Hopp soll seinen Mann stehen
23.09.2008

Hopp soll seinen Mann stehen

Der Fußball ändert sich nie

Für Stefan Schwaneck besteht der Reiz des Fußballs besonders aus den Anfeindungen des Gegners. Trotzdem möchte sich der Autor im Namen aller Fans von Borussia Dortmund für die Schmährufe gegen Dietmar Hopp entschuldigen.

Text:
Stefan Schwaneck
Bild:
Imago
Nach einer turbulenten Woche, die zahlreiche Höhen und Tiefen für die Fans Borussia Dortmunds bereit hielt, führte uns der fünfte Bundesligaspieltag ins beschauliche Mannheim. Die TSG 1899 Hoffenheim Fußball-Spielbetriebs GmbH hatte geladen, knapp 7000 Borussen waren zum fröhlichen Beisammensein angereist. Die Leistung der Borussia auf dem Rasen war mit dem Wort »erbärmlich« noch euphemistisch beschrieben, wenigstens sorgte der Gästeanhang für beste Stimmung im altehrwürdigen Carl-Benz-Stadion. Man lieferte sich am Tag des Fairplay-Gedankens ein packendes Gesangsduell mit rund 15 Fans der Heimmannschaft.



Die Begegnung stand für viele Borussen sinnbildlich für den Kampf gegen den modernen Fußball. Das Motto Tradition schlägt jeden Trend sollte wachrütteln und ein weiteres Zeichen setzen, dass sich Ungetüme der Marke Hoffenheim auch zukünftig aus der Bundesliga fernzuhalten haben. »Ihr seid scheiße, wie der S04!« war da noch eine der höflicheren Unmutsäußerungen.

Wir möchten uns an dieser Stelle herzlich für dieses Verhalten entschuldigen. Denn wie selbst ihr, liebe Anhänger der TSG 1899 Hoffenheim Fußball-Spielbetriebs GmbH, bereits mitbekommen haben dürftet: NIEMAND ist so scheiße wie der S04 - auch ihr nicht.

Ungeschliffen und roh

Leider gab es aber wieder einmal Personen aus dem Umfeld des Vereins, die über das Ziel hinaus schossen. So sah sich unser Präsident und »Anwalt der Fans«, Dr. Reinhard Rauball, in seiner basisnahen Art dazu veranlasst, sich noch während des laufenden Spiels im Namen von Borussia Dortmund für das Verhalten der Fans zu entschuldigen. Dabei missachtete er jedoch den tiefen Wunsch seiner Anhänger und Vereinsmitglieder: die Ächtung des Provinzclubs aus dem Kraichgau.

Damit wir uns richtig verstehen: nichts läge uns ferner, als derartige Schmähgesänge schön zu reden oder ihnen gar so etwas wie Niveau anzudichten. Dennoch legte der Gästeblock in Mannheim nur das Verhalten an den Tag, das seit eh und je im Fußballsport zuhause war: Emotionen, leidenschaftlicher Support, Provokationen und Anfeindungen in Richtung des Gegners. Diese Werte sind es, die den Reiz unseres Sports ausmachen und bereits seit vielen Jahren die Stadien unseres Landes in Tollhäuser verwandeln - ungeschliffen und roh, wie sie manchmal auch sein mögen.

Uli Hoeneß, Olaf Thon, Lothar Matthäus, Hasan Salihamidzic oder Christian Wück - sie alle hatten in Dortmund einen schweren Stand und wurden bei jedem Aufeinandertreffen aufs Schärfste attackiert. Oliver Kahn und Luca Toni fanden gar Gefallen an den Beleidigungen der Fans, sie zogen daraus ihre Motivation, es allen zeigen zu wollen. Wer erinnert sich nicht an die wütenden Beschimpfungen der Bremer Fans in Richtung Uli Hoeneß, als Klaus Allofs vor einem Millionenpublikum im Fernsehen jede Art der Entschuldigung ablehnte?

Ruhrpottkanaken, Asoziale oder Dortmunder Arschlöcher

Und wie sieht es aus mit den Fans? Sie werden regelmäßig als Prunkstücke ihrer Vereine bezeichnet, immer wieder als beste Fans der Liga begrüßt und von den Sponsoren inniglich umworben. Wenigstens da müsste es doch jemanden geben, der auf eine Entschuldigung für ungebührliches Verhalten pochen sollte? Pustekuchen. In beinahe jeder Partie provozieren Spieler die Fans ihrer Gegner: sie feiern ihre Torerfolge mit Vorliebe direkt vor deren Augen, zeigen ihnen hasserfüllte Gesten oder haben gerne mal eine Beleidigung für sie parat.

Seit langem ist es für uns Borussen Gang und Gäbe, in den Stadien der Bundesliga mit »Scheiße BVB« oder als »BVB Hurensöhne« begrüßt zu werden. Nicht einmal auf der Arbeit oder im Urlaub ist man davor gefeit, dumme Sprüche ertragen zu müssen. An beinahe jedem Spieltag werden wir beschimpft als Ruhrpottkanaken, Asoziale oder Dortmunder Arschlöcher. Wir gaben die Antwort auf dem Platz und auf den Rängen, regelten diese Angelegenheiten wie Männer. Oder, in diesem Zusammenhang wohl treffender: wie Fußballfans.

Abgesehen von den zweierlei Maß, mit denen im Fall Dietmar Hopp so gerne gemessen wird, wirkt es befremdlich, dass der Fokus ausnahmslos auf den Anhang des Gegners gerichtet wird. Schon vergangene Saison fühlte sich kein Funktionär der TSG 1899 Hoffenheim Fußball-Spielbetriebs GmbH dafür verantwortlich, den Fans von Borussia Dortmund wegen der diversen Schimpfworte Bedauern auszudrücken, mit denen sie in Hoffenheim empfangen wurden. Auch diesmal streckten uns mehrere Fans der TSG 1899 Hoffenheim Fußball-Spielbetriebs GmbH ihre Mittelfinger entgegen, bezeichneten uns als Wichser, Arschlöcher und sogar - für Borussen die schlimmste aller Beleidigungen - Schalker. Plötzlich alles nur noch halb so wild, weil die Vorfälle auf der eigenen Seite passierten?

Die Dortmunder Anhänger haben in Mannheim nichts anderes getan als das, was Fußballfans seit eh und je zu tun. Wir lieben unseren Sport über alles und lassen diejenigen unsere Ablehnung spüren, die ihn zu vernichten drohen. Nur weil Dietmar Hopp auf dem Businessparkett keinen Kontakt zu rauen Umgangsformen kannte, wird sich Fußballdeutschland ganz sicher nicht ändern.

Wir lehnen die Excusatio Hopp entschieden ab.


Dieser Text erscheint mit freundlicher Genehmigung von www.schwatzgelb.de
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