23.04.2012

Hertha-Kaiserslautern in der Spielanalyse

Ottos misslungener Systemwechsel

Hertha BSC befindet sich nach dem 1:2 gegen Kaiserslautern auf dem besten Weg in die Zweite Liga. Rehhagels Durchhalteparolen wirken nunmehr beinahe weltfremd. Unser Taktik-Experte Tobias Escher über den blutleeren Hertha-Auftritt.

Text:
Tobias Escher
Bild:
Imago

Otto Rehhagel wagte auf seine alten Tage eine taktische Innovation: Anders als zuletzt fing Berlin in einem 4-4-2-System an. Adrian Ramos agierte in der Spitze leicht hinter Pierre-Michel Lasogga, Spielgestalter Raffael wurde dafür auf die Sechserposition zurückgezogen. Diese Marschroute ging nicht auf: Der spielstärkste Herthaner war auf seiner tieferen Position verschenkt. Ohne ihn fehlte den Berlinern in Halbzeit eins Kreativität in Strafraumnähe. Den vier aufgebotenen Offensivkräften war anzumerken, dass sie als gelernte Stürmer allesamt spielerisch limitiert sind. Nicht einmal fünfzig Prozent der Pässe im letzten Drittel kamen beim Mitspieler an.

Lautern kontert stark

Mit dieser Kreativitätslosigkeit in der gegnerischen Hälfte spielte die alte Dame den Lauterern in die Karten. Die roten Teufel konnten sich ganz auf ihre solide Defensive verlassen, ohne dabei groß gefordert zu werden. Mit ihrem 4-1-4-1-System verschlossen sie die Räume. Geschickt verschoben sie im Mittelfeld und achteten besonders darauf, dass die Berliner Außenverteidiger ihre Vorderleute nicht hinterlaufen konnten. Dafür arbeiteten Konstantinos Fortounis und Olcay Sahan gewissenhaft mit nach hinten.

Ihr Konterspiel profitierte zudem davon, dass Defensivarbeit nicht unbedingt die größte Stärke von Raffael ist. Er und sein Mittelfeldkollege Ottl gingen bis zur Pause nur 14 Zweikämpfe ein, von denen sie zwei Drittel verloren. Die roten Teufel nutzten geschickt aus, dass die beiden oftmals Lücken im Zentrum freiließen. Ihre schlechte Abstimmung verschuldete einige Kontersituationen. Beide Treffer der Lauterer wurden folgerichtig über die Mittelfeldzentrale eingeleitet.

Systemwechsel nach der Pause

Nach der Pause kehrte Rehhagels Team zur bekannten 4-2-3-1 Formation zurück, Raffael durfte nun wieder von der Zehnerposition aus agieren. Mit der neuen, alten Taktik kehrten auch die etatmäßigen Probleme zurück: Im Spielaufbau fehlt jegliche Kreativität. Rehhagels Idee, Raffael nach hinten zu ziehen, mag in der Praxis gescheitert sein, die zweite Hälfte bewies jedoch, dass zumindest der Gedanke nicht schlecht war. Denn Andreas Ottl brachte gerade mal drei Pässe ins letzte Drittel, sein Nebenmann Fanol Perdedaj keinen einzigen – ein Armutszeugnis für zwei Sechser.

Chancen gab es für die Herthaner entweder nach Geistesblitzen der Individualisten (Ronny tat sich hier nach seiner Einwechslung hervor) – oder nach Standardsituationen. Der Ausgleichstreffer fiel dementsprechend nach einem Eckball (60.). Trotz der knappen Führung wirkte es zu keiner Zeit so, als ob Hertha sich gegen die drohende Niederlage aufbäumen würde. Spätestens nach der Gelb-Roten Karte gegen Peter Niemeyer konnte sich Lautern dank einiger Konter ein klares Chancenplus erarbeiteten. Der 2:1-Sieg war voll und ganz verdient. Nach dieser kreativitäts- und leidenschaftslosen Leistungen fällt es schwer, die Hoffnung auf den Nichtabstieg zu verlieren. Selbst Rehhagels Kopf-hoch-Rhetorik wirkt angesichts der desolaten spielerischen Lage weltfremd – mit solch einer Leistung wird das Erreichen der Relegation schwer.

Nur Text
Nur Bild
 
 
 
 
 
 
1
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden