Das Nordderby versprach bereits vor dem Anpfiff viel offensives Spektakel, schließlich waren beide Teams in dieser Saison nicht für ihre sattelfeste Defensive bekannt: Werder Bremen stand zuletzt offen wie ein Scheunentor und fing durchschnittlich knapp zwei Tore pro Spiel. Der HSV hat zwar weniger Gegentore auf dem Konto, dafür ließ kein anderes Bundesliga-Team so viele Chancen zu. Dass beide Teams aber derart eklatante Defensivmängel offenbaren, war jedoch nicht zu erwarten.
Dem HSV mangelte es im 4-1-3-2 an der defensiven Kompaktheit. So stand die eigene Viererkette recht tief, während das Mittelfeld und die Stürmer weit aufrückten. Die Folge waren freie Räume neben Sechser Milan Badelj, der nicht alle Löcher stopfen konnte. Besonders wenn Marcell Jansen nach vorne rückte, boten sich den Bremern Konterräume auf Hamburgs linker Seite. Zudem fehlte den Hamburgern die Aggressivität in den entscheidenden Situationen, so vor der Flanke von Aleksandar Ignjovski zum 1:0-Treffer durch Assani Lukimya (9.).
Werder hatte noch Glück, dass van der Vaart so unauffällig agierte
Auch Werder Bremen war defensiv anfällig. In ihrem 4-1-4-1-System hatten sie kein rechtes Gegenmittel gegen den zurückfallenden Rafael van der Vaart. Mal rückte Mehmet Ekici aus der Ordnung, mal Zlatko Junuzovic, doch so richtig dynamisch wirkte das nicht. Vielmehr offenbarten die Bremer in diesen Situationen Schwächen in den Abständen, gerade auf dem Flügel boten sie ein ums andere Mal Räume für die Hamburger. Sie hatten Glück, dass van der Vaart keinen sonderlich kreativen Tag erwischte.
Große Probleme hatten die Bremer auf ihrer rechten Seite. Thomas Schaafs war besagte wohl, Ignjovski Hamburgs Jansen bei dessen Offensivläufen verfolgen zu lassen. Dafür sollte der nominelle Rechtsverteidiger Theodor Gebre Selassie weiter nach innen rücken. Diese Aufgabenteilung funktionierte in der Praxis jedoch nicht: Oft blieb Ignjovski zu hoch, sobald Selassie nach außen rückte, bekam er keine Unterstützung vom Mittelfeld und der eigenen Viererkette.
Das 1:1 war in dieser Hinsicht besonders kurios: Heung-Min Son bekam den Ball auf dem linken Flügel, umkurvte Selassie – und hatte einen völlig freien Schusswinkel auf das Tor (23.). Ein No-Go für ein verteidigendes Team, den Winkel zwischen Tor und ballführenden Spieler offen zulassen.
Trotz der defensiven Schwächen blieben es die einzigen Tore in der ersten Halbzeit. Beide Teams haderten mit ihrer Offensive: Der HSV versuchte das Spiel zu machen, hatte aber wie in der Vorwoche Probleme mit der offensiven Aufteilung. Bremen lauerte hingegen auf Konter, die allerdings von zum Teil haarsträubenden Fehlpässen unterbrochen wurden.
Hamburg verunsichert, Werder unkonzentriert
Die zahlreichen technischen Fehler beider Teams lagen auch am Hamburger Schietwetter. Der Rasen im Volksparkstadion glich einem Kreisliga-Acker, der Nieselregen machte die Sache nur noch schlimmer. Besonders für die Bremer Konterversuche war der holprige Untergrund Gift. Doch die widrigen Platzverhältnisse waren nicht die einzige Erklärung, warum Werder in Halbzeit Eins nur 68% der Pässe an den Mitspieler brachte. Oft wirkte das Team nicht konzentriert.
Diese Unkonzentriertheit rächte sich kurz nach der Pause: Der HSV rückte nun aggressiv mit den Mittelfeldspielern auf. Dennis Aogo schoss aus dem Mittelfeld nach vorne und blieb halblinks ungedeckt. Das 2:1 erzielte er noch regelwidrig mit seiner Hand (46.), das 3:1 bereitete er mustergültig für Artjoms Rudnevs vor (52.). Besonders beim 2:1 glich die Bremer Abwehr eher einem 30er-Jahre-Slapstick-Film denn einer Bundesliga-Abwehr.
Trotz Rückstand durfte Bremen noch kontern
Nach der Führung hätte es für den HSV so einfach werden können: Einen Gang zurückschalten, sich verschanzen und auf Konter warten. Einzig: Sie taten es nicht. Weiterhin rückten die Mittelfeldspieler weit auf. Das führte zur kuriosen Situation, dass Werder trotz Rückstandes gegen nur fünf hinten bleibende Hamburger kontern konnte. Nach dem Anschlusstreffer durch Sokratis (54., auch hier Slapstick durch Rene Adler) konnte Werder sich gegen die verunsicherten Hamburger einige Chancen erspielen, traf aber das Tor nicht.
Mit der Einwechslung Tolgay Arslans (62. für Per Skjelbred) stabilisierten sich die Hamburger. Fink stellte auf ein 4-4-1-1 um, Son ging auf den rechten Flügel, van der Vaart in den Sturm. Gegen zwei kompakt stehende Viererketten fanden die Bremer kein Mittel, nach dem Hamburger Systemwechsel hatten sie nur noch drei Torschüsse.
In der letzten halben Stunde sorgte nur noch Schiedsrichter Kinhöfer für Furore, als er binnen kurzer Zeit Clemens Fritz (80.) und Marko Arnautovic (90.) mit Gelb-Rot vom Platz warf. Besonders die Karte gegen Arnautovic war umstritten; er täuschte an, den Schiedsrichter mit dem Ball abschießen zu wollen. Allerdings täuschten die kuriosen Schlussminuten nicht über die eklatanten Defensivschwächen hinweg, die sich durch die gesamte Bremer Saison ziehen.
