Heute vor 25 Jahren: Hollands EM-Sieg

Der Triumph der Kurve

Mit dem schönsten Tor eines EM-Endspiels bescherte Marco van Basten der Niederlande nicht nur den ersten Titel bei einem großen Turnier. Er setzte ein Ausrufezeichen hinter die spielerische Klasse und Wucht, mit der »Oranje« die EM 1988 dominierte.

EM 1988: Niederlande-UdSSR 2:0

Nichts deutet im EM-Finale 1988 zwischen Holland und der Sowjetunion darauf hin, dass ein spektakuläres Tor unmittelbar bevorsteht, als Alexander Sawarow im Mittelfeld den Ball verliert, Arie van Tiggelen ihn nach vorn treibt, Arnold Mühren übernimmt und von links flankt. Diese Flanke ist noch Ausdruck des ehernen Gesetzes der zweitbesten Lösung. Besser wäre der harte, präzise Flachpass ins Sturmzentrum, doch die vielbeinige sowjetische Abwehr lässt dem 37-jährigen Mittelfeldroutinier von Ajax Amsterdam keine andere Wahl. Statt des direkten Wegs zum Tor segelt das Leder weich getreten von links nach rechts über das Strafraumrechteck. Dort sieht Mühren Marco van Basten.

»Bevor ich den Ball erreichte, sah ich, wie er sich in der Nähe des Strafraums frei lief. Hätte ich den Ball erst angenommen und kontrolliert, wäre eine neue Situation entstanden. Ich flankte direkt und so, dass der Ball kurz vor Marco landen würde. Ich dachte, er würde ihn dann annehmen und in den Strafraum eindringen.« Es ist wirklich kein guter Winkel, um aufs Tor zu schießen, auf der rechten Seite des Strafraums, schon viel zu weit in Richtung Torauslinie gedrängt. Doch Marco van Basten schießt aufs Tor, und als sich in dieser 54. Minute im Münchner Olympiastadion der Ball hinter Torwart Rinat Dassajew ins Tor senkt, haben sich alle Hoffnungen der Holländer erfüllt.

Johan Cruyff sagte einmal, dass es keine größere Auszeichnung gebe als das Lob für den eigenen Stil. 14 Jahre zuvor schienen die Hoffnungen von Cruyff und ganz Holland zerstört, als sich im WM-Finale 1974 die biederen Deutschen gegen die eleganten Niederländer mit 2:1 durchsetzten. Die Niederländer, die als bestes Team der Welt galten und, angetrieben von Kapitän Cruyff, den »totalen Fußball« in Vollendung zelebrierten. Gewonnen haben sie aber weder 1974 noch 1978, als sie den  Argentiniern unterlagen.

Diesmal ist alles ganz anders. Als Marco van Basten unweit der Torauslinie in der Nähe des Strafraums frei steht, ist er bereits der Superstar dieses Turniers. Seitdem er unter den Fittichen des großen Johan Cruyff bei Ajax groß geworden war und 1986 den Goldenen Schuh als Europas erfolgreichster Torschütze gewonnen hatte, war er weit über die Niederlande hinaus bekannt geworden. Längst hatten die Bosse der Serie A die Geldschatullen weit geöffnet, um der Welt größtes Stürmertalent ins Lireparadies zu locken. Die Legende will gar, dass Silvio Berlusconi nur dreißig Sekunden eines Videomitschnitts genügten, um Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, den Wunderknaben zusammen mit Ruud Gullit zu seinem AC Mailand zu locken.

Die Chance kam im Halbfinale gegen Deutschland

Dann beginnt im Jahr vor der EM 88 in Deutschland jene Verletzungsserie, die einmal das sportliche Schicksal Marco van Bastens besiegeln sollte. Durch die Verletzung vermeintlich außer Form, vertraut Bondscoach Rinus Michels zu Turnierbeginn  den neuen Ajax-Stürmern van’t Schip und Bosman. Die Holländer verlieren ihr Auftaktspiel gegen die UdSSR 0:1 und stehen vor dem Turnieraus. Van Basten kehrt gegen England  in die Elftaal zurück und erzielt einen Hattrick. Gegen Irland dann rettet Wim Kieft vom PSV Eindhoven Oranje mit einem Tor, das Gerd Müller alle Ehre gemacht hätte. Ausgerechnet  jenem Gerd Müller, der der besten holländischen Mannschaft aller Zeiten 14 Jahre zuvor die Krönung versagte, der den schönen Fußball besiegte und in einem ganzen Volk damit den Keim der Hoffnung auf die sportliche Revanche bei dieser Europameisterschaft sähte.

Die Chance dazu war nun gekommen, beim Halbfinale Deutschland gegen Holland in Hamburg. Viel leicht das einzige Spiel der  Fußballgeschichte, das eine spiegelverkehrte Wiederholung eines früheren Matchs, des WM-Finales von 1974 wurde. Wie fast immer, wenn diese beiden Mannschaften aufeinander treffen, wurde es ein besonderes, ein dramatisches Spiel. Ein Spiel, über das die Menschen noch lange sprechen würden. Aber vor allem war es die Begegnung, mit dem Marco van Basten zum Volkshelden wurde. Kurz vor Schluss, in der 89. Minute, narrt er seinen ewigen deutschen Widerpart Jürgen Kohler und schiebt den Ball an Eike Immel vorbei zum 2:1 ins Netz.

Die Vorzeichen sind anders als vor 14 Jahren

Oranje boven – Holland steht nun Kopf, dank Marco van Basten. Endlich Genugtuung für die als ungerecht empfundene Niederlage von München. Revanche für Hölzenbeins Schwalbe, Taylors Pfiff, Müllers Drehschuss und Meiers Paraden. Holland steht im Endspiel, zum zweiten Mal in diesem Turnier geht es gegen die Sowjetunion. Und nun sind die Vorzeichen anders als vor 14 Jahren. Eine Niederlage gegen die Sowjets würde nicht so schmerzen. Deutschland war besiegt, was nun folgte, war die Zugabe. Die Niederländer spielen wie von einem Albdruck befreit. Ruud Gullit leitet den Ball bereits in der ersten Minute mit der Hacke weiter.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!