Herthas Hoffnung heißt Änis Ben-Hatira

Hochveranlagt im Wartestand

Mit zwei Toren schoss Änis Ben-Hatira Hertha BSC in die Relegation. Der Berliner Junge ist der Hoffnungsträger für die Spiele gegen Fortuna Düsseldorf. Dabei fehlte ihm bisher stets die Konstanz. Porträt eines Hochveranlagten im Wartestand.

Der Blick wirkt verloren. Von Siegesglanz keine Spur. Auf den Tribünen des Olympiastadions drohen die Fans von Hertha BSC in Euphorie zu ersticken, doch der Held des Nachmittags flüchtet sich in ergreifende Demut. »Wir hatten schlechte Spiele, in denen wir ganz Berlin enttäuscht haben«, stammelt Änis Ben-Hatira seine Replik der Saison in die Kameras. Niemand sieht ihm an, dass er nahezu im Alleingang den Einzug in die Relegation möglich gemacht hat. Der befreiende Jubel des Berliner Mittelfeldspielers über die beiden Tore beim 3:1-Erfolg der Hertha gegen 1899 Hoffenheim ist in diesem Moment Lichtjahre entfernt.

Gerade so hat Hertha BSC am diesem Samstagnachmittag das Schlimmste abwenden können. Heute Abend und am nächsten Dienstag haben die Berliner gegen Fortuna Düsseldorf die Chance, eine verkorkste Saison noch zu retten. Den Trailer dazu bestimmte ein Berliner Junge. Änis Ben-Hatira. Doch ob er auch im zweiteiligen Blockbuster die Hauptrolle spielt? Es wäre der Traum aller Drehbuchautoren.

Die Chance, zum Helden zu werden

Seit dem Hoffenheim-Spiel ist Ben-Hatira der Hoffnungsträger auf den Klassenerhalt. Der 23-Jährige hat die große Chance, als einheimischer Steppke zum Helden zu werden. Doch dafür muss er das tun, was ihm in seiner Karriere noch nie gelungen ist: Konstanz zeigen. Das nächste Spiel ist immer das wichtigste. Bei Ben-Hatira, dem überragenden Techniker, war es bisher stets nie so gut wie das letzte.

»Änis hat besondere Fähigkeiten«, sagt Wolfgang Damm, der Ben-Hatira in dessen ersten Berliner Zeit bis 2003 in der Jugend trainierte. »Er ist immer in der Lage, einen Gegenspieler auszudribbeln. Das können nicht viele. Wer ihn im September gegen den 1. FC Köln sah, der meinte, da würde ein Weltklassespieler auf dem Platz stehen«, schwärmt der Mentor des Flügelkickers. Zwei Tore bereitete Ben-Hatira beim 3:0-Sieg über den »Effzeh« vor. Ein Hoffnungsträger war geboren – und geriet nur allzu schnell wieder in Vergessenheit. Ben-Hatira spielte im Anschluss lange Zeit eine unauffällige bis schwache Saison. Zeitweise flog er sogar aus dem Kader. Der große Durchbruch blieb einmal mehr aus.

Fensterwettschießen mit den Ghetto-Kids

Schon öfters hatte Ben-Hatira an dieser Schwelle gestanden. Bis 2003 mischte er die Jugend von Hertha BSC auf, unter anderem neben Kevin Prince Boateng, Jerome Boateng und Ashkan Dejagah. Ghetto-Kids der Marke Berlin. »Alles super Jungs, doch sie hatten damals viel Blödsinn im Kopf«, erinnert sich Damm. »Ich war als Trainer immer froh, wenn wir von Spielen nach Hause kamen und nichts passiert war.» Mitunter ein hehrer Wunsch. »Einmal kam ich etwas zu spät zu einem Turnier und sah nur, dass die Jungs in einem Wettschießen die Dachfenster kaputt geschossen hatten.« Als der 14-, 15-jährige Ben-Hatira immer öfters über die Stränge schlug, wurde es der Hertha zu bunt. Ben-Hatira flog raus. Begründung: Fehlende Weiterentwicklung im sportlichen Bereich und zu viele Eskapaden. »Für Änis brach eine Welt zusammen«, so Damm.

Der einstmals »faule« (Damm) Jugendkicker zog die richtigen Schlüsse. Dass er heute den Oberkörper einen Preisboxers spazieren trägt, verdankt er auch der Disziplin, die er nach seinem Hertha-Abgang bei TeBe Berlin an den Tag legte. Den Aussetzern vergangener Tage schwor er ab, entschied sich vielmehr dafür, anderen Jugendlichen zu helfen. 2007 wurde Ben-Hatira Gründungsmitglied der Kindersportstiftung des vormaligen Bundestagsabgeordneten Jörn Theißen – gemeinsam mit Paul Breitner und seinem ehemaligen TeBe-Kollegen Zafer Yelen, der heute beim FSV Frankfurt spielt.

Auch sportlich ging es in diesen Jahren wieder voran. Nach überragenden Leistungen in der Jugend des ehemaligen Zweitligisten wechselte er 2006 in die Reserve des Hamburger SV, von dort nach einem Jahr in die Bundesliga-Mannschaft. Jetzt galt es Konstanz zu zeigen – das alte Problem. Seine Bilanz: Nur zehn Bundesligaspiele in drei Jahren. Ben-Hatira fiel kaum auf. In seiner Zeit als verletzungsanfälliger Leihspieler beim Zweitligisten MSV Duisburg (2009 bis 2010) wurde er Europameister mit der Deutschen U-21-Nationalmannschaft, im Verein blieb er kaum in Erinnerung. Nach der Rückkehr zum HSV zur Saison 2010/11 schien die Startelf für Ben-Hatira so weit weg wie derzeit die Bundesliga für den 1. FC Köln. Bis das Wintertrainingslager 2011 begann und der Halb-Tunesier seine Karriere rettete. »Änis war damals der fitteste Spieler im HSV-Kader. Trainer Armin Veh gab ihm deswegen eine Chance«, so Damm. Und Ben-Hatira nutzte sie so eindrucksvoll, dass der HSV nach seinen 16 Einsätzen in der Rückrunde sogar wieder über eine Vertragsverlängerung nachdachte.

»Es war, als würde ich sterben«

Doch Ben-Hatira hatte andere Pläne. Zurück zur Hertha wollte er. Zurück nach Berlin. Zurück zu den Wurzeln. »Er ist ein Familienmensch«, sagt Damm. Im November des vergangenen Jahres wurde seine Zwillingsschwester von zwei Angreifern in einer U-Bahn-Station brutal zusammengeschlagen. Ben-Hatira stürzte wochenlang in ein tiefes Loch. »Es war, als würde ich sterben«, beschrieb er diese Zeit später in einem Interview mit der Bild-Zeitung. Ein Schicksalsschlag, der es ihm unmöglich machte, Topleistungen zu bringen.

Sportlich steht sich Ben-Hatira oft auch selbst im Weg. Das weiß Damm nur zu gut. »Wenn etwas nicht so läuft, wie er das will, wird er fuchsteufelswild. Er pflaumt dann aber niemanden an, sondern frisst die Aufregung in sich rein. Und das ist nicht gut für seine Leistung.« Als Ventil wählt Ben-Hatira in solchen Phasen zu oft eigenwillige Aktionen, will mit dem Kopf durch die Wand. »Manchmal läuft er in drei Gegenspieler rein und versucht sich an einem unmöglichen Dribbling. Das sieht dann natürlich unglücklich aus«, findet Damm. Otto Rehhagel hat ähnliches erkannt: »Er ist ein großes Talent, aber er verpasst manchmal das Abspiel«, zitierte der Sport-Informations-Dienst den 73-Jährigen nach dem Hoffenheim-Spiel.

Ben-Hatira sagt: »Es geht um Berlin!«

Am vergangenen Samstag war Ben-Hatira frei von allen Sorgen. Damm hatte sich zwei Tage zuvor noch mit ihm zum Mittagessen getroffen. »Da hat man ihm schon angemerkt, wie fokussiert er auf dieses Ziel Klassenerhalt ist.« »Es geht um Berlin, wir müssen das unbedingt schaffen«, habe er beständig wiederholt. Etwas mehr als 48 Stunden später war er der Matchwinner. Eine gewöhnungsbedürftige Situation. »Es war nur ein erster Schritt. Die Relegation ist wie eine Art Pokal«, beschwor er nach dem Hoffenheim-Spiel sogleich die Besonderheit der anstehenden Begegnungen – von der eigenen Person ablenkend, den Fokus auf das nächste Ziel rückend. Vielleicht will er es gar nicht sein.

Doch Ben-Hatira muss damit leben: Die Hertha-Anhänger erwarten von ihm die entscheidenden Impulse für die – Otto Rehhagel würde jetzt sagen – letzten Entscheidungsschlachten.

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