Immer noch faszinierend: Fußball im Radio

»Da kommt der Ball auf Müller«

»Video Killed the Radio Star«, sangen The Buggles schon vor über 30 Jahren. Im Fußball ist die Hörfunkreportage dennoch nicht totzukriegen. Patric Seibel vom Internetradio »90elf« über den Zauber des geprochenen Worts. Immer noch faszinierend: Fußball im Radio Die Fußballreportage im Radio ist altmodisch. Gegen ihre jüngere Schwester, die Fernsehübertragung, die sich über die Jahre in den Vordergrund drängt, kommt sie nicht an. Wer aber der Reportage im Radio seine Aufmerksamkeit schenkt, dem gibt sie ein Stückchen Zauber zurück.

So schildert es schon Richard Carpenter in seinem Buch »Catweazle sucht die Zeichen«: »Die Stimme kam aus einem kleinen schwarzen Kasten, aus dem ein silberner Zauberstab hervorragte. ›Und jetzt zurück zum Fußball‹, sagte der Kasten. Catweazle ließ die Augen über das Gras wandern, aber er sah nirgendwo einen Fußball. Einen Augenblick später redete der Kasten schon wieder. Diesmal mit einer anderen Stimme. Es schienen viele Dämonen in ihm zu hausen. ›Jetzt ist Willers am Ball!‹, schrie der Kasten, ›ein glatter Schuss!‹ Catweazle fuhr zurück. ›Und aus!‹, schrie der Kasten. Catweazle purzelte vor Schreck hintenüber.«

[ad]

Man kann überall auf der Welt eine Fußballreportage im Radio einschalten und wird, ohne ein Wort zu verstehen, elektrisiert von ihrem Klang. Dessen Ingredienzien sind Stadion, Rhythmus und Stimme.

Tor durch Uwe Seeler

Früher, in den alten Hörfunkzeiten, ließen die Reporter den Torschrei oft für sich stehen. Im Jahr 1961 stand der Hamburger SV im Halbfinale des Europapokals der Landesmeister. Der Gegner hieß FC Barcelona. 71.000 Zuschauer verfolgten das Rückspiel am 26. April in Hamburg. Der HSV musste ein 0:1 aus dem Hinspiel aufholen. Auf der Pressetribüne saßen Rudi Michel und Heinz Deutschendorf und kommentierten die kompletten neunzig Minuten.

Der Mitschnitt liegt im Archiv des NDR. Die Aufnahme verursacht heute noch Gänsehaut. Als Uwe Seeler in der 68. Minute das zwischenzeitliche 2:0 erzielte, bebte der Volkspark. Rudi Michel ließ den Torschrei der 71.000 sechsundzwanzig Sekunden lang stehen. Die Zeit schien für eine kleine Ewigkeit stillzustehen. Dann nahm er ab: »2:0 für den HSV. Tor durch Uwe Seeler.«

Die drei Dreiklänge des Heribert Faßbender

Am 7. Juli 1974 um 16.42 Uhr erlebte der in seiner späteren Karriere als Fernsehkommentator oft gescholtene Reporter Heribert Faßbender eine Sternstunde. Er saß neben dem berühmten Kollegen Oskar Klose auf der Pressetribüne des Münchner Olympiastadions. Die beiden kommentierten im Wechsel das Finale der WM zwischen den Niederlanden und der Bundesrepublik. Nach Elfmetertoren von Neeskens und Breitner stand es 1:1. Die Schlussphase der ersten Halbzeit lief, als die Reihe an Faßbender war. Die 42. Spielminute war angebrochen. Über die für diese Weltmeisterschaft typische Stadionatmosphäre aus Tausenden von Dreiklangfanfaren sprach er seine Reportage:

»Auch Grabowski gefällt mir heute / Sieht jetzt, dass Bonhof steil geht / Und prompt ist der Ball bei Bonhof gelandet // Im Sechzehnmeterraum / Spitzer Winkel zum Tor / Da kommt der Ball auf Müller // Der dreht sich um die eigene Achse / Schießt und – Tor! / Tor durch Gerd Müller!«

Faßbender gelangt in wenigen Silben vom Räsonnement zur explodierenden Situation auf dem Feld. Mehr noch scheint es, als würde er hineingerissen. Bei mehrmaligem Hören der Reportage fällt auf, dass Faßbender nicht Schritt hält mit der schnellen Drehbewegung Gerd Müllers. Fünf Hundertstelsekunden vor Faßbenders Torschrei rollt der Torschrei des Publikums lawinengleich heran.

Das tänzerische Sprachspiel des Oskar Klose

Doch das ist unerheblich. Der Rhythmus der Sprache schlägt in Bann. Wie in einem Gedicht macht er die Seele einer Fußballreportage aus. Faßbenders Prosa ist Poesie. Das Maß der Worte folgt dem Geschehen. Es bedingt die Form der Rede, die Hebungen und Senkungen des Rhythmus. Im selben Spiel bot Oskar Klose ein Sprachspiel voll tänzerischer Leichtigkeit. Es lief die 25. Minute des WM-Finales, und Deutschland lag 0:1 zurück:

»Overaths Maßvorlage geht auf die linke Seite zum Frankfurter Hölzenbein /Der strebt auf den Strafraum zu / Ist schon drin / Jetzt muss er die Nerven haben / Elfmeter!«

Der Sprachduktus Kloses verwandelte sich dem Laufrhythmus des Frankfurter Linksaußens an. Der Reporter ist Berichterstatter, Medium und Künstler zugleich.

Der Souverän des Rhythmus

Der gute Reporter ist der Souverän des Rhythmus. Er vollzieht Volten und Wendungen. Er reißt das Pferd in vollem Lauf herum. Er findet den Takt, den Duktus des Spiels und macht ihn sich zu eigen. Er ist ein Dichter der Bewegung. Er muss in der Langsamkeit genauso zu Hause sein wie im Rausch.

Nach Marcel Proust beeinträchtigt nichts so sehr den Klang der Stimme wie die Tatsache, dass sie Gedanken wiedergibt. Von dem Philosophen Theodor W. Adorno, der sich nicht für Fußball interessierte, ist überliefert, dass er, obwohl in langen und schwierigen Sätzen redend, durch seine Stimme, seinen Sprachduktus, die Intonation die Zuhörer im Hörsaal fesselte. Von dem Dichter Stefan George hieß es, er habe eine magisch wirkende, verzaubernde, betörende, in Bann schlagende Stimme gehabt. Seit den Zeiten der heroischen Sänger, der Vermittler von Heldensagen und Minneliedern kennt man die Kunst der Prosodie. Sie umfasst Tonlage, Akzent, Klangfarbe der Stimme, Rhythmus der Silben, Lautstärke, Dramaturgie.

Das Nibelungenlied des Herbert Zimmermann

Die fußballerische Urszene der alten Bundesrepublik ist das WM-Finale von 1954. Reporter Herbert Zimmermann, mit der Klangfarbe eines Frontberichterstatters in der Stimme, zog die Hörer hinein in ein Schlachtgemälde aus Wagnerklängen und Nibelungenlied:

»Sechs Minuten noch / im Wankdorfstadion von Bern / Aber keiner wankt / Der Regen prasselt unaufhörlich hernieder...«

In der zweiten Hälfte des Finales von Bern ist es ein kurzer Satz, der, weitab von brisanten Momenten im Strafraum, besonders wirkt: »Ottmar Walter fällt hin.« Auch diese scheinbare Kleinigkeit nannte Zimmermann. Das beschwörende »Steh wieder auf« rief er nicht, aber es war mitgemeint. Zimmermann, im Krieg Panzerkommandant, hat auf den Schlachtfeldern Fallende gesehen. Er hat weitere dramatische Begegnungen übertragen. Beim Skandalspiel Schweden gegen Deutschland im Halbfinale der WM 1958 zerschnitt seine Stimme mit homerischer Wucht die Gegenwart, als das Unheil über das deutsche Team hereinbrach: »Da wird Juskowiak vom Platz gestellt.« In der Stimme Zimmermanns schwang immer etwas Schicksalhaftes mit, ein unheilvoller Klang vom alten Sportpalast. Sein Stil gehört in die fünfziger Jahre. Für heutige Ohren klingt er allzu martialisch.

Der beeindruckende Stimmklang der Jochen Hageleit

In den sechziger und siebziger Jahren wandelte sich der Reportagestil. Männer wie Oskar Klose und Kurt Brumme riskierten auch mal einen Witz, auch wenn er, wie beim Jahrhundertspiel Deutschland - Italien bei der WM 1970 in Mexiko, nicht ressentimentfrei war. Kurt Brumme konstatierte genervt eine (tatsächliche oder fingierte) Verletzung von Roberto Boninsegna: »Signore Boninsegna ist soeben verstorben!«

Kein anderer Reporter der siebziger Jahre konnte durch den Klang seiner Stimme so beeindrucken wie Jochen Hageleit. Wenn er die ersten Worte aus dem Bochumer Ruhrstadion oder dem Georg-Melches-Stadion in Essen sprach, begann für die Hörer das Drama. Später führten Manfred Breuckmann für den WDR oder Günter Koch beim Bayerischen Rundfunk diese Tradition fort. Heute sind beide nicht mehr in der ARD aktiv. Koch kommentiert als Rentner nebenher für das Internetradio »90elf«. Einer der noch tätigen alten Meister ist Rolf Rainer Gecks vom Norddeutschen Rundfunk. Mit sanfter Stimme nimmt er die Hörer mit auf labyrinthische Pfade fein versponnener Sätze. Stimme, Stadion und Rhythmus ergeben den Song. Analog zum Pop ist der Reporter der Sänger, das Stadion die Band, und beide zusammen erfinden die Lyrics.

Das wäre der physische Teil. Die unsichtbare Zauberformel der Fußballreportage im Radio erschließt sich durch den Romancier Marcel Proust.

Die Wahlverwandten des Marcel Proust

In seinem Hauptwerk »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« steht allerdings kein einziges Wort über Fußball. Proust widmete sich mit nie zuvor und nie wieder danach erreichter Genauigkeit der Erinnerung an Vergangenes und dessen mikroskopisch genauer Schilderung. Dabei bewegt er sich auf den unterschiedlichsten Zeitebenen. Die Beschreibung einer Weißdornhecke zum Beispiel kann sich über fünf Seiten erstrecken. So viel Zeit sollte sich ein Fußballreporter zwar nicht lassen, aber das Verwandtschaftsverhältnis zu Proust ist evident.

Das Spiel lebt von der Dialektik zweier Zeitformen: Chronos und Kairos. Der Gott Chronos regierte bei den Griechen die Zeitdauer; er ist Namenspatron des Chronometers, der neuzeitlichen Uhr. Er steht für die neunzig Minuten, die unaufhaltsam verstreichen. Herbert Zimmermann hat ihn in der Schlussphase des WM-Finales von Bern beschworen:

»Man möchte ihm zurufen: Geh doch schneller! Geh doch schneller!«

Aber die alten Griechen kannten eine zweite Zeitform: Kairos, den glücklichen Moment. In der Existentialphilosophie steht er für den Augenblick, in dem eine weitreichende Entscheidung bevorsteht. Die christlichen Kirchenväter sahen in ihm den Moment des göttlichen Eingriffs in die Welt. Im Fußball entspricht ihm die (verwandelte) Torchance.

Hundert Tode gestorben

Sie eröffnet sich, manchmal als Produkt einer spielerisch perfekten Aktion, manchmal scheinbar aus heiterem Himmel. Der Ball liegt bereit, dem Publikum stockt der Atem, die Zeit scheint stillzustehen. Als Qualitätszeit beherrscht Kairos die quantitative Zeit, das lassen übrigens auch die Fifa-Regeln erkennen: Sind die neunzig Minuten plus Nachspielzeit abgelaufen, darf der Schiedsrichter das Spiel nicht beenden, wenn noch ein auf das Tor abgegebener Schuss unterwegs ist.

Die Fußballreportage ist selbst eine Botin aus einer anderen Epoche. Sie existiert seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Wer ihr lauscht, gewinnt die sinnliche Erfahrung einer längst vergangenen Zeit. Zugleich lebt die Reportage aus einer Vielzahl von Zeitebenen und -einheiten heraus. Es gibt den Rückblick, die Erinnerung, die jüngere Geschichte, parallel laufende Aktionen und die Unmittelbarkeit jenes schockartigen Moments, der sich mit einem Male verdichtet in einer zur Ewigkeit währenden Sekunde, wie Proust es nennt.

Ganz so hat es Ronald Reng in seinem Buch »Der Traumhüter« beschrieben: »Die Radioreportage war eine einzige Qual. Barnsley verteidigte, und der Reporter sagte natürlich nicht: ›Ein Schuss von Berger, aber ich bin mir sicher, Leese wird ihn halten.‹ Nein, der Reporter, dieser Höllenhund, schrie: ›Ein Schuss von Berger, gefährlich, und...‹, und dann macht er eine kunstvolle Pause, ›gehalten von Leese‹, sagt er dann dramatisch, aber in der Atempause davor war ich natürlich schon hunderte Tode gestorben.«

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nichts akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!