Risser oder Jens Paeslack, waren aber alle nur kurze Zeit auf der Insel. Länger hielt es da Siggi Held aus, der von 1986 bis ’89 die isländische Nationalelf betreute. Atli Eðvaldsson war damals Kapitän und fasst seine Erinnerung an den knorrigen, wortkargen Trainer Held in einprägsamen Worten zusammen: »Für Siggi wären wir damals auf dem Platz gestorben. Sein bodenständiger Charakter, der Umgang mit den Spielern und sein trockener Humor haben einfach zu uns Isländern gepasst.« Über die derzeitigen Pleiten des Nationalteams möchte Eðvaldsson, der in Reykjavik für den deutschen Allianz-Konzern arbeitet, lieber nicht sprechen. Das gebietet ihm der Respekt vor dem Amt des Nationalcoaches, das er auch schon mal innehatte.

Styrmir Gíslason, der Vorsitzende eines jüngst für die isländische Auswahlmannschaft gegründeten Fanklubs, nimmt hingegen kein Blatt vor den Mund: »Das war richtiger Mist, was sich die Jungs da gegen Liechtenstein geleistet haben. Man sollte mal ein paar Jüngere ranlassen, die weniger satt sind.« Styrmir gehört mit seinen etwa 400 Kollegen aus dem Nationalmannschafts-Fanklub zu einer seltenen Spezies in Island. So eifrig die Isländer kicken, die enthusiastische Unterstützung eines Vereins oder der Nationalelf ist nicht ihr Ding. Styrmir sann deshalb auf Besserung: »Ich hatte die Nase endgültig voll. Bei jedem Länderspiel ist die Tribüne fast ausverkauft, alle sind stolz auf die Mannschaft, aber was passiert? Die sitzen da alle mucksmäuschenstill und jeder noch so kleine Fanhaufen aus dem Ausland macht mehr Stimmung als wir Isländer. Kein Wunder, dass die Spieler darüber enttäuscht sind. Die sind ja aus ihren Vereinen im Ausland anderes gewohnt.« Styrmirs Idee fand weitere Anhänger, und mittlerweile ist bei Länderspielen zumindest seine Truppe lautstark zu hören. Auch Eiður Guðjohnsen war begeistert und bezahlte den treuen Fans 200 Tickets zum EM-Qualifikationsspiel gegen Spanien aus eigener Tasche.

Von ausverkauften Rängen träumen die Kassierer der isländischen Klubs zumeist vergebens. Fußballfans projizieren ihre Begeisterung für den Sport auf Idole, und dazu taugt nun mal weder der entfernte Vetter noch die Sportskanone aus der Parallelklasse. Nahezu jeder Isländer ist mit den eigenen Fußballstars entweder verwandt oder weitläufig bekannt. Isländer sind traditionell Fans von englischen Vereinen wie Arsenal, Liverpool oder Manchester United. Für die gibt es haufenweise Fanklubs, jedoch so gut wie keinen, der eine isländische Mannschaft ähnlich glühend verehrt. Die Präferenz des britischen Fußballs hat einen simplen Grund. Es ist weniger die geografische Nähe als vielmehr der Umstand, dass die ersten regelmäßigen Live-Übertragungen von Fußballspielen in den 70ern aus England kamen. Das nationale Fernsehen war damals technisch noch nicht so weit, und die Medienvielfalt mit Privatsendern entwickelte sich vergleichsweise spät. Heute wird auch jedes wichtige Spiel der isländischen Liga im Fernsehen gezeigt.

Die Liebe zum englischen Fußball treibt in den Köpfen mancher vermögender Isländer seltsame Blüten. Dass englische Vereine käuflich sind, ist in Island nicht erst seit Abramowitsch und Glazer bekannt. Von 1999 bis 2006 hatte bereits beim Traditionsklub Stoke City eine bunt gemischte, isländische Investorengruppe aus schwerreichen Fischerei-
unternehmern, Gemüsehändlern und anderen Geschäftsleuten das Sagen. Und seit 2006 gehört einer isländischen Holding die Mehrheit am Premier-League-Klub West Ham United. So manchem West-Ham-Fan wird bei dem Gedanken, dass sich reiche Emporkömmlinge aus dem kleinen Island ihren Klub unter den Nagel gerissen haben, nicht wohl sein. Aber auch in Island sehen viele den fußballkapitalistischen Imperialismus ihre Landsleute mit Skepsis. Die Sängerin Björk etwa findet solche Großmannssucht schlicht »zum Kotzen«. Auch andere geben zu bedenken, dass die Herren Millionäre ihr Geld durchaus sinnvoller und in Island ausgeben könnten.

Das Gute ist allerdings, dass die Talentförderung auch ohne Investoren funktioniert. Sportförderung wird als gesellschaftliche Aufgabe begriffen. Ein wichtiges Element sind die zahlreichen, seit den 80er Jahren gebauten Sporthallen, die den Sportvereinen einen ganzjährigen Trainingsbetrieb auf Kunstrasen ermöglichen. Víðir Sigurðsson glaubt, dass sich die Förderung der vergangenen Jahre und vor allem die zahlreichen Indoor-Trainingsmöglichkeiten bereits heute auf das fußballerische Niveau der Jugendlichen auswirken: »Es gibt in den isländischen Vereinen eine ganze Reihe von herausragenden Nachwuchstalenten. Einige sind gerade mal 16 und spielen schon regelmäßig in der 1. Liga. Eiður Guðjohnsen hat ja auch mal so angefangen.«

Eines der größten Talente ist 17 Jahre alt, heißt Hólmar Örn Eyjólfsson und ist der Sohn von Jolly Sverrisson. Sollte er einer der zukünftigen Stars des Nationalteams werden, wird sein Trainer jedenfalls nicht mehr der eigene Vater sein. Denn der hat Ende Oktober seinen Hut genommen und den Platz für Ólafur Jóhannesson freigemacht. Der 50-jährige gelernte Zimmermann war zuvor mit seinem Verein HF Hafnarfjörður erfolgreich in der heimischen Liga, verfügt aber über keinerlei internationale Erfahrung. Nach dem Scheitern in der EM-Qualifikation träumen sie in Island von der Teilnahme an der WM 2010. Sollte daraus nichts werden, wird auch dies der Fußballbegeisterung im Land nichts anhaben können. Nur ein 0:3 gegen Liechtenstein, da sind sich alle einig, das muss nun wirklich nicht sein.


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