Horst Wolter über das Spiel um Platz 3

»Horst, willst Du?«

Der Torhüter ist dem Torhüter sein Feind? Bei der WM 1970 zeigten zwei Keeper, dass es auch anders geht. Horst Wolter erinnert sich vor dem heutigen Spiel um Platz 3 an Deutschland gegen Uruguay und Kollege Sepp Maier. Horst Wolter über das Spiel um Platz 3
Heft#103 06/2010
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Dass ich überhaupt an der WM 1970 teilnahm, ist schon ein halbes Wunder. Denn ich bin erst mit 18 Jahren Torwart geworden. Zuvor war ich rechter Verteidiger, doch meine Mutter sagte eines Tages: »Junge, du kommst immer so abgehetzt nach Hause. Gibt‘s nicht auch eine Position, auf der du nicht so viel laufen musst?« So kam ich zwischen die Pfosten, und nur zehn Jahre später fuhr ich mit der deutschen Nationalmannschaft nach Mexiko. Ich bin also ein Spätstarter, ein Quereinsteiger. Vielleicht kommt daher meine gewisse Demut gegenüber der Ehre, dass Bundestrainer Helmut Schön mich berief – wenn auch nur als Ersatztorwart. Ich konnte die Nummer zwei sein. Will sagen: Ich konnte es ertragen.

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Sepp Maier jedenfalls hätte das nicht gekonnt. Er war wahnsinnig ehrgeizig und hätte es nicht hingenommen, sich auf die Bank zu setzen. Vor dem Turnier brauchte er davor auch gar keine Angst zu haben: Er hatte die Bayern-Lobby und die Medien im Rücken, und zumindest für die Kampagnen der Zeitungen war Helmut Schön ziemlich empfänglich. Sepp war also die unumstrittene Nummer eins. Und obwohl ich damals mit Eintracht Braunschweig den Rekord von nur 27 Gegentoren in einer Saison hielt und auch Teile der Fans für mich als Stammkeeper waren, konnte ich das akzeptieren. Eben weil ich nicht schon mein ganzes Leben darauf hingearbeitet hatte – und weil ich Sepp sehr mochte.

Aus dem Pool kamen wir wie die Taschenkrebse

Wir waren, das kann ich sagen, echte Freunde. Ich schoss ihn vor den Spielen warm und machte ihm im Training den nötigen Druck, und er gab mir das Gefühl, dass er mich brauchte. Wir teilten uns sogar ein Zimmer, und Sepp vertrieb mit seinen Streichen, Witzen und Zaubertricks nicht nur mir die Zeit im Mannschaftshotel, die manchmal schon recht zäh verging. Heute kann man sich das gar nicht mehr vorstellen, aber unser einziges Freizeitangebot war ein Swimmingpool mit 38 Grad warmem Wasser. Da kamen wir raus wie die Taschenkrebse! Ohnehin war es in Mexiko wahnsinnig heiß, und aufgrund der Höhenluft musste man das Atmen vor Ort ganz neu erlernen. Die beiden Partien gegen England und Italien, die heute als Jahrhundertspiele gelten, waren vor allem eine unglaubliche Willensleistung. Verglichen mit der heutigen Athletik waren sie natürlich nicht gerade rasant. Aber wie die beteiligten Mannschaften da bis zum Schluss ackerten und kämpften, das hat auch mich auf der Bank schwer beeindruckt. Leider sind wir dann in der Verlängerung gegen Italien rausgeflogen. Danach waren alle eingesetzten Spieler schon fast zu erschöpft, um die Niederlage zu betrauern.

Im Hotel sagte Sepp zu mir: »Horst, ich bin platt. Willst du beim Spiel um Platz drei in den Kasten?« Eine tolle Geste von ihm, der sich sonst nie ein Spiel entgehen ließ, selbst wenn er angeschlagen war. Er wollte mich damit auch für meine Loyalität belohnen. Doch leider hatte ich mir einen kontaminierten Eiswürfel in die Cola gelegt und litt seit Tagen an Montezumas Rache. Während des gesamten Turniers hatte ich acht Kilo abgenommen und war in diesem Moment einfach nicht mehr im Vollbesitz meiner Kräfte. »Das sagst du jetzt erst mal keinem, auch nicht dem Schön«, meinte Sepp. »Du gehst einfach rein. Und wenn du einen dummen Treffer kassierst, dann winkst du, und ich löse dich ab.«

Vor dem Spiel hatte ich kalten Schweiß auf der Stirn

Als vor über 100 000 Zuschauern im Aztekenstadion die deutsche Nationalhymne erklang, hatte ich den kalten Schweiß auf der Stirn. Doch ich riss mich zusammen. Diesmal schoss Sepp mich warm, und als ich den ersten Ball parierte, wusste ich: Es geht, ich packe es! Gegen die Uruguayer, die traditionell unheimlich körperlich spielten, hatte ich so manchen harten Luftkampf zu 
überstehen – hier einen Ellenbogen im Gesicht, dort ein Knie in den Rippen. Aber ich hielt die 1:0-Führung von Wolfgang Overath aus der 27. Minute bis zum Schluss fest – auf der Linie, wo ich vielleicht sogar einen Tacken besser war als Sepp, mit einigen schönen Szenen, im Strafraum, wo ich meine Schwächen hatte, mit ein bisschen Glück.

Nach dem Spiel drehte ich eine Ehrenrunde mit Wolfgang Weber und Uwe Seeler. Weber trug einen riesigen Blumenstrauß, Seeler schwenkte die mexikanische Fahne –
das ist ein Bild, das ich nie vergessen werde. Und es ging noch weiter: Weil die Italiener und die Uruguayer schon enttäuscht abgereist waren, luden uns die Brasilianer nach dem gewonnenen Endspiel zu ihrer Siegerparty ein. Wir kamen im vollen DFB-Ornat an, da lachten Pelé und seine Freunde nur, rissen uns die Krawatten vom Hals und benutzten sie als Stirnbänder. Eine herrliche Sause, wir tanzten sogar Samba.

Ich ahnte natürlich nicht, dass das auch meine Abschiedsfete sein sollte. Obwohl ich erst 28 Jahre alt war, machte ich nie wieder ein Länderspiel. In Braunschweig wurde ich von Bernd Franke verdrängt und ging zur Berliner Hertha, die nach dem Zwangsabstieg in der zweiten Liga ganz neu anfangen musste. Zwar wurde mir vor der WM 1974 noch eine Auszeichnung zuteil, als die Deutsche Post eine Parade von mir auf eine Sonderbriefmarke druckte, obwohl lebende Personen eigentlich nicht abgebildet werden dürfen. Aber Bundestrainer Helmut Schön rief mich nie wieder an.

Die beste Nummer zwei, die Deutschland jemals hatte

Bei der WM 2006 kam es zu einer historischen Parallele: Wieder flog Deutschland im Halbfinale gegen Italien raus. Und im Spiel um Platz drei durfte wieder die Nummer zwei ins Tor, die diesmal Oliver Kahn hieß. Ob Jens Lehmann ihm das angeboten hatte, so wie Sepp Maier mir damals, wage ich allerdings zu bezweifeln. Beide waren Alphatiere und gehören, wie auch Sepp, zu den besten deutschen Keepern aller Zeiten. Ich selbst würde mir, bei aller Bescheidenheit, einen anderen Titel geben: Ich war vielleicht die beste Nummer zwei, die Deutschland 
jemals hatte. Weil ich es ertragen konnte.

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