Hull City jetzt in der Premier League

Ein Junge namens Windarsch

Hull City ist erstmals in die Premier League aufgestiegen. Ein brachiales Sahnetor von Dean Windass, dramaturgisch und technisch so punktgenau serviert, als hätte der Fußballgott selbst das Skript geschrieben, ebnete den Weg. Hull City jetzt in der Premier LeagueImago
Heft #80 07 / 2008
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In England geht die Angst um, Fish & Chips könnten bald erheblich teurer werden. Explodierende Rohstoffpreise gefährden die Preisstabilität des Nationalgerichts. 20 Prozent mehr müssen hiesige Gourmets eventuell bald für die papierumwickelten Leckerchen berappen. Nirgendwo wird der Schmerz größer sein als in Hull, wo mehr als hundert Fish-&-Chips-Shops um die Gunst der Kenner kämpfen.

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Überhaupt hat es die Perle des englischen Nordostens nicht leicht. In den regelmäßigen Umfragen des Fernsehsenders Channel 4 zu den unattraktivsten Wohnorten der Insel erreicht Hull stets spielend Spitzenplätze. Hohe Arbeitslosigkeit, unterdurchschnittliches Bildungsniveau und nicht zuletzt grassierende Kriminalitätsstatistiken sprechen gegen die Stadt in Yorkshire, in der ein Samstagabend ohne Pubschlägerei ein ebenso großer Mythos ist wie ein Germane mit Ironieverständnis. In der letzten Umfrage konnte Hull dank der exzellenten sportlichen Infrastruktur den Spitzenplatz jedoch an Middlesbrough abgeben. Die Investition scheint sich ausgezahlt zu haben, nach 104 Jahren ist Hull City nun erstmals in die oberste Spielklasse aufgestiegen. Für eine 250?000-Seelen-Stadt ist das eine verdammt lange Zeit, zumal die »Tigers« vor einer knappen Dekade fast durch die professionelle Falltür in die Conference, die 5. Liga, abgeschmiert wären. Der Sieg im Championship-Playoff-Finale – ein 1:0 gegen Bristol City – ist nun geschätzte 60 Millionen Pfund wert.

Unschätzbar ist die Geschichte eines Mannes, mit dessen unverwechselbarem Namen der Aufstieg immer verbunden sein wird: Dean Windass. Im Jahre des Herrn 1987 erfuhr der bullige Mittelstürmer vom damaligen Cheftrainer Brian Horton, dass er nicht gut genug sei für einen Vertrag. Einundzwanzig Jahre später hämmerte Homeboy Windass vor den Augen des nunmehr als Assistenztrainer fungierenden Horton eine Direktabnahme zum einzigen und entscheidenden Treffer in den Kasten von Bristol City. Der alte Fuchs hatte seine nicht unbeträchtliche Körpermasse langsam auf den richtigen Fleck an der Grenze des Strafraumes geschoben und pardonfrei abgezogen. Ein brachiales Sahnetor, dramaturgisch und technisch so punktgenau serviert, als hätte der Fußballgott persönlich das Skript geschrieben.

Der 39-Jährige blickt auf eine bewegte Lebensgeschichte zurück, die unter dem Titel »Deano« auch in durchaus lesenswerter Form publiziert worden ist. In Anlehnung an den Johnny-Cash-Klassiker »A Boy Named Sue« lässt sich trefflich spekulieren, dass der Junge namens »Windarsch« vermutlich nie um Spott hat betteln müssen. »If a man’s gonna make it, he’s gotta be tough«, ratschlagt für den Fall eines solchen Falles Karriereberater Johnny Cash. Und damit trifft er bei Dean Windass auf offene Ohren. Denn an seinem Durchsetzungsvermögen hat der niemals Zweifel gelassen. Er war Maurer, hat in einer Fabrik gefrorene Erbsen abgefüllt und zwischendurch seine Neigung zur Flasche und dem Bettnässen besiegt. Der Kampf mit sich selbst ging nicht immer reibungslos vonstatten. In den Diensten von Aberdeen kassierte er schon einmal drei Rote Karten. In einem Spiel. Manche Therapeutenstunde und nicht zuletzt seine Biografie halfen ihm aus der Krise. Seit deren Erscheinen spricht die halbe Familie nicht mehr mit ihm.

Das alles ist jetzt passé. Windass hat den Klub aus dem Fish-&-Chips-Dorado in die Premier League geschossen. Dass er da nicht lange bleiben wird, dass das Spiel in Wembley eine Ode an die Zeiten von Kick & Rush war und dass die Tigers mit viel zu wenig Substanz viel zu schnell aufgestiegen sind, spielt in diesem größten Moment des Fußballs in Hull keine Rolle. In einem Jahr, das mit erbärmlichen 34 Prozent den geringsten Anteil englischer Spieler in der höchsten Spielklasse verzeichnete, ist die Geschichte von Hull City und seinem Protagonisten ein kleiner Trost für Nostalgiker. Johnny Cash singt in »A Boy Named Sue«: »I had to fight my whole life through.« Deanos Kampf hat sich gelohnt.

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