Der Norden Valencias ist traditionelles Arbeitergebiet. Dort in den Bloques, den Hochhaussiedlungen, ereignete sich vor vielen Jahren einer der makabersten Scherze der spanischen Fußballgeschichte. Unweit des Stadions Ciutat de Valencia, wo UD Levante seine Heimspiele austrägt, banden Anhänger des Stadtrivalen FC Valencia eine tote Katze an eine Palme. Daneben befestigten sie ein Schild: »Quan el gat puge a la palmera, el Levante estara a Primera« – wenn die Katze die Palme hochgeklettert ist, wird Levante in der Ersten Liga sein!
Inzwischen lachen die Fans des FC Valencia nicht mehr. Levante ist längst in der Primera Division angekommen und steht dort in dieser Saison meist vor dem mächtigen Stadtrivalen. Aktuell ist man Achter, Valencia nur Zwölfter. Das Stadtderby vor einigen Wochen gewann Levante 1:0, das Ciutat de Valencia tobte. Beim FC wurde Trainer Mauricio Pellegrino am vergangenen Wochenende gegen Ernesto Valverde ausgetauscht, dazu der Ärger um das fast fertige Millionengrab Nou Mestalla. Fünf Kilometer Luftlinie nördlich schaut man nicht ganz ohne Schadenfreude auf das chaotische Treiben des Nachbarn.
Lange Zeit im Schatten des großen Rivalen FC Valencia
Levante ist so ziemlich all das, was der FC Valencia nicht ist: Klein, bescheiden, unscheinbar. Der Klub stand stets im Schatten des Rivalen, in Spanien wurde UD kaum beachtet. Noch nie konnte der Verein einen offiziellen Titel gewinnen. 1937 gewann man die Copa de Espana Libre, einen Pokalwettbewerb, der zu Zeiten des Bürgerkrieges im republikanischen Teil Spaniens ausgetragen wurde. Der spanische Verband erkennt diesen Titel aber bis heute nicht an. Umso bitterer, weil der Finalsieg damals ausgerechnet gegen den FC Valencia (1:0) gelang.
Die aktuelle Erstliga-Saison ist erst die achte der Vereinsgeschichte, meist spielte man in der zweiten Liga. 2010 gelang zuletzt der Aufstieg in die Primera Division. In der vergangenen Spielzeit gab es dann gleich mehrere Meilensteine zu bejubeln. Zum ersten Mal qualifizierte sich Levante für einen Europapokal-Wettbewerb. Als Sechster zog man in die Europa League ein. Dort trifft Levante heute Abend zum Abschluss der Gruppenphase auf Hannover 96. Beide Teams sind längst für die nächste Runde qualifiziert. Auch das ist, zumindest was Levante angeht, eine Überraschung. Viele hatten den Erfolg aus der letzten Saison als One-Hit-Wonder abgetan.
Dabei hätte Levante beinahe um die Qualifikation zur Champions League mitgespielt. Für eine kurze Zeit und zum ersten Mal in der 102-jährigen Klubgeschichte stand der Klub 2011/12 sogar an der Tabellenspitze. Dass Levante dort längerfristig vor Real Madrid und dem FC Barcelona hätte bestehen können, glaubte niemand. Auch Rafa Marín nicht. »Im Grunde war nur wichtig, dass die Mannschaft so schnell wie möglich die nötigen Punkte gegen den Abstieg beisammen hatte«, sagt Marín, der als Journalist für die Zeitung »Superdeporte« in Valencia arbeitet und Levante seit sechs Jahren begleitet.
Neues Glück bei den »Fröschen«
Entgegen dem vor allem in Deutschland ausgebrochenen Jugendwahn zählt UD auch in diesem Jahr zu den ältesten Teams Spaniens – und hat trotzdem Erfolg. »Die meisten Spieler hatten ihre beste Zeit bei anderen Klubs, sind in ein Karriereloch gefallen und finden im Trikot von Levante zu alter Stärke zurück«, erklärt Marín. So ähnlich trifft das auch auch Christian Lell zu. Der ehemalige Verteidiger vom FC Bayern und Hertha BSC verschwand im Sommer fast unbemerkt aus Berlin Richtung Levante und schaffte dort den Neuanfang. Lell ist Stammspieler in der Viererkette und erzielte bisher ein Saisontor. Bis vor wenigen Tagen spielte auch Theofanis Gekas, der ehemalige Torschützenkönig der Bundesliga, für Levante. Sein Vertrag wurde aber aufgelöst. Der Grieche fühlte sich in Spanien nicht wohl. »Er hat nie mit übermäßigem Engagement geglänzt«, rief ihm Präsident Francisco Catalan hinterher.
Ein weiterer Bekannter aus der Bundesliga ist Obafemi Martins. Der galt mal bei Inter Mailand als riesiges Talent, landete dann beim VfL Wolfsburg und hat nun scheinbar sein Glück an der spanischen Ostküste gefunden. Der Nigerianer ist Levantes bester Torjäger, nicht erst seit seinem Tor zum 1:0-Derbysieg gegen den FC Valencia erfreut er bei den »Granotes« größter Beliebtheit. Los Granotes, die Frösche, werden Levantes Fans in Spanien genannt. Trotz seiner fünf Saisontore reicht Martins Beliebtheit aber nicht an die von Sergio Ballesteros heran. Der Innenverteidiger mit der Statur eines Bären erlebt im Alter von 37 Jahren ein spätes Karrierehoch. Beim sensationellen 1:0-Sieg gegen Real Madrid vor einem Jahr erlangte der Kapitän bei den eigenen Anhängern Kultstatus, weil er trotz seiner 93 Kilo Körpergewicht ein Sprintduell gegen Cristiano Ronaldo gewann. Ballesteros stammt wie die Hälfte des Kaders aus der Umgebung Valencias, die Identifikation der Spieler mit dem Klub ist hoch.
Erinnerungen an Johan Cruyff
Auch Trainer JIM stammt aus der Region Valencia. JIM wird Juan Ignacio Martínez, wegen seiner Initialen genannt. Lange war er in Spanien nur Fachleuten bekannt, beinahe im Jahresrythmus hangelte er sich von Verein zu Verein, bis er 2011 bei DU Levante anfing. Dort muss er mit wenig auskommen. Anders als die meisten Rivalen in der Primera Division betreibt der Verein einen klaren Sparkurs. Vor der Saison wurden nur 650.000 Euro für neue Spieler investiert. Der Verkauf von Stürmer Arouna Kone, früher bei Hannover 96, brachte dagegen allein 5,5 Millionen Euro, Konus hohes Monatsgehalt nicht mitgerechnet.
Es gab einmal eine Zeit, da versuchte auch Levante sich mit Stars und Glamour zu umgeben. In den Achtzigern kam Johan Cruyff zum Ende seiner Karriere und ließ sich vertraglich zusichern, nur bei Heimspielen aufzulaufen. Auch der Chilene Carlos Caszely spielte früher bei Levante, genau wie Predrag Mijatovic zum Ende seiner Karriere. Bernd Schuster war mal Trainer des Klubs, hatte aber wenig Erfolg. 2008 musste der Klub gar die Zahlungsunfähigkeit anmelden. Damals glaubte in Valencia niemand, dass Levante in die Erste Liga zurückkehren würde. Bis die Katze dann tatsächlich die Palme hochkam.