12.06.2013

Heute vor 25 Jahren: Wie der Schotte Ray Houghton Ire wurde

Der geliehene Held

Am 12. Juni 1988 machte sich der in Schottland geborene Mittelfeldspieler Ray Houghton unsterblich, als er Irland bei der EM in Deutschland zum Sieg gegen England schoss. Wir blicken zurück auf eine denkwürdige Karriere,

Text:
Lucas Vogelsang
Bild:
imago

Nachdem sich sein Kopfball unhaltbar über Englands Torhüter Peter Shilton ins Netz gesenkt hat, versinkt der kleine, untersetzte Mann im grünen Jubel. Die Fernsehkameras haben ihn längst aus den Augen verloren. Die Stadionuhr im Stuttgarter Neckarstadion zeigt sechs Minuten nach halb vier an diesem 12. Juni 1988. Auf der Anzeigetafel steht es in grellorange: Irland 1, England 0. Nach 90 Minuten hat sich daran nichts geändert. Die Iren, im internationalen Fußball bis dahin so groß wie das volkseigene Leprechaun, ein goldsüchtiger Koboldmessi von Kleinkindstatur, haben den großen Nachbarn niedergerungen. Eine ganze Nation befindet sich in den zum Bersten gefüllten Pubs zwischen Dublin und Cork im Freudentaumel. Und Stuttgart ist nie wieder so grün wie an diesem Tag.

Der untersetzte, kleine Ire mit der Nummer 8 ist plötzlich der Held einer ganzen Nation. Ray Houghton hat das wahrscheinlich wichtigste Tor in der Geschichte des irischen Fußballs geschossen, dabei ist er nicht mal ein richtiger Ire. Geboren wurde er in Glasgow. Um aber unter dem großen Jack Charlton für Irland spielen zu können, erinnerte sich Houghton seiner irischen Wurzeln und trug fortan die Farben der Heimat seines Großvaters. Rasch wurde er zu einem wichtigen Baustein in Charltons System.

Charlton grub nach jeder noch so dünnen irischen Wurzel

Jack, der ältere Bruder der Manchester-Legende Bobby Charlton, hatte 1986 das Traineramt der irischen Nationalelf übernommen und das Team Schritt für Schritt an die europäische Elite herangeführt. Bis dahin hatten sich die Iren noch nie für ein großes Turnier qualifizieren können, doch unter Charlton sollte sich das ändern. Der Weltmeister von 1966 formte eine geschlossene, kampfstarke Mannschaft, die von ihrem unerschütterlichen Teamgeist lebte. Das Herzstück dieser Auswahl bildeten erfahrene Englandlegionäre wie Ray Houghton oder John Aldridge. Der war wie Houghton ebenfalls kein gebürtiger Ire, doch Charlton grub nach jeder noch so dünnen irischen Wurzel, um seine Elf zu verstärken. Oft befand er sich dabei in der Grauzone des Einbürgerungsrechts, aber die Mühe sollte sich lohnen: Irland qualifizierte sich für die EM 1988 in Deutschland. Dort bekamen die Iren gleich zum Auftakt ihr Jahrhundertspiel zugelost: gegen England, den Erzfeind von der Insel gegenüber. Für Jack Charlton, der weite Teile seiner Karriere im toten Winkel seines kleinen Bruders verbracht und England im Zorn verlassen hatte, bot sich die Gelegenheit zu einer bösen Revanche. Und seine Spieler brannten, ihre Körpersprache verriet den unbedingten Willen zum Sieg. Nach Hougtons 1 : 0 war es, als explodierte eine grün-weiße Konfettibombe.


 
 
 
 
 
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