Heute vor 25 Jahren: Argentinien wird Weltmeister

Zehn Meter Rückstand

WM-Finale `86, Deutschland gegen Argentinien: Beim Stand von 2:2 spielt Maradona den tödlichen Pass auf Jorge Burruchaga. Nur Hans-Peter Briegel kann das Unheil noch verhindern. Zum 25. Jahrestag erinnert er sich an das legendäre Laufduell. Heute vor 25 Jahren: Argentinien wird Weltmeister

Na, sicher, es wurde schon mal mitreißenderer Fußball gespielt als von uns in Mexiko. Aber der Kader war so stark, dass wir Weltmeister hätten werden können. Nach einem 2:0-Sieg gegen die Franzosen sind wir ins Finale eingezogen, die waren immerhin Europameister.

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Dann ging es gegen die Argentinier, die Chancen schätzte ich auf fifty-fifty ein. Ich sage Ihnen: Es war ein Traum, im Aztekenstadion aufzulaufen! Das sieht von außen zwar recht klein aus, aber es ist dreißig Meter in die Erde reingebaut, eine Arena mit 100.000 schreienden Zuschauern. Die Bedingungen waren extrem, wegen der Übertragung nach Europa wurde schon um 12 Uhr mittags angepfiffen. 50 Grad auf dem Rasen, der Körper warf keinen Schatten!

Ich selbst hatte seit der Vorrunde mit einem Mus- kelriss im Oberschenkel gespielt. Das wäre heute undenkbar! Zuerst musste ich hinten links ran, aber die Argentinier gingen durch Tore von Brown und Valdano mit 2:0 in Führung, und Franz Beckenbauer stellte um, ich passte fortan auf Valdano auf. Die Argentinier waren ausgepumpt, noch ausgepumpter als wir. Was glauben Sie, wie anstrengend das bei der Hitze war! Es war unheimlich schwer, sich noch zu überwinden.

Plötzlich machten Kalle Rummenigge und Rudi Völler noch den Ausgleich, wir warfen alles nach vorne, spielten an der Mittellinie auf Abseits. Die falsche Taktik, wir hätten auf die Verlängerung warten müssen, die Argentinier wären zusammengebrochen. Aber wir wollten unbedingt alles klar machen, der Sieg war so nah!

»Du kriegst ihn noch, du kriegst ihn noch, du kriegst ihn noch!«

Dann bekam Maradona den Ball und spielte den Steilpass auf Burruchaga. Hätten der Karl-Heinz Förster und ich doch nur einen Schritt raus gemacht, dann wäre der Burruchaga im Abseits gewesen! War er aber nicht, und schon ging er allein aufs Tor zu. Ich war total entsetzt, er hatte nur noch 35 Meter vor sich! Ich bin sofort hinterher, musste aber schräg rüberrennen, hatte über zehn Meter Rückstand. Nun kam ich ja aus der Leichtathletik, dem Zehnkampf, konnte gut sprinten, holte das Letzte aus mir heraus. Ich habe immer nur auf den Ball gestarrt und gedacht: »Du kriegst ihn noch, du kriegst ihn noch, du kriegst ihn noch!«

Wie ein Irrer rannte ich hinterher, es hing ja soviel von mir ab! Aber an der Strafraumgrenze hatte er immer noch einen Meter Vorsprung, zuviel, um ihn zu foulen. »Toni, komm raus«, habe ich noch gedacht, aber da schoss Burruchaga schon, ganz schlaff und kraftlos, unter Schumacher durch. »Das darf nicht wahr sein«, habe ich gedacht, als ich den Ball ins Tor rollen sah.

»Ich würde am liebsten sterben«

Ich stand hinter dem Tor und wusste nicht mehr, was los war, so leer war ich im Kopf. Das war ein Dolchstoß, wir waren am Boden. Die restlichen fünf Minuten sind ganz schnell vergangen, plötzlich war es vorbei, einfach vorbei. Der Andi Brehme hat hinterher in der Kabine gesagt: »Ich würde am liebsten sterben.« Ganz so ging’s mir nicht, obwohl es mein letztes Spiel war. Aber geheult habe ich wie ein Schlosshund!

In der Kabine haben uns alle gut zugeredet, sogar der Bundeskanzler Kohl. Später bei der Dopingprobe habe ich den Maradona wieder getroffen. Wir mussten alkoholfreies Bier trinken. Aber er hatte Angst, dass ihm da jemand etwas reingemischt hätte. Also hat er mich gefragt, ob ich vorher für ihn probieren könnte. Das habe ich dann auch gemacht.

Wären es doch nur fünf Meter gewesen!

Währenddessen dachte ich immer noch an das Laufduell. Wenn es doch nur fünf Meter Rückstand gewesen wären! Dann hätte ich ihn bestimmt gekriegt. Aber es waren zehn Meter – und wir nur Vize-Weltmeister.


>>> Das WM-Finale 1986 in der großen Bilderstrecke!

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