Hoffenheims Superlativ

Die meisten Baustellen

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Heft #69 Sonderheft 2007/08
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»Seit der mittleren Steinzeit«, so schreibt Hartmut Riehl unter Hinweis auf den homo heidelbergensis, den ältesten in unseren Breitengraden nachgewiesenen Vorfahren des Menschen, »geht der Pflug durch den Kraichgau«. Riehl ist Experte für die Region zwischen Heidelberg, Karlsruhe und Heilbronn. Als dessen Heimatkundewerk »Kraichgau – Land der Burgen und Schlösser« 1997 verlegt wurde, engagierte sich Dietmar Hopp zwar bereits für die TSG. Spätestens seit dem Frühjahr 2007 aber hat die Feststellung des ehemaligen Rektors der Grund- und Hauptschule Hoffenheim eine ganz neue Note bekommen. Umgepflügt, so scheint es, wird in und um seine Heimatstadt momentan beinahe jeder zweite Quadratmeter, allerdings nicht für den schnöden Ackerbau, sondern für das »Projekt« Hoffenheim.

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Der Zukunft, auf die nach wie vor alles ausgerichtet ist beim Klub aus dem Stadtteil Sinsheims, hat man sich mit dem Aufstieg in die 2. Bundesliga ein gutes Stück angenähert. Und dennoch lässt hier niemand einen Zweifel daran, dass auch das Unterhaus des bezahlten Fußballs mittelfristig nur Durchgangsstation sein soll. Etwaige Rückschritte kommen in den Denkmustern und Visionen gar nicht erst vor, das Motto lautet »Think Big«.

Dies gilt beispielsweise für die Geschäftsstelle, die Ende 2008 in das bis dahin restaurierte Barockschlösschen Agnestal einziehen soll. Um das Gelände des einstigen Jagdschlosses des Generals Freudenberg soll ein riesiges Areal nutzbar gemacht werden für Trainingsplätze, während die Repräsentations- und Funktionsstätten der Spielbetriebs-GmbH im Schloss respektive den Wirtschaftshäusern unterkommen sollen.

Die Kosten des Um- und Neubaus übernimmt der Verein, die angrenzende Gemeinde Zuzenhausen bedankt sich für die Restaurierung. Nach der Fertigstellung wird hier das modernste Trainingszentrum der Republik zu finden sein, als Anschauungsobjekt diente das Trainingsgelände von Arsenal, das man kürzlich mit einer Delegation besichtigte. Eine Fläche von über 7500 Quadratmetern soll das Zentrum umfassen, und notfalls können auch noch Teile der 16 Hektar im Hinterland genutzt werden. Jenseits der Autobahn wiederum wird Erdreich abgetragen für die bundesligataugliche Arena, die dort bis Anfang 2009 entstehen soll. Gleichzeitig muss der frischgebackene Zweitligist, der seine Partien bis zur Fertigstellung weiterhin im Dietmar-Hopp-Stadion austrägt, Auflagen für seine aktuelle Spielstätte erfüllen. Infolge dessen wurde hinter dem Tor kurzerhand eine gänzlich neue Tribüne für die Gästefans hochgezogen, eine Rasenheizung installiert, die andere Hintertortribüne überdacht, in den Katakomben saniert und umstrukturiert und dergleichen mehr.

Der Mann, der all diese Maßnahmen finanziert, ist über die Apostrophierung als »Kraichgau-Abramowitsch« verständlicherweise nicht sonderlich begeistert. Geschwindigkeit und Dimension der Entwicklungen haben sich im Laufe seines Engagements jedoch komplett verschoben. Einst hatte Dietmar Hopp den Wunsch geäußert, dass in Hoffenheim ausgebildete Kicker eines Tages auch in der Bundesliga auflaufen mögen. Für andere Vereine wohlgemerkt. Wie sich der angestrebte Status vom reinen Ausbildungsverein gewandelt hat, wird auch daran deutlich, dass mittlerweile argumentiert wird, man müsse ein Abwandern der talentierten Nachwuchsspieler zu den Spitzenvereinen verhindern. Mit Fabian Broghammer wurde noch zu Regionalligazeiten ein U17-Nationalspieler von einem Bundesligisten abgeworben. Und Spieler des Profikaders wie Teber oder Marić mögen zwar aus der Region kommen, sind aber bundesligaerfahrene Profis, die sich nicht aus reiner Heimatverbundenheit durch die Mühlen der Regionalliga quälten. Lorenz-Günter Köstner, 2006 noch Trainer, äußerte seinerzeit, bis 2008 solle der Aufstieg in die 2. Liga realisiert sein. Ralf Rangnick betonte bereits bei Amtsantritt vor einem Jahr, dass ihn kein Geld der Welt nach Hoffenheim gebracht hätte, bestünde nicht eine reelle Chance, in nicht allzu ferner Zeit erstklassig zu sein.

Beim Fototermin am alten Stadion versucht sich zwar der eine oder andere Kiebitz unauffällig ins Bild zu mogeln, darüber, dass der Zuschauerzuspruch mit der Entwicklung noch nicht Schritt halten konnte, kann diese Episode aber ebenso wenig hinwegtäuschen wie die Tatsache, dass der Besucherschnitt im Aufstiegsjahr immerhin gestiegen ist. Dass es sehr viele Baustellen gibt, ist auch daran zu erkennen, dass man uns den einzigen Wimpel aushändigt, der auf der Geschäftstelle aufzutreiben ist. Im Merchandise-Sortiment sucht man ihn noch vergebens, mangels Nachfrage.

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„Mich schmeißt man nicht raus“ – Hoffenheims Sportdirektor Bernhard Peters im Interview www.11freunde.de/bundesligen/102556

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