08.05.2014

Heute vor 40 Jahren: Magdeburg gewinnt den Europacup

Ein Traum in Malimo

Seite 2/4: »Wer ist denn hier der 1. FC Magdeburg?«
Text:
Dirk Gieselmann und Philipp Köster
Bild:
Imago

Sie waren die erste Mannschaft der DDR, die in ein europäisches Finale vorgedrungen war, und nach den »Lisbon Lions« von Celtic Glasgow 1967 die zweite, deren Spieler ausschließlich aus der Region stammten. Ein Freundeskreis. Heute unvorstellbar und auch damals bemerkenswert. Ein Erfolg wie vom Reißbrett der Sportfunktionäre – und doch sträubten sich die Magdeburger gegen ihre Vereinnahmung durch die Sportpolitik. Der unbeugsame Krügel stand schon lange auf der Schwarzen Liste, zur WM einen Monat später durfte er nicht mehr ausreisen – angeblich bestand Fluchtgefahr. Nach Rotterdam ließen sie ihn noch fliegen – als einen der wenigen. Gerade einmal 350 handverlesene Schlachtenbummler durften ihn und den FCM begleiten, darunter Matrosen von fünf Handelsschiffen der DDR-Flotte, die im Hafen von Rotterdam lagen. »Leider waren das nicht immer Fans, die man brauchte«, klagte Krügel später. »Da waren auch Leute dabei, die erst mal gefragt haben: Wer ist denn hier der 1. FC Magdeburg?«

Erst in letzter Minute die Entscheidung: Das Fernsehen zeigt das Finale

So genau wussten das auch die haushohen Favoriten vom AC Mailand nicht. Und es war ihnen auch egal. Sie waren Titelverteidiger, ihr Kapitän war niemand Geringerer als Gianni Rivera, einer der besten Mittelfeldspieler der Welt, und hinten organisierte der deutsche Legionär Karl-Heinz Schnellinger einen Catenaccio, an dem im Halbfinale schon Günter Netzer und seine Gladbacher verzweifelt waren. Die Vorstellung einer Niederlage gegen den Außenseiter aus dem Realsozialismus schien ihnen so absurd, dass nur wenige Tifosi den Weg in die Niederlande auf sich nahmen. Diese Feierabendtruppe, da waren sie sich sicher, würden die Rossoneri auch ohne ihre Unterstützung wegputzen. Nicht einmal das DDR-Fernsehen schien zunächst an die Magdeburger zu glauben. In den Programmheften des 8. Mai 1974 sind der Sowjet-Schinken »Im Morgengrauen ist es noch still« und die Unterhaltungssendung »Mit Lutz und Liebe« aufgeführt. Erst in letzter Minute wurde die Übertragung des Finales veranlasst, Heinz-Florian Oertel kommentierte die Partie.



»Wir sind zwar Außenseiter«, sagte der erst 20-jährige Axel Tyll vorab dem »Sportecho«, »doch vor Ehrfurcht stirbt bei uns keiner.« Nicht ganz jedenfalls: Ersatztorwart Werner Heine bekam am Abend vor dem Finale vor Aufregung einen Fieberschub. Trainer Krügel arrangierte umgehend, dass Bernd Dorendorf, der dritte Mann, mit der Magdeburger Reisegruppe nach Rotterdam kam. Als Dorendorf aus der Interflug-Maschine stieg und ihm mitgeteilt wurde, dass inzwischen auch Stammkeeper Schulze angeschlagen war, ereilte ihn ebenfalls die erhöhte Temperatur. »Ungefähr 37,2«, sagt Wolfgang Seguin heute und lächelt. Dann aber konnte Schulze doch spielen, und Krügel zog in der Kabine alle Register. Vor dem Anstoß las er seinen Spielern aus dem »Kicker« vor, der die alte Geschichte von »David gegen Goliath« beschwor. Das schärfte ihnen noch einmal die Sinne für die historische Chance, die sie an diesem Abend hatten.

»Neuer Versuch, jetzt Seguin. Seguin ist da! Schuss …Tor!«

»Wer das erste Tor schießt, gewinnt«, hatte Milan-Coach Giovanni Trapattoni in einem Moment finsterer Eingebung prophezeit. Und so kam es: In der 41. Minute traf sein Verteidiger Enrico Lanzi – allerdings ins eigene Gehäuse. Spätestens da legten die Magdeburger den letzten Respekt ab und dominierten das Spiel. »Wie die Italiener uns in der letzten halben Stunde hinterherlaufen mussten, das war schon ein tolles Gefühl«, frohlockte Axel Tyll später. Und schließlich besiegelte Seguin den Triumph. In der 74. Minute nagelte er den Ball aus spitzem Winkel unter die Latte. Oertel rief begeistert ins Mikrofon. »Neuer Versuch, jetzt Seguin. Seguin ist da! Schuss …Tor! ... Tooooor! ... Paule Seguin hat es gemacht. Von der gleichen Stelle aus, wo eben Sparwasser nicht getroffen hat.« Um 22.15 Uhr pfiff Schiedsrichter Arie van Gemert ab – 2:0! Der 1. FC Magdeburg war Europapokalsieger! Pommerenke, Seguin, Hoffmann, die Jungs aus Wegeleben, Stapelburg und Gommern. Libero Manfred Zapf schleppte den Pokal, dann durfte ihn auch der Torschütze in Händen halten. »Das war unbeschreiblich«, sagt Wolfgang Seguin. »Das werde ich nie vergessen.«

 
 
 
 
 
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