Immer noch da: Javier Zanetti

Der Traktor

Am Anfang war eine Plastiktüte. Inzwischen ist Javier Zanetti, Argentinier und Inter-Kapitän, Herz, Lunge und Gewissen von Inter. Dieser Mann ist ein Phänomen – und zugleich der womöglich erfolgreichste Traktor aller Zeiten. Immer noch da: Javier Zanetti Jede Karriere fängt mal klein an. Auch die von Javier Zanetti. Als der damals 22-jährige Argentinier mit den scharfen Gesichtszügen im Sommer 1995 vor dem Trainingsgelände von Inter Mailand steht, klemmt unter seinem Arm eine Plastiktüte mit Fußballschuhen – mehr nicht. Seit dem Tag mit der Plastiktüte sind 15 Jahre vergangen. Und Javier Zanetti ist immer noch da.

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Heute Abend empfängt Inter Mailand den FC Barcelona, welch ein Fußball-Spektakel! Und zwischen all den hochbegabten Jungspunden wird ein Mann seine Position einnehmen, der schon da war, als Messi und Balotelli noch den Arsch versohlt bekamen, wenn sie ihre Schuhe auf dem Bolzplatz zerschlissen. Zanetti hat beim ruhmreichen FC Internazionale alle Rekorde gebrochen, die es hier zu brechen gibt. Kein Ausländer hat je mehr Spiele für diesen Verein gemacht, keiner mehr Europapokaleinsätze vorzuweisen, und nur wenige haben es geschafft 137 Seria A-Partien am Stück zu absolvieren. Als Zanetti erstmals für Inter verteidigte, ordnete noch Giuseppe Bergomi das blau-schwarze Defensivbollwerk. Der Mann mit den dicken Augenbrauen und dem Rekord für die Ewigkeit: 758 Pflichtspiele für Inter Mailand – das dürfte selbst für Javier Zanetti unerreichbar bleiben.

Ein Dinosaurier zwischen Stars und Sternchen

Einen wie ihn findet man heute eigentlich nicht mehr auf den Fußballplätzen und Eventarenen Europas. Zwischen blinkenden und blitzenden Stars und Sternchen wirkt dieses Arbeitspferd wie ein Dinosaurier. Das liegt ein seinem Wesen und vor allem an seiner Spielweise. »Zanetti«, hat Italien-Expertin Birgit Schönau von der Süddeutschen Zeitung einmal treffend getextet, »fällt besonders dann auf, wenn er nicht spielt. Also nie.« Sollten noch Begleitfotos für den Lexikoneintrag »Musterprofi« gesucht werden, Javier Zanetti wäre das perfekte Model.

Zanetti – das klingt auch nach dem Inter Mailand der sechziger Jahre, als Internazionale unter Helenio Herrara den »catenaccio« perfektioniert und dem Klub damit eine Vereinsphilosophie auf den gestreiften Leib schneiderten, der sich noch heute kein Trainer verwehren kann. Inter Mailand, das war noch nie großes Spektakel und aufbrausende Offensive. Inter Mailand ist Fußball auf dem Reißbrett, vorhersehbar, aber so kraftvoll und diszipliniert, dass nur wenige Mannschaften auf dieser Welt eine Chance haben, dieses System zu überwinden. Zanetti ist auch 2010 der Hüter der alten Tugenden, das Versprechen auf einen Fußball, wie man ihn anders nicht kennt im Giuseppe-Meazza-Stadion.

Er trainierte an seinem Hochzeitstag

Überrascht da noch die Information, dass Javier Zanetti seit mehr als einem Jahrzehnt die Kapitänsbinde bei Inter trägt? Dass er selbst an seinem Hochzeitstag trainierte, um das eigens konzipierte Fitnessprogramm nicht zu unterbrechen? Dass er die personifizierte Kraftmaschine Lothar Matthäus als eines seiner Vorbilder nennt? Dass er einst auf die Frage, wie er sich selbst bezeichnen würde antwortet: »Ich bin wie ein Traktor.«? Nein, das alles ist vorhersehbar. Und so diszipliniert, dass man es fast mit der Angst zu tun bekommt. So wie sein Verein, so wie Inter Mailand.

Javier Zanetti ist Inter Mailand. Das ist die Erkenntnis seiner Karriere, die einst mit einer Plastiktüte und einem Paar Fußballschuhe begonnen hatte. Damals, im Sommer 1995.

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