Hilfe! Holland und Deutschland werden sich immer ähnlicher

Die Grenzen verwischen

Früher verkörperten Deutschland und Holland zwei gegensätzliche Fußballmodelle. Doch inzwischen wird die Nationalmannschaft für ihr schönes Spiel geschätzt – auch in den Niederlanden.

Holland hat bei der Europameisterschaft den ersten Titel gewonnen. Yolanthe Sneijder-Cabau, die Gattin von Spielmacher Wesley Sneijder, ist von den Lesern der »Gazzetta dello Sport« zur schönsten Spielerfrau der EM gewählt worden. Nachdem sie sich im Halbfinale gegen Cristina de Pin, die Freundin von Riccardo Montolivo, durchgesetzt hatte, besiegte sie im Endspiel Irina Shayk, die Partnerin von Cristiano Ronaldo. Mit deutlichem Vorsprung. Es gibt in Deutschland im Moment eine Menge Leute, die glauben, dass dies für die Holländer in diesem Sommer der einzige Titel bleiben wird.

Wenn es für die Elftal blöd läuft, kann der Traum vom EM-Sieg heute Abend um kurz nach halb elf schon ausgeträumt sein.

Und dass es dann die Deutschen wären, die das Ausscheiden des großen fußballerischen Rivalen besiegelt hätten, verleiht dem Gruppenspiel in Charkiw einen zusätzlichen Reiz – auch wenn sich das bilaterale Verhältnis der Nachbarn zuletzt merklich entspannt hat. Von Feindschaft, gar offenem Hass wie Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger, ist längst nichts mehr zu spüren. »Ich glaube, dass die Rivalität ein Stück weit abgenommen hat«, sagt Bundestrainer Joachim Löw.

Sollte Holland allerdings heute verlieren und aus dem Turnier ausscheiden, würde dies zumindest ein gängiges Klischee über den kleinen Nachbarn bestätigen: dass die Elftal sozusagen das Bayer Leverkusen des internationalen Fußballs ist, der ewige Zweite, der nie was gewinnt. Kein Land stand häufiger in einem WM-Finale (drei Mal), ohne den Pokal geholt zu haben; ihren einzigen Titel haben die Holländer 1988 bei der EM in Deutschland gewonnen. Und trotzdem kann das kleine Land auf beträchtliche fußballerische Erfolge zurückblicken – auch wenn in den Niederlanden ein paar mehr als »sechs, sieben, acht Millionen Einwohner« leben, wie Löw im November geschätzt hatte. Knapp 17 Millionen Menschen sind es. Trotzdem haben holländische Vereinsmannschaften insgesamt elf Europapokale gewonnen (deutsche Teams kommen auf 16); vor allem aber haben die Holländer laut Löw »permanent 20, 30 Spieler, die in der Weltspitze spielen«.

Man tritt dem Bundestrainer vermutlich nicht zu nahe, wenn man ihm ein Faible für das holländische Modell unterstellt. Was die Deutschen erst seit Anfang des Jahrtausends praktizieren – eine klar durchdachte und strukturierte Nachwuchsausbildung –, ist bei unseren westlichen Nachbarn seit Jahrzehnten gängige Praxis. „Wir haben über die Jahre hinweg auch von ihnen gelernt“, sagt Löw. Den natürlichen Nachteil an Masse machen die Holländer vor allem durch Klasse wett. „Die Holländer sind an Nachhaltigkeit und Beständigkeit kaum zu übertreffen“, sagt der Bundestrainer. Es gefällt ihm, dass sie ihre Spielweise automatisiert haben und mit der Konsequenz durchziehen, „mit der es sein sollte“.

Deutschland ist das neue Vorbild

Die Duelle Deutschland gegen Holland waren früher ein Kampf der Kulturen: hier das Primat des Ästhetischen, da die totale Fixierung auf den Erfolg, für den jedes Mittel recht ist. Inzwischen sind beide Modelle nicht mehr scharf voneinander zu trennen, die Grenzen verwischen. Bei der WM vor zwei Jahren wurden die Holländer als die neuen Deutschen bezeichnet. Im Finale gegen die überlegenen Spanier versuchten sie, den Spielfluss des großen Favoriten durch Brutalität zu stoppen – und hätten es sogar beinahe geschafft. Dass das Raubein Mark van Bommel zum Symbol für das neue Holland geworden ist, sagt eigentlich alles. Sein Schwiegervater, Bondscoach Bert van Marwijk, gibt offen zu: »Ich habe mir die Deutschen zum Vorbild genommen. Wie sie will ich auch schlechte Spiele gewinnen.«

»Man kann gute Mannschaften nur schlagen, wenn man fußballerisch besser ist«

Das Original ist inzwischen einen Schritt weiter. Wenn es nach Joachim Löw geht, soll es nämlich erst gar keine schlechten Spiele mehr geben (was ein vermutlich zu ambitioniertes Ziel ist, wie der EM- Auftakt gegen Portugal gezeigt hat). »Man kann gute Mannschaften nur schlagen, wenn man fußballerisch besser ist, und nicht, wenn man aggressiver ist«, lautet die Maxime des Bundestrainers. Diese Idee markiert den klaren Bruch mit den Traditionen des deutschen Fußballs – und grenzt die Nationalmannschaft nun wieder deutlich vom aktuellen holländischen Team ab. Dass Löws Idee tragfähig ist, hat vor allem das jüngste Duell beider Länder im November gezeigt. Das Spiel endete in einem rauschhaften 3:0 und hat den Blick der Holländer auf den deutschen Fußball möglicherweise nachhaltig verändert. Der frühere Nationaltorhüter Hans van Breukelen, nach eigenem Bekunden »als Deutschenhasser abgestempelt«, bekennt jetzt offen seine Liebe zur Nationalmannschaft, »weil sie mittlerweile so aufregend und schön spielt«. Und auch Marco van Basten, der frühere Bondscoach, lobt die Deutschen für ihren »schönen, technisch dominanten Fußball«.

Dass sich die Holländer jedoch heute in Charkiw noch einmal wie vor einem halben Jahr in Hamburg »ein bisschen vorführen lassen, das wird nicht passieren«, sagt Löw. Damals fehlte den Holländern mit Afellay, Robben und van Persie die komplette Offensive, die heute auf dem Platz stehen wird. Auch Teammanager Oliver Bierhoff fände es »verrückt zu glauben, dass das Spiel ähnlich laufen wird«. Genauso verrückt wäre es allerdings, wenn die Hollandisierung des deutschen Fußballs am Ende dazu führte, dass die Nationalmannschaft die entscheidenden Spiele nicht mehr gewinnt. Vor einem Monat standen sich Deutschland und Holland im Finale der U-17-Europameisterschaft gegenüber. Holland gewann. Im Elfmeterschießen.

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