Herrscher eines schmutzigen Reichs

Joseph Blatter: König Fußball

Das Fifa-Reich, das Joseph S. Blatter erfunden und groß gemacht hat, ist ein schmutziges, ein käufliches Reich. Seit 14 Jahren steht er an der Spitze des Fußball-Weltverbandes und hat darüber alle Freunde verloren.

Ob er einsam ist? Ob er in seinem Büro sitzt am mit Nappaleder bezogenen Schreibtisch und beim Unterschreiben auf prägniertem Briefpapier mal aus dem Fenster schaut, mit einem sehnenden Blick nach der weiten Welt, die er repräsentieren soll und die doch bei näherem Hinsehen nur die kleine schmierige Welt ist, in der er sich trickreich zu bewegen weiß wie der wendige Mittelstürmer, der er als Kind war? Ob er heute einmal hinunterfährt in die extra für ihn eingerichtete Kapelle – der Fahrstuhl in seiner Konzernzentrale erkennt seinen Fingerabdruck – und dann da unten sitzt, ein leises Lied singt und dabei sein Echo hört, immer nur sein eigenes Echo? Und ob es ihm dann so ergeht wie den anderen um ihn herum?

Hunderte arbeiten hier in diesem mit Stahlnetzgittern eingefassten Marmor- und Granitpalast auf dem Zürichberg, dessen höchster Punkt sein Büro ist, und alle hören allein auf ihn, hängen an seinen Lippen, die sechs Sprachen fließend sprechen, und an seinen Händen, die mit einem Füllfederstrich Millionenbeträge bewegen, sie alle warten auf das, was er als Nächstes tut.

Und wenn er sich dann auf die Couch setzt und Kreuzworträtsel löst – Fußball-Weltverband mit vier Buchstaben: Fifa –, so dauert dieses Warten eine kleine Ewigkeit, und auf den Fluren unter seinem Büro flirren sie hektisch umher und rühren wartend Zucker, auf dessen Päckchen das Fifa-Emblem eingedruckt ist, mit Löffeln, in deren Metall das Fifa-Emblem eingraviert ist, in ihren Kaffee, der in einer Fifa-Tasse schwimmt, hier in der protzigen kleinen Fifa-Welt in der einzigen Fifa-Straße der großen weiten Welt. Und während die Limousinen im Parkhaus herunterkühlen und von draußen nur das Quietschen der Straßenbahn zu hören ist, die hier oben ihre Wendeschleife dreht, könnte einem dieser unerhörte Gedanke kommen: Wie wäre das, wenn er mal nichts täte, nichts schriebe, gar nichts sagte? Wie wäre das, wenn er nicht mehr hier wäre? Dann wäre einer der mächtigsten Menschen der Welt womöglich der einsamste. Denn Joseph S. Blatter, 76, sich selbst immer wieder beerbender Fifa-Präsident, teure Uhr, teure Brille, schweres Parfüm, manchmal zitternde Hände, hat keine Freunde. Das sagen alle, die es mal versucht haben.

Er hat seine Gefährten verloren an seine Verlobte, wie er sie nennt, mit einem Hauch zarter Hingabe und einem maliziösen Lächeln, das ihm innerlich wehtun müsste, denn seine Verlobte ist bloß die 108 Jahre alte Oma Fifa. Drei Ehen sind darüber zerbrochen. Aber das ist gerade sein geringstes Problem. Sein Lebenswerk steht öffentlich zur Verhandlung – 14 Jahre Fifa-Präsidentschaft; basieren sie nur auf schmierigem Geld und einem manchmal ins Schmierige abgleitenden Lächeln? Er hebt abwehrend die Arme auf einer dieser Pressekonferenzen, auf denen er sich nur selbst hören kann, und beteuert, er habe selbst niemals Geld genommen. Außer die Aufwandsentschädigung natürlich, die ihm zusteht: eine Million im Jahr, »die Währung können Sie sich aussuchen«.

Sein Reich ist käuflich. Das ist jetzt gerichtsfest festgestellt und aktenkundig. Mit mehr als Hundert Millionen (sie suchten sich die Währung Schweizer Franken aus) ließen sich die höchsten Funktionäre des Weltsports vom inzwischen bankrotten Fifa-Vermarkter ISL schmieren. Das war Mitte der 90er Jahre, und dass erst jetzt bewiesen worden ist, was draußen in der Nicht-Fifa-Welt sowieso alle zu wissen meinten, zeigt schon, wie hartleibig Blatter die Aufklärung zu verhindern vermocht hat. Blatters Vorgänger und langjähriger Ziehvater João Havelange – geschmiert mit umgerechnet mindestens 1,2 Millionen Euro. Brasiliens Fußballpate Ricardo Teixeira, der mal dachte, Blatter beerben zu können – geschmiert mit mindestens 10,5 Millionen Euro. Blatter hat das zumindest in einem Fall gewusst; Geld landete auf dem Fifa-Konto, was er schnell weiterleitete. »Mehr ist mir nicht bekannt«, sagt er jetzt vor der Weltpresse. Aber wer glaubt ihm das? Und an wen gingen die restlichen Abermillionen? Kann er das nicht wissen – er, der sonst alles weiß und nichts und niemandem etwas vergisst; will er es wissen?

Blatters Reaktion auf die Enthüllungen ist schrullig, schillernd, er würde denken schlau. Erst verteidigt er die erwiesene Korruption als  Kleinstdelikt – was früher von der Steuer absetzbar war, kann nicht verwerflich gewesen sein. Nach einem Sturm der Entrüstung, vor allem in England und Deutschland, opfert er einen Freund. Havelange noch Ehrenpräsident? »Der muss weg.« Als ihn ein Fußballfunktionär aus Deutschland anruft und zum Rücktritt auffordert (es handelt sich nicht um DFB-Präsident Wolfgang Niersbach oder das deutsche Fifa-Exekutivmitglied Theo Zwanziger, sondern lediglich um den Chef der Bundesliga, Reinhard Rauball), kriegt Blatter einen Wutanfall und keilt per Interview zurück, die deutsche WM 2006 sei gekauft gewesen. »Er hat die Fassung verloren«, sagt ein enger Vertrauter aus der Schweiz, »er will stark wirken, aber das zeigt nur, dass er tatsächlich angeschlagen ist.« Zwei Tage und ein paar Drohanrufe aus dem Sommermärchenland später nimmt Blatter alles irgendwie ein bisschen zurück, der DFB stellt das Angriffsspiel umgehend ein. Blatter bleibt auf dem Feld. Hohe Funktionäre beim DFB zucken die Achseln: »Wer soll es sonst machen?«

Die Wahrheit ist: Die Fifa hat keinen anderen. Er hat sie alle vertrieben. Die Wahrheit ist: Die Fifa will keinen anderen. Afrika steht hinter ihm (wegen der von Blatter durchgesetzten WM in Südafrika), Lateinamerika und die Karibik ebenso (wegen der von Blatter eingeführten Fifa-Entwicklungshilfe, die wie nebenbei Fußballfunktionäre zu Multimillionären macht). Die Wahrheit ist, ausgesprochen von einem Insider, der mit der Fifa einträgliche Geschäfte macht: »Selbst in Europa ist die Hälfte der Leute mit Geld beeinflussbar.« Und die Wahrheit ist, ausgesprochen von Blatter selbst: »Du musst die Schafe nicht wiegen, sondern zählen.« Die Fifa hat 209 Schafe, mehr als die Vereinten Nationen, jedes Schaf, egal wie klein und jung, hat eine Stimme. Die Rücktrittsforderung aus Deutschland war die einzige weltweit, ein kurzes Blöken auf der Weide. Nichts, was einen Kerl treffen kann, der schon als Junge im schroffen Wallis Schafe die Almen herabgetrieben hat.

Sternzeichen Fisch: immer beweglich. Er war eine Frühgeburt, und in den 30er Jahren gingen die oft dem Leben verloren. Wenn er bis zum Josefstag durchhält, taufen wir ihn, sagte die Mutter. Er hielt durch, bekam den Namen Josef (Das »ph« und den Sepp dichtete Blatter erst später dazu). Sein Vater, ein Chemiefacharbeiter, wollte nicht, dass der Junge Fußball spielt. Sportschuhe waren der kinderreichen Familie zu teuer, und in seinem Heimatdorf Visp war es noch nicht angekommen, das Kleine-Leute-Spiel. So ging Josef pauken, Wirtschaft, Marketing, und nebenbei jobbte er als jugendlicher Conferencier auf Hochzeiten. Auf dem goldenen Gesellschaftstanzboden verdiente er sich sein Talent, Menschen einzunehmen, sie zu vereinnahmen. Das sollte sich auszahlen, als Blatter 1975 zur Fifa stieß, damals eine kleine Klitsche mit elf Mitarbeitern, die alle vier Jahre gerade so eine Weltmeisterschaft organisiert bekam.

Blatter lernte den Adidas-Erben Adi Dassler kennen, der nur zwei Tage jünger war als er und aus dem gleichen rauen Holz geschnitzt. Zusammen erfanden und perfektionierten sie die weltweite Vermarktung der Weltmeisterschaften, für die die Fifa heute berühmt, vor allem berüchtigt ist: den Verkauf des Turniers an globale Sponsoren und Fernsehanstalten, ohne Rücksicht auf lokale Bierbrauer oder empfindliche Fans. Blatter wurde die rechte Hand Dasslers und die linke Havelanges, er reiste als erster Außenminister der Fifa um die Welt – nebenbei sammelte er eifrig Stimmen, um Havelange 1998 abzulösen.

Favorit für die Nachfolge war eigentlich ein anderer: Lennart Johansson, ein knurriger Schwede mit soliden Ansichten und mit Europas Fußballverband als Machtfundament. Die entscheidenden Stimmen aber holte Blatter bei den kleinen Nationen, mit welchen Versprechungen auch immer. »Er hat die Stimmen nachts im Hotel gekauft«, sagte DFB-Präsident Egidius Braun hinterher – was Blatter ihm bis heute nicht vergessen hat. Johansson läuft seit dieser Nacht als geknickter Geist über die Fußballkongresse auf aller Welt. Und wenn ihn Blatter auf die Bühne ruft und ihm einen Fairnessorden überreicht und ihn umarmt und küsst, erträgt er das stumm, steigt die Treppe herab und flüstert: »Meine Gefühle habe ich zu Hause gelassen.«

Anruf bei Guido Tognoni, er war in den 90er Jahren Fifa-Direktor, wurde von Blatter rausgeworfen, wieder eingestellt, wieder rausgeworfen. Er ist einer der wenigen kritischen Köpfe aus dem Fifa-Kosmos; viele wollen lieber nicht reden oder höchstens anonym, sie fürchten sich vor dem langen Arm vom Zürichberg, oder sie hoffen, noch einmal aus jener Hand fressen zu können, die sie am liebsten abhacken würden. Tognoni sagt über seinen alten Chef: »Blatter macht keinen frischen Eindruck mehr. Ein Leben, das mit so viel Lug und Trug geführt wird, geht an die Substanz.« Am Telefon zählt er auf, wie viele Begleiter Blatters scheintot am Wegesrand herumliegen, polyglotte Hoffnungsträger wie Jerome Champagne oder Michel Zen-Ruffinen, entlassen von einem Tag auf den anderen, weil sie zu kritisch waren oder zu mächtig zu werden drohten. »Niemand lässt so viele Freunde links liegen wie Blatter.« Tognoni legt auf; er ist mittlerweile ins Rohstoffgeschäft umgestiegen. Auch nicht gerade eine saubere Sache, könnte man meinen, aber mit dem Millionengeschiebe im Fußball will Tognoni nichts zu tun haben – »auch wenn ich nie mehr so viel Geld verdiene wie bei der Fifa«. Geld kann einsam machen, Macht sowieso. Bei Joseph S. Blatter ist es auch seine Art.

Seine Wahl 1998: umweht von Korruptionsvorwürfen und garniert mit dem Versprechen, im Amt nicht alt werden zu wollen. Seine Wiederwahl 2002: durchgesetzt gegen Kritiker, denen von Versammlungsleiter Blatter das Mikrofon abgedreht wurde; nach dem Kongress flogen alle kritischen Köpfe aus der Führung. Seine Wiederwahl 2006: durch eine Statutenänderung auf 2007 verschoben. Seine Wiederwahl 2007: ohne Gegenkandidat, ohne Gegenstimme. Seine Wiederwahl 2011: begleitet durch den Rauswurf seines starken und ebenfalls stark reichen Konkurrenten Mohamed Bin Hammam aus der Fifa, nachdem der Katari beim Stimmenkauf erwischt worden war. In dieser Woche hat Bin Hammam vor dem höchsten Sportgericht der Welt erwirkt, dass seine Sperre aufgehoben wird; es mangelte an Beweisen. Blatter lernt gerade verlieren.

Guido Tognoni ruft noch einmal an, er will etwas loswerden: »Wissen Sie, dass er nur noch Claqueure um sich herum hat?« Mit seinen engsten Mitarbeitern geht Blatter gern essen, es ist ein Ritual seit Jahren, es gibt guten Weißwein, guten Rotwein und eine üppige Rechnung, die Blatter begleicht. Wer legt da schon Widerworte auf den Teller?

Im Wallis fühlt sich Blatter zu Hause, der Bergler, der Karrierekraxler, im Sommer ist er ganz gelöst, wenn sie dort ein kleines Fußballturnier zu seinen Ehren ausrichten. Eine Enkeltochter betütert er noch. Und er löst gern Kreuzworträtsel. Ansonsten ist Blatter in der weiten Welt unterwegs oder ab sieben Uhr morgens in seinem Büro, vor sich den mit Nappaleder bezogenen Schreibtisch (das wärmt seine Hände beim Unterschreiben) – und falls er um sieben Uhr abends einen Mitarbeiter nicht mehr im Hause erwischt, kann er wild werden. »Die Fifa ist halt Blatters Leben. Der hat keine andere Familie«, sagt Franz Beckenbauer.

Sie waren auch mal so etwas wie Freunde. Bis Beckenbauer die WM 2006 nach Deutschland holte – gegen Blatters Willen, der damals schon Südafrika protegierte und vom Friedensnobelpreis als Belohnung träumte. Bis der deutsche Sommernachtstraum den im Hubschrauber umherratternden Beckenbauer erstrahlen ließ und nicht den 1,71 Meter großen Fußball-Napoleon aus dem Wallis.

Im 26-grauköpfigen Exekutivkomitee der Fifa, das unter einem 200 000 Euro teuren Kronleuchter tagt, ist bei der Krisensitzung in dieser Woche das Wort Rücktritt nicht ausgesprochen worden. Und ehe sich die große Welt versah, war Blatter schon als oberster Reformer seiner kleinen schmutzigen Welt auferstanden. Jäger des Gelddopings sind bestellt worden, Korruptions-Anwälte aus Deutschland und den USA, die nun aufklären sollen, wo das ganze Schmiergeld geblieben ist aus Adi Dasslers Marketingmaschine ISL. Strafrechtlich ist alles verjährt, do«ch im Verband sind die Verjährungsfristen gestrichen worden. Diese kleine feine Nachricht ist fast untergegangen, obwohl es heftige Widerstände gab, vor allem aus Lateinamerika, das von drei Funktionären vertreten wird, die zusammen 234 Jahre alt sind. »Die Fifa könnte alles aufklären, wenn sie will«, sagt ein DFB-Grande. Die Frage, die sich zwangsläufig  an diesen Satz anschließt, will er lieber nicht beantworten.

Im DFB haben sie nach Blatters WM-2006-Gewitter kurz ihre Gewehre gezeigt und sie danach tief eingegraben. »Königsmörder sind in der Welt nie geliebt worden«, sagt ein hoher Funktionär und will damit erklären, warum sich Blatters Fifa so schwer ändern lässt. Aber lässt sie sich auch deshalb nicht ändern, weil niemand beginnt? Nicht mal Michel Platini, Frankreichs einstiger Fußball-Heißsporn, der sich als Europas Fußballchef lauwarm läuft und zur Korruptionsaffäre noch keine Worte fand. »Blatter hofft, dass er am Ende verschont wird, weil er vielleicht nur Mitwisser war«, sagt ein enger Mitarbeiter. »Er findet den Ausgang nicht«, sagt ein anderer.

Seine Wiederwahl 2015? Er kann sich das durchaus vorstellen. Er wäre dann 79. Er hat manchmal schon über einen Nachfolger nachgedacht, oben an seinem Schreibtisch oder unten in seiner Kapelle, wie dieser Nachfolger wohl sein müsste, was er können soll, um diese seine Fifa zu führen. Da, so erzählt es ein einstiger Freund, ist Joseph S. Blatter aufgegangen, wer das sein könnte. Und er sagte zu sich: Ich.

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