Herthas Superlativ

Die ulkigsten Urinale

Schlange stehen in der Halbzeit: Die größte Herausforderung für Fans der Hertha sind die Toiletten im Olympiastadion. Traditionell kommt es in der Halbzeitpause bei Hertha-Spielen zu Panikattacken vor den Zugängen. Imago
Heft #69 Sonderheft 2007/08
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Es ist Sommerpause in Berlin, und draußen gibt es mächtig Ärger. Der Sturm donnert mit aller Wucht über die Trainingsplätze von Hertha BSC, als die Jungstars im Kollektiv mit Vereinswechseln kokettieren und Abwehrboss Dick van Burik nach seinem Rauswurf zürnt: »Ich lass’ mich nicht aus der Stadt verjagen.« Drinnen aber, wo in den Bundesligawochen stets Anarchie herrscht, geht’s in der Sommerpause harmonisch zu: auf den Toiletten des Olympiastadions. Unter Block 34, Ostkurve, duftet es nach Putzmittel, die Fliesen sind gewischt und der letzte »Schalke verrecke«-Aufkleber ist auch von den Kacheln gekratzt. Vor allem aber: Es gibt keine Warteschlangen.
Denn das, was leidgeprüfte Hertha-Fans an Spieltagen wohl am meisten belastet, ist die größte Toilettenanlage des Landes. 800 gibt es, damit hat Berlin die größte Toilettenschüssel der Liga – allerdings sind es eben auch nur 800 Klos für 74?000 Zuschauer. Und damit gewinnt Hertha den Meistertitel der Magenschmerzen.

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Hinter diesem Thema steckt eine beeindruckende Logistik. Während eines Fußballspiels im Olympiastadion wird so viel Wasser verbraucht wie in einem Einfamilienhaus pro Jahr. In den Spülkästen der Stadiontoiletten sind nur 4,5 Liter statt normalerweise sechs Liter drin. Pissoirs spülen sogar nur die Hälfte gegenüber alten Eckpintenmodellen herunter, und das auch nur im 20-Sekunden-Takt. Das ist gut für die Umwelt, der Wassergeiz hat aber auch andere Gründe: Die Abwasserrohre sind zwar satte zwei Meter dick, weil das Stadion aber auf einem Berg (für Berliner Verhältnisse schon!) gebaut wurde, liegen die Abwasserrohre in 17 Metern Tiefe. Und damit beginnt das Dilemma.

»Biste einjeschlafen auf dem Klo, du Vollpfosten!?«

Traditionell kommt es nämlich in der Halbzeitpause bei Hertha-Spielen zu Panikattacken vor den Zugängen, wo tätowierte Alt-Hooligans um Gnade winseln oder sanfte Familienväter zu groben Pavianen mutieren (»Biste einjeschlafen auf dem Klo, du Vollpfosten!?«). Alt-Herthaner geben daher auch den Ratschlag, sich nach einer halben Stunde Spielzeit auf den Weg zu machen, um den Start der zweiten Halbzeit mitzuerleben.

Die große Blasenqual im größten Sitzplatzstadion Deutschlands beginnt allerdings schon weit vor dem Anpfiff. Jeder, der einmal vor dem Olympiastadion mit den Kumpels ein paar kalte Biere an den Imbissbuden gezischt hat, stellt spätestens nach der vierten frischen Molle entsetzt fest, dass es vor dem Stadion quasi keine Toiletten gibt. Alt-Herthaner erinnern sich daher gern an Zweitliga-Zeiten, als die Fans noch überall unbesehen den Hosenbund lüften konnten. Was allerdings eher daran lag, dass die Ordner bis zum nächsten Fan immer einen gefühlten Tagesmarsch zurücklegen mussten, weil eh so wenige Anhänger in der Arena waren. Hertha hat dankenswerterweise das kollektive Urinieren auf den Stadionwiesen unterbunden, in dem jetzt viele hundert Ordner in orange-farbenen Westen akkurat nebeneinander stehen und somit als menschlicher Zaun verhindern, dass die Fans den echten Zaun dahinter bewässern.

Alle gefüllten Blasen werden also schnellen Schrittes zu den Toiletten getragen. Und daher spielen sich vor den Klos schon mal absurde Szenen ab. So erinnert sich ein Hertha-Fan an einen Kumpel, der eigentlich im schmalen Gang des Oberrangs zum Bratwurststand gehen wollte, in den Sog der nervösen Toilettenmasse geriet und daraufhin einen unfreiwilligen Umweg über die Sanitäranlagen nehmen musste. Ein anderer Anhänger erzählt peinlich berührt, dass er letzte Saison für einen Moment nicht aufpasste und, ehe er sich versah, auf einmal in den Gegenstrom geriet und wieder hinausgeschoben wurde. Acht Minuten verschenkte Lebenszeit!

Nun mag man meinen, dass bei 260 Millionen Euro Umbaukosten der eine oder andere Euro hätte drin sein müssen, um größere Sanitäranlagen zu schaffen. Aber das sollen die rigiden Bestimmungen des Denkmalschutzes verhindert haben. Und so kam es kurz vor der Fußball-WM, dass ranghohe Organisatoren schimpfend im Super-Ehrenbereich standen und klagten: »Stell dir vor, es ist Finale – und all die Staatschefs mit ihren Bodyguards wollen in der Halbzeit mal eben aufs Klo. Geht nicht, das geht einfach nicht bei Sicherheitsstufe 1!« In der Hochsicherheitszone der 150 Super-Wichtigen gibt es gerade einmal vier Klos – überraschenderweise, so die WM-Organisatoren hinterher, habe dann doch alles geklappt. Die einfache Erklärung: »Das lag vielleicht am Anheuser-Busch-Bier, das war ja nicht so richtig lecker.« Die nachvollziehbare Theorie: Wer nicht trinkt, muss auch nicht auf Toilette.

Hertha sucht übrigens für die neue Saison einen neuen Biersponsor.

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