Heute vor zehn Jahren trat Sebastian Deisler zurück

Der letzte Schrei

Sebastian Deisler war als Jahrhunderttalent erkoren, zerbrach aber an einer physischen und psychischen Tortur. Vor zehn Jahren trat er zurück. Mit 27. Wie konnte es so weit kommen?

imago

Uli Hoeneß ahnt nicht, dass er in wenigen Tagen den Trainer Felix Magath entlassen wird, und erst recht kann er nicht abschätzen, bald Ottmar Hitzfeld zu begrüßen. Er will nicht wissen, wie seine Bayern den Jahresauftakt vermasseln, die Ergebnisse führen ja unweigerlich zu ersteren beiden Sachverhalten. 2:3 in Dortmund, 0:0 gegen Bochum, dann, mit Hitzfeld, 0:3 in Nürnberg, 1:0 gegen Bielefeld, 0:1 in Aachen. Anfang 2007 ist der FC Bayern München die Karikatur jener (Fußball-)Institution, die er so gerne in sich sieht. Und Mitte 2007 wird der UEFA-Cup eine Zäsur verlangen, deren Auswirkungen sich mit einer Einkaufsoffensive um Franck Ribéry lange erstrecken, teilweise bis heute.

Das alles ist weit weg, als Hoeneß am Montagabend des 15. Januar 2007 von Sebastian Deisler in seinem Büro aufgesucht wird. Magath, Hitzfeld, UEFA-Cup, eine Metaphorik der Zukunft. Bei Deisler antizipiert Hoeneß den Gesprächsinhalt in düsterer Prophezeiung.

Anderntags, am 16. Januar, steht der Bayern-Manager im Presseraum an der Säbener Straße, bittere Miene, trauriger Blick. Die Versammlung präsentiert ihren Protagonisten in beigem Pullover, grauem Sakko und Bluejeans, bittere Miene, trauriger Blick. »Er ist einer der besten Spieler, die es in Deutschland je gegeben hat. Diesen Kampf haben wir verloren«, sagt Hoeneß, und es erscheint wie eine persönliche Niederlage.

»Bis heute niemandem zurückgeschrieben«

An diesem Dienstag vor zehn Jahren beendet Sebastian Deisler seine Profikarriere. Mit 27. Gerade ist er zurückgeschwommen ins Elitebecken des FC Bayern, er hat es noch einmal probiert, beeindruckend, diese zähe Ausdauer nach einer physischen wie psychischen Tortur. Äußerlich kaschiert Deisler die Symptome. Im Trainingslager reift die Überlegung zum Entschluss: »Beim letzten Testspiel gegen Marseille hätte ich mich fast wieder verletzt, ich habe ständig daran gedacht, dass etwas passieren könnte. Ich habe nicht mehr das richtige Vertrauen in mein Knie. Es war zuletzt eine Qual.« 

Ein Instinktfußballer spricht von Qual, also hört er auf. Insofern ist Hoeneß‘ Verdikt nicht korrekt: Deisler hat den Kampf gewonnen, indem er ihn für verloren erklärt. Das ist ein Sieg. Zwei Jahre danach gewährt er dem »Tagesspiegel« pathetisch gefärbte Einblicke:

»Ich habe Krieg geführt gegen mich. Am Ende war ich leer, ich war alt, ich war müde. Ich war verbittert, auch über mich. Ich bin so weit gelaufen, wie mich meine Beine getragen haben, mehr ging nicht.«

Der bis 2009 gültige Vertrag wird nicht aufgelöst, nur ausgesetzt, Deisler soll die Option eines Comebacks haben. Eine löbliche, fast rührende Theorie. Der begnadetste deutsche Fußballer seiner Generation bestreitet nie mehr ein Spiel.

Von seinen Kollegen verabschiedet er sich nicht an diesem 16. Januar. Einige melden sich per Mail. Zur »Zeit« sagt Deisler 2009: »Ich habe bis heute niemandem zurückgeschrieben.«

Dieser Antritt! Sebastian Deisler zieht los, von der Flanke gen Zentrum, die Verteidiger wollen eingreifen, sie können nicht; hinreißend, wie spritzig dieser Teenager übers halbe Feld pirscht, 50 Meter, 60, enge Ballführung, Dynamik, Courage, dann ein Schwenk, der Schuss mit dem schwächeren linken Fuß, das Tornetz beult sich. Am 6. März 1999 verändert sich Deislers Leben. Der Treffer gegen 1860 München transformiert ihn zur bundesweiten Bekanntheit, und Friedel Rausch, sein Trainer bei Borussia Mönchengladbach, sagt ein paar Dinge, die ehrlich und ausschließlich anerkennend gemeint sind, jedoch ein Fanal sind: »Man sollte vorsichtig mit dem Begriff Jahrhundert-Talent sein, aber Deisler ist eines. Irgendwann wird er in einem Atemzug mit Walter, Seeler und Beckenbauer genannt werden.«

Puh.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!