Horst Ehrmantraut im Interview
28.10.2008

Horst Ehrmantraut im Interview

»Ich war quasi ein Niemand«

Horst Ehrmantraut hat nur einen Titel gewonnen: Knorrigster Bundesligatrainer aller Zeiten. Den Grundstein für diesen Erfolg legte er in Frankfurt. Hier erinnert er sich an Ansgar Brinkmann, Meppen und seinen geliebten Gartenstuhl.

Text:
Stefan Schneider
Bild:
imago

Herr Ehrmantraut, was machen Sie derzeit?

Ich entspanne und erhole mich.

Von Ihrem Engagement in Saarbrücken?

Nein, das ist ja schon länger her. Es gab ein paar Angebote, auch aus dem Ausland, die haben aber alle nicht so gepasst. Ich mache jetzt nur noch das, was mich, ich sage mal, anspringt.

In der Eintracht-Mannschaft von 1996/97, die Sie trainierten, spielten Jan Åge Fjørtoft, Ansgar Brinkmann und Bernd Schneider. Was hat diese Mannschaft ausgezeichnet?


Das war eine Mannschaft, die wir bewusst so zusammengestellt hatten, weil die Eintracht mit einem sehr engen finanziellen Budget arbeiten musste. Deshalb hatten wir ein Konzept entwickelt, relativ günstige Spieler zu verpflichten. Spieler wie Ansgar Brinkamnn, Thomas Epp, Alexander Kutschera und Bernd Schneider, der damals aus Jena kam. Eine zusammen gewürfelte Mannschaft, könnte man fast sagen, von Spielern, die sich woanders nicht etabliert hatten. Es war viel Risiko dabei, aber im Endeffekt hatte sich das Konzept ausgezahlt, da diese Spieler ihre Chance genutzt haben, sich noch mal in den Vordergrund zu spielen und sich toll engagiert haben. Das war unser Glücksmoment.

Konnte man erkennen, welches Potenzial in Bernd Schneider steckte?

Ja, ja! Beim Bernd auf jeden Fall. Das war von Anfang an abzusehen. Ich hatte mich damals stark engagiert, den Bernd zu bekommen, und Dank der guten Beziehungen des Präsidenten haben wir ihn dann auch gekriegt. Aber auch so ein Kutschera, der war bei München nicht mehr zum Zuge gekommen. Ansgar Brinkmann war vereinslos. Bei Thomas Epp lief auch fast nichts mehr. Wir hatten wirklich viele Spieler, die bei anderen Vereinen keine Rolle mehr gespielt hatten. Das war eine Konstellation, die man heute nur noch selten im Fußball findet, dass sich Spieler nochmals so ins Rampenlicht spielen können. Ein Ansgar Brinkmann, dass weiß ich noch wie heute, der war auf dem Weg zum Probetraining nach Zwickau, dass müssen sie sich mal überlegen! Ich kannte ihn von früher und hatte eine gute Meinung von ihm. Und als ich davon hörte, sagte ich ihm, er solle sofort umkehren und zu uns kommen. Nachdem er ein-, zweimal mittrainiert hatte, wurde dann verhandelt – und weil die Eintracht ein Verein mit einem großen Renommee ist, wollte er auch gerne zu uns. Ansgar hat sich ziemlich positiv entwickelt als Typ und als Spieler.

Dabei hatte er den Ruf, nicht ganz unkompliziert zu sein.

Der ist auch nicht ganz einfach, glauben sie mir! Aber da muss man als Trainer schon das notwendige Fingerspitzengefühl aufbringen. Um den Spieler in die richtigen Bahnen zu lenken und ins Team einzubinden. Ansgar, aber auch Kutschera und Epp, das war damals eine außerordentlich günstige Zusammensetzung.

Die Eintracht wird gern als die „Diva vom Main“ bezeichnet. Welchen Einfluss haben die Medien und die ehemaligen Spieler auf die Entscheidungen der Vereinsführung?

Frankfurt ist die Bankenmetropole in Deutschland, und dementsprechend viele Menschen sind auch im Bankwesen beschäftigt. Ich drück das mal so aus: Frankfurt ist eine »Denkerstadt«, also eine Kopfstadt. Also das genaue Gegenteil zu so Städten wie Bochum oder Duisburg, solchen Arbeiterstädten.

Ein schwieriges Milieu für Sie.

Ja, ich bin ja genau den konträren Weg gegangen. Ich sage immer: „Bankerstadt und Denkerstadt“. Die Erwartungshaltung war schnell unheimlich groß. Und da kommt der Ehrmantraut aus Meppen und will der Bankerstadt Frankfurt was beweisen. Das hätte ja keiner gedacht, dass wir so einen Erfolg haben werden. Und dazu passte auch die Entscheidung, mich während der Spiele auf einen Gartenstuhl zu setzen, das war ja alles bewusst gewählt, um den Spielern zu zeigen: Ich bin für euch da! Aber auch um den Leuten zu zeigen: Es kommt nicht darauf an, ob ein Stuhl 50 Millionen kostet oder 1,90! Im Endeffekt ist das, was auf dem Rasen passiert, wie der Erfolg zu Stande kommt, das Wichtige! Dass es nicht wichtig ist, wie viel Geld da ist, das wollte ich den Leuten beweisen. So was kannst Du aber nur einmal im Leben machen – und gerade weil da eine so gute Konstellation mit der Mannschaft war, war das möglich.

Würden Sie sich heute auch noch auf den Gartenstuhl setzen?

Nee, das glaub ich nicht! Das hat damals einfach absolut gepasst – und heute steht das Ding im Eintracht Museum. Es gibt ja immer wieder neue Dinge, ich entwickle mich auch weiter. Es gibt ja so viele neue Gedanken, Ideen und Inspiration, die wenn die Lage, der Zeitpunkt und die Ansprüche stimmen, gut zu machen sind.

Schwächt man nicht mit so einem Gartenstuhl die eigene Position?


Meine Position konnte doch gar nicht schwächer werden! Die war schon ganz schwach. Ich kam aus Meppen, wo ich fünf Jahre gewesen war, und war quasi ein Niemand. Wobei, einen so kleinen Verein fünf Jahre in der Zweiten Liga zu halten, war ja auch eine besondere Leistung. Wir hatten sogar zweimal die Chance aufzusteigen. Die Eintracht ist aber eine andere Kategorie, dort herrscht ein ganz anderes Denken, eine ganz andere Erwartungshaltung. Deshalb war es auch nicht einfach für mich. Trotzdem bin ich immer meinen eigenen Weg gegangen und hatte immer einen ausgezeichneten Kontakt zu den Spielern. Zwischen mir und den Spielern gab es ein unheimlich enges Zusammenspiel, weil sie gemerkt haben, dass ich immer für sie da war.

Kurz nach dem Wiederaufstieg mussten Sie gehen. Wie war der Einfluss des damaligen Managers Gernot Rohr zu bewerten, der als frankophiler Weltmann einen krassen Kontrast zum arbeitsamen Ehrmantraut abgab?


Ich hatte ja die Eintracht übernommen, als sie von der Ersten in die Zweiten Liga abgestiegen war und dort auf einem Abstiegsplatz stand. Es war eine ganz heiße und brenzlige Situation, weil noch viele gestandene Spieler da waren. Die Mannschaft unter Trainer Stepanovic war wahnsinnig teuer, hat aber nicht harmoniert. Sie sackte in der Zweiten Liga ab, und es bestand die Gefahr, dass sie in die Regionalliga absteigt. Das wäre ja der absolute Super-Gau gewesen. Ich kam am 1. Januar, und wir haben darauf eine gute Rückrunde gespielt, waren am Ende Neunter.

Im Folgejahr sind Sie sogar aufgestiegen.

Ja, aber mit ganz neuen Spielern und mit einem ganz anderen Konzept, da der Eintracht die Mittel fehlten, mit den ganz teuren Spielern zu arbeiten. Wir mussten völlig neue Wege gehen. Selbst ohne große Namen und Spielern wie eben Brinkmann, Epp, Kutschera und Schur haben wir dann den Aufstieg in die Erste Liga vollbracht. Das war die totale Euphorie, und nachdem wir die erste Halbserie gespielt hatten, standen wir sogar auf einem Nichtabstiegsplatz. Und trotzdem musste ich gehen – das war der schmerzlichste Zeitpunkt in meiner Trainerkarriere! Ich hatte nicht damit gerechnet, aber hinter den Kulissen waren so treibende Kräfte am Werk wie Gernot Rohr, der damals als Manager die Fäden gezogen hat. Da hatte ich im Endeffekt wenig Chancen.

Sie kennen die Eintracht ja schon recht lange und waren sogar als Spieler dabei, als 1980 der UEFA Cup gewonnen wurde. Liegt ihnen der Verein noch heute am Herzen?

Ja! Absolut! Ich bin heute noch oft auf der Galopprennbahn am Niederrad und habe gute Kontakte nach Frankfurt. Ein Verein, den ich immer verfolgt habe in den letzten Jahren und noch weiter verfolgen werde. Wenn man bei einem Verein etwas bewegt hat, wenn man so erfolgreich gearbeitet hat, dann vergisst man das nicht.

Warum ist Friedhelm Funkel noch immer Trainer in Frankfurt? Was ist sein Erfolgsgeheimnis?

Das ist schon sensationell! Ich kenne den Friedhelm recht gut, er ist menschlich ein absolut integrer Typ, fachlich hoch qualifiziert. Die Eintracht hatte ja auch ihre Schwächephasen, nur gibt es mittlerweile eine Konstellation in Frankfurt, die ich nicht hatte – ich hatte einen Manager, der gegen mich war.

Heute arbeitet bei der Eintracht Heribert Bruchhagen, der Funkel in schweren Zeiten unterstützt.


Ja, gerade dann wenn es schwierig ist, stützt er ihn besonders. Das ist heute in der Bundesliga leider relativ selten. Der Friedhelm hat es ja gar nicht so leicht bei den Fans, warum auch immer. Wenn dann Kritik an ihm aufkommt, kommt Bruchhagen und sagt: „Funkel ist und bleibt unser Mann!“ Bei der Präsenz und den Worten von Bruchhagen - da glaubt man ihm einfach.

Hätten Sie es sich auch gewünscht, unter einem Manager wie Bruchhagen zu arbeiten?


Es gibt viele gute Manager. Die Konstellation passt jetzt, Funkel und Bruchhagen, die beiden ergänzen sich unheimlich gut, jeder weiß, was der andere für Qualitäten hat. So was gab es bei der Eintracht in den letzten Jahren leider ganz selten.

Ihr Antipode Jürgen Klopp erklärt dem Fernsehvolk per Touchscreen, wie Fußball funktioniert. Würden Sie das auch machen?


Nein, das ist nicht mein Ding. Meiner Meinung nach, würde mir da was abgehen, wenn man als Trainer eines Erst- oder Zweitligisten im Fernsehen bei der WM andere Systeme und Leistungen von Spielern bewertet. Der Jürgen hat das Talent, der kann so was mit seiner Person vereinen, aber ich persönlich würde so was nicht machen.

Wären Sie länger in Frankfurt geblieben, wenn Sie ein bisschen charmanter gewesen wären?

Nee, bei Rohr wäre es egal gewesen, ob ich so aufgetreten wäre wie Klopp oder Ehrmantraut. In der Nachbetrachtung kann man sagen, dass Rohr die nächstbeste Gelegenheit genutzt hat mich zu beurlauben.

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