25.10.2012

Hermann Riegers Erinnerungen an den jungen Felix Magath

Der Alchemist

Seite 2/3: Magath und der Nikotinmangel
Text:
Hermann Rieger
Bild:
Imago

1978 wuchs die große HSV-Truppe heran, die über Jahre den deutschen Fußball dominieren und deren Kopf schon bald Felix Magath heißen sollte. War er bis dahin noch ein pflegeleichter Spieler, einer, der nicht sonderlich herausragte, wurde er nun zusehends verbissener. Wenn er angeschlagen war, neigte er zur Ungeduld. Er konnte es einfach nicht abwarten, wieder zu spielen. Einer von der Sorte, die sich die Prellung lieber im Spiel rauslaufen, als Stunden auf der Massagebank zu verbringen. Damals bekam er plötzlich Gelbsucht und musste wochenlang das Bett hüten. Die Höchststrafe für ihn. Als er wieder zur Mannschaft zurückkehrte, hat er lange Zeit nur allein trainiert. Er wollte sich vor dem Team wohl keine Blöße geben. Damals hat auch Kevin Keegan einen großen Einfluss auf ihn gehabt. Der absolvierte nämlich, was unter Profis noch völlig unüblich war, Sonderschichten. Er ging vor jedem Training zwei Stunden in den Kraftraum und lief sich hinterher sorgfältig aus.



Es muss in dieser Zeit gewesen sein, dass Felix begann, sein ganzes Verhalten auf den Erfolg auszurichten. In Verletzungsphasen stand er sogar nachts bei mir auf der Matte, um sich den Verband wechseln zu lassen, damit die Heilung schneller voranschritt. Er gewöhnte sich mitten in der Saison das Rauchen ab und fiel wegen des Nikotinmangels in ein Loch, wie er mir später beichtete. Als Trainer sagte er später den Rauchern in seinen Teams deshalb: Wenn ihr aufhört, macht es im Winter oder nach der Saison, sonst werdet ihr Probleme mit der Leistung bekommen.



Unter Ernst Happel war er dann schon dessen verlängerter Arm auf dem Platz. Was haben er und Horst Hrubesch in den Halbzeiten rumgebrüllt, wenn die Mannschaft Grütze gespielt hatte. Da brauchte Happel gar nichts zu sagen, das regelten die Spieler intern. Und auch wenn Felix selbst noch ein Teil der Mannschaft war, in solchen Momenten stellte kein Kollege die Ohren auf Durchzug. Er hatte schon immer diesen ganz bestimmten Klang in der Stimme, diesen Tonfall, bei dem Leute einfach zuhören. Ich habe viele Trainer erlebt, die viel mehr erzählten als er, aber damit viel weniger erreichten. Ich bin überzeugt, wenn Magath einem Spieler sagt: »Du kannst es!«, dann glaubt der das – allein wegen der Art, wie Felix es sagt.



Happel und er waren ein seltsames Erfolgsduo. Obwohl der Österreicher ihn zum Spielführer bestimmt hatte – was damals unüblich war –, habe ich die beiden nur auf dem Weg von der Kabine aufs Feld miteinander reden sehen. Waren beide keine Typen, die viele Worte machten. Die wussten, was sie wollten, die sprachen nicht über den Gegner, nur über die Taktik, mit der sie selbst das Spiel machen wollten. Dabei ist der Felix privat ein extrem lustiger Mensch. Sein Humor blitzt mittlerweile bei fast jedem seiner TV-Interviews auf: Am Ende kommt immer noch eine Pointe. Sensationell, wie er das macht. Man muss ihn einfach mögen. Auch dafür bewundere ich ihn.


In den frühen Achtzigern war Felix beim HSV der Kopf einer verschworenen Gemeinschaft, die auch richtig feiern konnte. Da wurde der Kabinenschlüssel auch mal von innen rumgedreht. Fünf Kästen Weißbier und zwei Flaschen Korn auf den Tisch, und dann ging’s rund. Hat kein Mensch mitbekommen. Und bei sich zu Hause in Norderstedt unterhielt er einen ganz netten Rotweinkeller, auch wenn er schon am liebsten Tee trank. Denn das HSV-Training lief in seiner aktiven Zeit immer unter Wettkampfbedingungen ab. Dafür sorgte auch er. Sein Ehrgeiz als Fußballer hat ihn später sogar die Karriere gekostet: Es passierte in einem Trainingsspiel. Er forderte den Ball, der Mitspieler aber vertändelte. Felix regte sich derart auf, dass er rüber lief und dem Kollegen in den Hintern zu treten versuchte. Er traf ihn nicht richtig und erlitt bei der Aktion ein Schleudertrauma im Knie, was einen Knorpelschaden zur Folge hatte.



Das ist eine heimtückische Verletzung – man kann nicht mehr so hart schießen, nicht mehr so schnell laufen, es fehlt die Stabilität. Was er in den Wochen empfand, als sich das vorzeitige Karriereende abzeichnete, hat er nie nach außen gezeigt. So nah lässt er niemanden an sich ran. Aber es muss ihm sehr weh getan hat, mit 33 Jahren aufzuhören. 1986 war das. Kein gutes Jahr für ihn. Er war gerade zum zweiten Mal Vizeweltmeister geworden und Teamchef Beckenbauer hatte ihn ausgerechnet im Finale ausgewechselt. Das hat er ihm übelgenommen. Oha. So was macht man nicht mit einem wie ihm. Danach war sicher erst mal einige Zeit Funkstille zwischen den Beiden.



Selbst würde Felix den Nationaltrainerjob übrigens nie übernehmen, da bin ich sicher. Der braucht die tägliche Arbeit mit der Mannschaft. Sechs, sieben Spiele im Jahr, da würde er einen Rappel kriegen. Das fiel mir schon auf, als er 1986 Manager beim HSV wurde. Die Büroarbeit, die Entfernung zur Mannschaft und der Mangel, bei Problemen nicht direkt Einfluss nehmen zu können, das lag ihm einfach nicht. Er hat innerlich gekocht, als Uli Stein im Supercupfinale 1987 in Frankfurt dem Wegmann eine scheuerte und dann mit erhobenem Stinkefinger in die Kabine ging. Als Trainer hätte er ihn zur Räson bringen können. Doch auf der Bank saß Josip Skoblar, der Nachfolger von Happel. Und der hielt den Mund. Mit Skoblar kehrte der Schlendrian beim HSV ein. Im Trainingslager ordnete er an, dass die Spieler zum Mittagessen Rotwein trinken. Nachher waren Teile die Mannschaft so beschwipst, dass sie mit dem Büffet rumwarfen. Dass Felix als Manager da loyal bleiben musste mit dem Coach, hat ihn verrückt gemacht. Das Ende vom Lied war, dass er nach nur einer Saison als sportlicher Leiter lieber seinen Fünf-Jahres-Vertrag kündigte, als sich weiterhin zu ärgern.

 
 
 
 
 
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