15.04.2014

Heute vor 25 Jahren: Die Katastrophe von Hillsborough

Tod am Zaun

Am 15. April 1989 starben im Stadion Hillsborough in Sheffield 96 Menschen. Zum 25. Gedenktag erinnern wir an die Katastrophe, die den Fußball für immer verändert hat.

Text:
Philipp Köster und Jannik Pentz
Bild:
imago

Es ist, zumindest auf dem Papier, ein ganz normales Fußballspiel. Der FC Liverpool spielt am 15. April 1989 gegen Nottingham Forest um den Einzug in das Finale des FA Cups. Es ist die gleiche Partie wie vor einem Jahr, damals schlug Liverpool Forest mit 2:1 und zog ins Finale ein. Das Spiel im Hillsborough Stadion, der Heimat von Sheffield Wednesday, ist deshalb schon seit Wochen ausverkauft. Und doch reisen viele, viele Fans auch ohne Ticket nach Sheffield, in der Hoffnung auf dem Schwarzmarkt fündig zu werden.

Auch Gary Burns hat sich an diesem Samstag auf den Weg gemacht. Der 17-Jährige hat ein Ticket für die Leppings Lane-Tribüne hinter dem Tor, mit Freunden aus Liverpool will er das Spiel sehen. Als er gegen viertel vor zwei das Stadion erreicht, herrscht dort eine heitere Atmosphäre. Die Sonne scheint, es ist nicht zu warm. Viele LFC-Anhänger warten bereits vor den Zäunen auf den Einlass, man singt sich ein, der Schwarzmarkt blüht, berittene Polizei verfolgt gelassen die Szenerie. Vor dem Stadion werden Programmhefte verteilt. Ein Foto ist im Innenteil abgedruckt. Leppings Lane, gefüllt mit gut gelaunten Anhängern aus Liverpool, ein Bild aus dem letzten Jahr. Dazu heißt es: »Wenn Sie sich in Hillsborough umschauen, werden Sie begreifen, warum es der perfekte Ort für jede Art von großen Spielen ist.«

»Ich rief nach meinem Freund, er antwortete mir nicht«

Schon bald jedoch strömen immer mehr Fans zum Stadion, mit Tickets, ohne Tickets. Und um 14.30 Uhr drängeln sich 10 000 Fußballfans aus Liverpool auf engstem Gebiet vor den Drehkreuzen und versuchen, ins Stadion zu gelangen. Gary Burns steckt mitten in der Menschenmenge. »Ich begriff, dass ich mich nicht bewegen konnte. Ich rief nach meinem Freund Geoff, er antwortete mir nicht«, erinnert er sich. »Ich konnte nun nicht einmal mehr meine Schultern bewegen.«

Ratlos versuchen sich die berittenen Polizisten ihren Weg durch die Menge zu bahnen, vergeblich. Auch Menschen ohne Ticket werden nun in Richtung der Eingänge gedrückt, ohne jede Chance, dem Strom zu entfliehen. Der Anpfiff rückt immer näher, mit der Angst die ersten Spielminuten zu verpassen wächst auch der Druck auf die Tore vor dem Stadion. Um ihn zu mildern, entscheidet sich der verantwortliche Polizeidirektor David Duckenfield, ein Beamter ohne nennenswerte Erfahrung mit solchen Großereignissen, schließlich dazu, das als Ausgang konzipierte Gate C zu öffnen. Durch das Gate, das nicht wie ein Eingangstor über Drehkreuze verfügt, gelangen Hunderte Fans in kürzester Zeit ins Stadioninnere. Ein fataler Fehler, während die Teams schon auf dem Platz auflaufen, strömen immer noch Fans auf die Ränge der überfüllten Liverpooler Fankurve.

Gary Burns ist von der Menge in einen langen, engen Tunnel geschoben worden, der die Aufgänge mit den Stehplätzen verbindet. Wie durch einen Flaschenhals drängen immer mehr Menschen von hinten nach. Burns kann nun nicht einmal mehr den Kopf bewegen. Von vorne dringen panische Rufe: »Geht zurück, geht zurück«, die Fans im Tunnel brüllen nicht minder verzweifelt zurück: »Wir können nirgendwohin.« Die ersten Fans verlieren die Nerven. Eine Frau schreit immer wieder: »Lasst mich raus, lasst mich raus!« Neben Burns bricht ein Junge zusammen. »Seine Augen waren geschlossen, sein Gesicht kalkweiß.« Mit letzter Kraft wird das Kind aus der Menge gezogen und über den Köpfen hinausgereicht.

 
 
 
 
 
1234
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden