»Ihr könnt ja gar nichts!«
12.07.2008

»Ihr könnt ja gar nichts!«

Die Glücksritter

Dies ist die Geschichte der SV Kapfenberg, die vor einem Jahr aus der zweiten österreichischen Liga abstieg, dann doch bleiben durfte. Die eines Trainers, der dem Tod von der Schippe sprang. Einer »lebenden Mumie« als spielendem Manager.

Text:
Christian Seidl
Bild:
Imago
Es lässt sich trefflich darüber streiten, wann das Wunder von Kapfenberg seinen Anfang nahm. War es im Sommer 2007, als die Pleiten der Konkurrenz dem kleinen Verein aus der Steiermark ein zweites Leben schenkten? Ein paar Monate zuvor, als zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate der Trainer gewechselt wurde? Oder doch schon 1997, als Erwin Fuchs auf der Bildfläche erschien? Doch der Reihe nach.



Knapp 22.000 Einwohner zählt die kleine Industriestadt Kapfenberg. Der örtliche Klub wurde 1919 gegründet und erlebte seine beste Zeit Anfang der 50er, als ihm der Aufstieg in die Staatsliga A gelang. Aus dieser Zeit stammt auch der legendäre Satz des österreichischen Kabarettisten Helmut Qualtinger: »Kapfering gegen Simmering – des is Brutalität.« Nach dem Abstieg 1967 dümpelte der Verein meist auf Landesligaebene herum. Bis 30 Jahre danach Erwin Fuchs das Kommando übernahm. Wer den Unternehmer kannte, der vom einfachen Lehrling zum Besitzer eines Firmenimperiums aufstieg, wusste, dass er sich nicht mit halben Sachen begnügen würde. Über Jahre butterte der Präsident eine Menge Geld in den Verein. »Ich habe mir halt ein teures Hobby ausgesucht«, sagte er dazu lapidar. Und 2002 war die SV Kapfenberg zurück in der 2. Liga.

Vier Jahre später trennte sich der Vorstand vom langjährigen Trainer Hans-Peter Schaller. Sein Nachfolger Drazen Svalina übernahm eine nahezu komplett neue Mannschaft, derweil der bisherige Spieler Herbert Wieger in die Rolle des Managers schlüpfen sollte. Aufgrund zahlreicher Verletzungen an der Grenze zum Sportinvaliden sollte der Publikumsliebling nurmehr in Notfällen als Stürmer auflaufen. Doch die Sache mit Svalina funktionierte nicht, und nach nur einem Punkt aus sieben Spielen wurde der glücklose Coach entlassen. Als neuer Trainer wurde ein alter Bekannter im österreichischen Fußball vorgestellt, ein Irrwisch an der Seitenlinie: Werner Gregoritsch, 50.

»Wenn dein komischer Helm beim nächsten Training nicht weg ist, brauchst du dich nicht mehr blicken zu lassen«

Der krempelte die Ärmel hoch und legte gleich richtig los: »Meine Devise ist Geben und Nehmen, dazu hundertprozentiger Einsatz.« Nicht nur die Einstellung der Kicker, auch deren Frisuren passten ihm nicht. »Wenn dein komischer Helm beim nächsten Training nicht weg ist, brauchst du dich nicht mehr blicken zu lassen«, beschied er etwa den Irokesen-Träger Osoinik. Dass Gregoritsch, der von vielen »Gregerl« genannt wird, mit seiner harten Linie Erfolg haben kann, bewies er einst in Mattersburg, als er den Dorfverein in die Bundesliga führte. Doch in Kapfenberg ließ der Erfolg zunächst auf sich warten. Zwar hatten alle Fußballer bald brave Haarschnitte, doch konnte auch Gregoritsch der Truppe kein Leben einhauchen. Seine energische Art schien die Spieler noch mehr zu verunsichern. Am Saisonende war die SV Kapfenberg Vorletzter und musste eigentlich runter in die Regionalliga. In dieser Situation setzte der Trainer ein Zeichen und verlängerte seinen Vertrag um drei Jahre, unabhängig von der Klassenzugehörigkeit. Obwohl es leise Hoffnung gab, dass einige Klubs keine Bundesligalizenz erhalten könnten, wurde eifrig an einem Kader für die Regionalliga gebastelt.

Im steirischen Örtchen Gußwerk in der Nähe des Wallfahrtsorts Mariazell bereiteten sich die Kapfenberger auf die neue Spielzeit vor, als plötzlich Zeugwart Altan Bolvari auf den Platz gestürmt kam, mit dem Handy fuchtelte und schrie: »Keine Lizenz für den Grazer AK und Admira!« Sofort pilgerten Gregoritsch und Co. nach Mariazell und zündeten ein Kerzel an. Die sportlich abgestiegene SV durfte erneut in der »Red Zac 1. Liga« antreten, die eigentlich die zweite ist. Doch mit welcher Mannschaft? Bis auf die Slowaken Kamil Susko und Peter Krakovsky hatte keiner der Neuzugänge je als Profi gespielt. Stürmer Bernd Bernsteiner kam von einem Verein, der in die Landesliga abgestiegen war, Daniel Reiter war von den Kapfenbergern jahrelang verliehen worden. Der Rest des Teams hatte das Klassenziel im Vorjahr sang- und klanglos verfehlt.

»Dann müssen wir halt noch mehr trainieren«, gab sich Gregoritsch kämpferisch. Als sich freilich kurz vor Beginn der Meisterschaft auch noch Stammtorwart Susko verletzte, waren sich die Trainingskiebitze einig: »Kein Goalie, keine Führungsspieler, kein Torjäger. Die steigen sicher ab.« Doch schon das erste Spiel sollte zur Blaupause für die gesamte Saison werden. Gegen den FC Lustenau lag Kapfenberg schnell mit 0:1 hinten, zeigte Angsthasenfußball und konnte nur mit Mühe einen höheren Rückstand verhindern. Da platzte Werner Gregoritsch der Kragen. Nach einer halben Stunde wurde Manager Wieger, mittlerweile 36, in die Partie geworfen, und nach einem Donnerwetter zur Pause agierte das Team wie ausgewechselt. Liendl glich aus, Taboga schoss kurz vor Schluss sogar das 2:1.

18 Tore in der letzten Viertelstunde, sieben Treffer in der Nachspielzeit

Auf diese Art ging es weiter: Vor der Halbzeit hielt die SV meist mit viel Dusel das Spiel offen, in der Kabine gab »Gregerl« ordentlich Zunder, danach sorgte Edeljoker Wieger für Druck und Tore. Gestählt durch die beinharte Konditionsschufterei, wurden die Gegner regelrecht überrannt. Die Kapfenberger erzielten 18 Treffer in der letzten Viertelstunde, bei sieben Toren waren die 90 Minuten bereits vorbei.

Als der Verein mit sechs Punkten Vorsprung Herbstmeister wurde, hatten sich die Ziele geändert. »Von da an konnten wir nicht mehr leugnen, aufsteigen zu wollen«, blickt Herbert Wieger zurück, den sein Trainer als »lebende Mumie« bezeichnet. Nach der Winterpause funktionierte alles nach dem gleichen Rezept: So richtig los gingen die Spiele erst nach einer knappen Stunde, wenn Wieger aufs Feld kam. Der 36-jährige Betriebswirt schoss neun Tore, gab weitere neun Vorlagen und riss die Kollegen in schwierigen Phasen mit. Die Stärke der Mannschaft war ansonsten das Kollektiv, eine versprengte Truppe aus Jugendlichen, Spielern, die nirgends mehr unterkamen, maroden Routiniers und ewigen Talenten.

Wie Michael Liendl. Mit 18 vom GAK gekommen, blieb er meist unter seinen Möglichkeiten. War faul und galt als Möchtegern-Spielmacher, einer, der sich nicht überwinden konnte. 2006 wollte er unbedingt weg, doch niemand mochte eine Ablösesumme für ihn bezahlen. So hielt er sich im Amateurteam fit – bis Gregoritsch kam. »Im Winter haben wir gewettet«, erzählt der 22-Jährige, »wenn ich weniger als 80 Prozent der Einheiten bestreite, muss ich dem Trainer ein Gala-Menü spendieren. Da ich gewonnen habe, schuldet mir der Coach noch immer das Essen.« Der weitere Lohn für den Linksfuß: 18 Treffer und die Ehrung als »Spieler der Saison« in der Liga, außerdem natürlich der Aufstieg und die Rückkehr der SV Kapfenberg in die Eliteklasse. Nach 41 Jahren.

Ein eigener Fan schrie: »Ihr könnt ja gar nichts!«

»Der Trainer hat sicher den größten Anteil am Erfolg«, glaubt Herbert Wieger. »Gregerl« agiert als Manager nach britischem Vorbild, Wieger ist für die Organisation zuständig. Während des Spiels läuft Gregoritsch gestenreich und lautstark in der Coaching-Zone auf und ab. »Die Mannschaft lebt zu 90 Prozent von meiner Emotion«, sagt er. Ab und zu bekommen dies auch andere zu spüren. In seiner Linzer Zeit kletterte er einmal über den Zaun und knöpfte sich einen Zuschauer vor, als er mit Mattersburg in Kapfenberg gastierte, würgte er einen gegnerischen Spieler in den Stadionkatakomben. Heuer wurde er beim Match gegen Gratkorn auf die Tribüne verbannt. Auf dem Weg dorthin hörte er von einem eigenen Fan: »Ihr könnt ja gar nichts!« Gregoritsch marschierte zu ihm hin und brüllte ihn nieder. Danach wurde er im Stadion gefeiert. Sein Kommentar: »Ich halt‘ es nicht aus, wenn einer nur stänkert.«

Im Rahmen der Meisterfeier bekamen der gesamte Vorstand und der Trainerstab eine Glatze verpasst – für den Trainer war es nicht die erste. 1997 erhielt er eine schockierende Diagnose: Hodenkrebs. Seine einzige Chance war eine sofortige Operation, unzählige Chemotherapien folgten. »Gregerl, der Kämpfer« – das passt zur Arbeiterstadt Kapfenberg wie die Faust aufs Auge. Nun will der Mann, der seit kurzem auch Kapfenberger Ehrenritter (»Werner, Meister des runden Leders«) ist, die SV zu einer festen Größe im österreichischen Fußball machen. Sprach der Coach in der ersten Euphorie davon, dass »alle Spieler, die jetzt dabei waren, sich das Abenteuer Bundesliga verdienen«, werden viele in der Realität keine Chance haben. »Wie im Vorjahr haben wir das geringste Budget, und viele sehen uns als Fixabsteiger«, weiß Präsident Erwin Fuchs. »Das motiviert den Werner noch mehr.

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