13.06.2012

Hilfe! Holland und Deutschland werden sich immer ähnlicher

Die Grenzen verwischen

Früher verkörperten Deutschland und Holland zwei gegensätzliche Fußballmodelle. Doch inzwischen wird die Nationalmannschaft für ihr schönes Spiel geschätzt – auch in den Niederlanden.

Text:
Stefan Hermanns
Bild:
Imago

Holland hat bei der Europameisterschaft den ersten Titel gewonnen. Yolanthe Sneijder-Cabau, die Gattin von Spielmacher Wesley Sneijder, ist von den Lesern der »Gazzetta dello Sport« zur schönsten Spielerfrau der EM gewählt worden. Nachdem sie sich im Halbfinale gegen Cristina de Pin, die Freundin von Riccardo Montolivo, durchgesetzt hatte, besiegte sie im Endspiel Irina Shayk, die Partnerin von Cristiano Ronaldo. Mit deutlichem Vorsprung. Es gibt in Deutschland im Moment eine Menge Leute, die glauben, dass dies für die Holländer in diesem Sommer der einzige Titel bleiben wird.

Wenn es für die Elftal blöd läuft, kann der Traum vom EM-Sieg heute Abend um kurz nach halb elf schon ausgeträumt sein.

Und dass es dann die Deutschen wären, die das Ausscheiden des großen fußballerischen Rivalen besiegelt hätten, verleiht dem Gruppenspiel in Charkiw einen zusätzlichen Reiz – auch wenn sich das bilaterale Verhältnis der Nachbarn zuletzt merklich entspannt hat. Von Feindschaft, gar offenem Hass wie Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger, ist längst nichts mehr zu spüren. »Ich glaube, dass die Rivalität ein Stück weit abgenommen hat«, sagt Bundestrainer Joachim Löw.

Sollte Holland allerdings heute verlieren und aus dem Turnier ausscheiden, würde dies zumindest ein gängiges Klischee über den kleinen Nachbarn bestätigen: dass die Elftal sozusagen das Bayer Leverkusen des internationalen Fußballs ist, der ewige Zweite, der nie was gewinnt. Kein Land stand häufiger in einem WM-Finale (drei Mal), ohne den Pokal geholt zu haben; ihren einzigen Titel haben die Holländer 1988 bei der EM in Deutschland gewonnen. Und trotzdem kann das kleine Land auf beträchtliche fußballerische Erfolge zurückblicken – auch wenn in den Niederlanden ein paar mehr als »sechs, sieben, acht Millionen Einwohner« leben, wie Löw im November geschätzt hatte. Knapp 17 Millionen Menschen sind es. Trotzdem haben holländische Vereinsmannschaften insgesamt elf Europapokale gewonnen (deutsche Teams kommen auf 16); vor allem aber haben die Holländer laut Löw »permanent 20, 30 Spieler, die in der Weltspitze spielen«.

Man tritt dem Bundestrainer vermutlich nicht zu nahe, wenn man ihm ein Faible für das holländische Modell unterstellt. Was die Deutschen erst seit Anfang des Jahrtausends praktizieren – eine klar durchdachte und strukturierte Nachwuchsausbildung –, ist bei unseren westlichen Nachbarn seit Jahrzehnten gängige Praxis. „Wir haben über die Jahre hinweg auch von ihnen gelernt“, sagt Löw. Den natürlichen Nachteil an Masse machen die Holländer vor allem durch Klasse wett. „Die Holländer sind an Nachhaltigkeit und Beständigkeit kaum zu übertreffen“, sagt der Bundestrainer. Es gefällt ihm, dass sie ihre Spielweise automatisiert haben und mit der Konsequenz durchziehen, „mit der es sein sollte“.

Deutschland ist das neue Vorbild

 
 
 
 
 
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