HSV-Sportdirektor Siegenthaler

Der stille Revolutionär

Urs Siegenthaler wird neuer Sportdirektor des Hamburger SV – doch kaum einer weiß, wer der geheimnisvolle Chefscout hinter Jogi Löw wirklich ist. Weggefährten und Kollegen zeichnen das Bild eines verkannten Revoluzzers. HSV-Sportdirektor SiegenthalerImago Vom Zuarbeiter im Hintergrund zum Macher in der ersten Reihe: Mit 62 tritt der DFB-Scout Urs Siegenthaler nun ins große Rampenlicht. Er wird der Sportdirektor, den der Hamburger SV schon so lange sucht. Siegenthalers Vertrag beim DFB läuft nach der WM genauso wie aus wie der von Bundestrainer Joachim Löw, für den er bislang Spiele und Gegner sezierte. Künftig wird der Schweizer die Spieler also gleich verpflichten, die er bislang nur gesichtet hat. Doch wer ist der Mann, der sich bei der Nationalmannschaft im Hintergrund hält – und hat er das Zeug für einen Job im Fokus der Öffentlichkeit?

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»Ich habe ihn als forsch, selbstbewusst und diskussionsfreudig kennengelernt«, sagt Gero Bisanz, bei dem Siegenthaler 1978 in Köln seinen Trainerschein machte. Als Verteidiger hatte Siegenthaler zuvor mit dem FC Basel in der Schweiz fünf Meisterschaften gewonnen. Parallel hatte er ein Studium zum Bauingenieur absolviert und leitete seit 1970 eine eigene Firma für Mess-, Steuer- und Regeltechnik. Doch der junge Schweizer wollte mehr, ging an die Sporthochschule Köln. Der Trainerschein im fremden Land - das war damals noch alles andere als üblich. »Er war sehr ehrgeizig, hat früh über den Zaun geschaut, sich für andere Kulturen und Sportarten interessiert«, erinnert sich Bisanz. Dem 74-Jährigen sind in erster Linie Siegenthalers kluge Referate und Diskussionen über Eishockey in Erinnerung geblieben. Später traf er Siegenthaler wieder, als er schon Scout für den DFB war. »Dort ist er in erster Linie Dienstleister, hält sich zurück und ist froh, wenn er nicht erkannt wird auf der Tribüne«, sagt Bisanz.

Der erste Trainerjob war gleich der letzte

Zurück in der Schweiz wurde Siegenthaler erst Spielertrainer, bis er 1987 beim FC Basel seine erste Cheftrainerstelle im Profifußball antrat – es sollte zugleich seine letzte werden. In der ersten Saison stieg er mit Basel ab, nach dem verpassten Wiederaufstieg wurde er 1989 entlassen. Er sei nicht konservativ genug gewesen für den Trainerjob, sagte Siegenthaler später. Stattdessen ging er zum Schweizer Verband und startete dort die Revolution: erst als Co-Trainer der Nationalelf, dann in der Trainerausbildung. 

»Unter ihm und Nationaltrainer Daniel Jeandupeux wurden in der Schweiz viele Dinge geprägt, neue Ideen geboren, der Fußball revolutioniert«, erinnert sich Martin Andermatt, der genau wie Joachim Löw unter Urs Siegenthaler seinen Trainerschein in Magglingen machte, bevor er als Bundesligatrainer nach Ulm und Frankfurt ging. »Eine legendäre Trainerausbildung war das«, schwärmt Andermatt. Damals stellte man in der Schweiz als eine der ersten Nationen von Mann- auf Raumdeckung um, Siegenthaler erlebte er damals als »akribisch, er duldete keine Halbheiten.«

Als Mensch kann er Siegenthaler jedoch nach all den Jahren schwer einschätzen: »Er ist schwer fassbar, kein extrovertierter Mensch«, sagt Andermatt. »Er zeigt sich nie groß in der Öffentlichkeit, zieht sich lieber zurück, um in Stille etwas auszubrüten.« Ob Siegenthaler das Zeug zum Sportdirektor hat, möchte er nicht beurteilen, sagt aber: »Management ist schon etwas anderes als Scouting - man muss nicht nur Spieler beurteilen, sondern auch strukturelle Dinge anstoßen.«

Auf der Suche nach dem perfekten Spiel

Im Kleinen tat Siegenthaler das schon damals: So stellte er schon in den Neunziger Jahren Boxen auf und spielte beim Einlaufen Musik, um die Spieler zu motivieren. Beim DFB, wohin ihn Jürgen Klinsmann Ende 2004 als Spielebeobachter holte, machte er sich einen Namen, indem er Videoanalysen für den Trainerstab sowie DVDs und Broschüren für die Spieler erstellte – das Urs-Buch, sozusagen.

Dabei arbeitete Siegenthaler eng mit Mastercoach zusammen: die Firma erstellte in der Schweiz schon digitale Spielanalysen, als in Deutschland noch mit Filzstiften auf Taktiktafeln gemalt wurde. Von Mastercoach holte Siegenthaler Christoph Clemens in sein Scouting-Team, als »seine rechte Hand«, wie Clemens es nennt. Über seinen Chef sagt er, dass er ein »absolut versessener Fachmann ist, immer auf der Suche nach dem perfekten Spiel, aber als Chef auch ein Teamplayer.« Clemens bestätigt zwar wie Bisanz und Andermatt, dass Siegenthaler sein Gesicht nicht in jede Kamera halte. Aber als Sportdirektor kann er sich ihn durchaus vorstellen.»Er versteht sich als jemand, der die handelnden Personen begleitet, ein akribischer Fußballarbeiter, der sich auch um Strukturen kümmert«, charakterisiert Clemens den 62-Jährigen.

Er glaubt nicht, dass die Querelen um die Vertragsverlängerung für Joachim Löw und seinen Trainerstab einen Grund für Siegenthalers Absprung sein könnten. »Unsere Arbeit belastet das in keinster Weise, unser ganzer Fokus liegt auf der WM in Südafrika.«

Der HSV ist nach Basel der zweite Anlauf Siegenthalers, ins Rampenlicht zu treten und den Fußball erneut zu revolutionieren – diesmal in der ersten Reihe, nicht aus dem Hintergrund.

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