Holger Obermann über Fußball in Afghanistan

Von Taliban und Skorpionen

In unserer aktuellen 11FREUNDE-Ausgabe erzählt der US-Amerikaner Nick Pugliese, wie er Fußballprofi in Afghanistan wurde. Ergänzend dazu erinnert sich hier Holger Obermann an seinen Job in Kabul. Zwischen Skorpionen und Ratten, Taliban-Kämpfern und fliegenden Raketen kein einfaches Unterfangen.

Holger Obermann über Fußball in Afghanistan Holger Obermann

Noch vor einem Jahrzehnt war das Olympic-Stadion in der afghanischen Hauptstadt Kabul eine Stätte des Grauens. Widerstandskämpfer der Taliban wurden dort hingerichtet. Und die Zuschauer, unter fadenscheinigen Gründen zu Tausenden ins Stadion gelockt, mussten das grausame Schauspiel mit eigenen Augen verfolgen.

Da stand ich nun, im April 2003, und sollte hier ein längeres Fußballprojekt starten, gemeinsam mit Ali Askar Lali, einem Deutsch-Afghanen, der nach dem Einmarsch der Russen und der Besetzung des Landes im Jahr 1980 mit der gesamten afghanischen Nationalmannschaft geflohen war und dann in Deutschland eine neue Heimat fand.

Projektträger waren das damalige Olympische Komitee für Deutschland (NOK), der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und das Auswärtige Amt. »Lasst es ruhig angehen!« hatte uns der damalige NOK-Auslandschef Georg Kemper mit auf den Weg gegeben. Gut gesagt. Doch gleich am Ankunftstag kam der erst Monate vorher wieder ins Leben gerufene Vorstand unter Präsident Kohestani auf uns zu, um gemeinsam die Zukunft abzustecken.

Da war vom Start des Straßenfußballs die Rede, vom Schulfußball, der Bildung von Mannschaften für eine Liga in zwei verschiedenen Klassen, nicht zuletzt dem Aufbau einer neuen Nationalmannschaft, die seit dem Einmarsch der Russen auseinander gefallen war. Doch weil uns die Gastgeber versprachen, voll hinter unseren Maßnahmen zu stehen und auch genügend Helfer abstellen wollten, die uns auf dem steinigen Weg helfen sollten, waren wir schon etwas optimistischer gestimmt.

Rückblickend kann dieses gesagt werden: es war ein Projekt rund um die Uhr. Die afghanische Öffentlichkeit verfolgte unsere Versuche, den Fußball wieder neu zu beleben, mit großem Interesse. Und die Medien zogen mit. Täglich kamen die Journalisten in unsere kleine Behausung – anders kann man die ehemalige Ruine nicht bezeichnen – um Neuigkeiten zu drucken oder in die Abendnachrichten von Radio und Fernsehen einzustreuen.

Skorpione krochen aus den Leitungen

Mir stand ein kleines Zimmer zur Verfügung, das den Luxus aufwies, ein Bett, einen Tisch, ein Stuhl und einen kleinen Tisch aufzuweisen. Die Garderobe fand Platz an zehn Nägeln, die in die Wand geschlagen worden waren, Wasser und Strom gab es nur sporadisch, die Toilette für zehn Mitbewohner befand sich auf dem Gang. Und nicht selten krochen Skorpione aus den Leitungen an die Oberfläche, liefen Ratten auf dem Dachboden über uns um die Wette. Also, ein Luxusleben war das sicher nicht. Aber: die Arbeit machte Spaß und es ging von Woche zu Woche aufwärts

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