Henrikh Mkhitaryan, armenischer Weltstar

Mickey Nochwas

Anfangs wusste nicht mal der Bundestrainer, wie der neue beim BVB heißt. inzwischen kann jedes Kind seinen Namen beim Scrabble legen. Fast jedenfalls. Das Porträt eines kommenden Weltstars aus 11FREUNDE #149.

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Tschüss, bis zum nächsten Mal«, sagt Henrikh Mkhitaryan. Er tut dies mit einem leisen, so charmanten Lächeln, dass man für einen Augenblick versucht ist, ihn zum Abschied zu umarmen. Schließlich hat man in dem jungen Mann gerade einen neuen Freund fürs Leben gefunden. Dann geht der teuerste Fußballer in der Geschichte von Borussia Dortmund den Gang entlang, vorbei an der futuristischen Mischung aus Ballmaschine und Bolzkäfig namens Footbonaut, und macht sich auf den Weg zum Trainingsplatz. Als die Tür hinter ihm zuschlägt, erinnert man sich wieder daran, dass dies nur ein beruflicher Termin für den Profi aus Armenien gewesen ist. So wie viele Dutzend in der Vergangenheit und vermutlich hunderte in der Zukunft.

In solchen Momenten wird deutlich, warum bei der Borussia alle so großen Respekt vor Mkhitaryan haben. Nicht wegen seiner fußballerischen Fähigkeiten – obwohl viele Alteingesessene Stein und Bein schwören, dass seit Paolo Sousa kein besserer Kicker das schwarz-gelbe Trikot getragen hat. Sondern weil sich niemand an einen Neuzugang erinnern kann, der ein ähnlich einnehmendes Wesen gehabt hätte wie der Mann, für den die Borussia vor Saisonbeginn 27,5 Millionen Euro bezahlte. Mkhitaryan kommt stets so umgänglich, freundlich, bescheiden und höflich daher, dass ihn jeder rasch ins Herz schließt. Selbst Journalisten.

»Wenn man irgendwo hingeht, egal wohin, muss man freundlich zu allen Menschen sein«, sagt er, als er darauf angesprochen wird, wie offenkundig beliebt er in seinem Umfeld ist. »Es hilft einem bei der Integration, aber es ist auch gut für die Zukunft, wenn man Freunde hat. Wer weiß, vielleicht braucht man später einmal, in zehn Jahren oder so, die Hilfe von jemandem. Und dann ist es gut, wenn er sich positiv an dich erinnert. Freundlichkeit ist nicht nur eine Sache des Moments, sie wird dir später einmal helfen. Ich bin einfach gerne freundlich.«

Was den Spielmacher des BVB abseits des Platzes zu einer ausgesprochen angenehmen Erscheinung macht, kann ihm bei der Berufsausübung allerdings schon mal als Mangel an Leidenschaft ausgelegt werden. Er ist nun mal kein Mann der großen Gesten und gefletschten Zähne. Er nimmt grobe Fouls seiner Gegenspieler gleichmütig und mit derselben undurchdringlichen Miene hin wie Fehlpässe seiner Mitspieler. »Ich kann kein Egoist sein, wenn ich in eine Mannschaft komme, und nur an mich denken«, sagt er. »Ich kann doch nicht neu irgendwohin kommen und dann die anderen Spieler anschreien oder mich aufspielen.«

Wer ihn fragt, ob ihm schon mal ein Trainer gesagt habe, dass er zu nett sei, erlebt zwei Überraschungen. Die erste ist, dass der Mann, der im Fernsehen immer so ernsthaft wirkt, laut auflacht. Die zweite ist, dass er sagt: »Das haben alle Trainer gesagt. Alle haben mir gesagt, dass ich zu viel für die Mannschaft spiele und dass es manchmal gut sein kann, egoistischer zu sein. Also versuche ich, ein Egoist zu sein.« Bevor der Zuhörer auf dumme Gedanken kommt, schränkt er ein: »Aber nur auf dem Platz!«

Man muss kein Experte für Persönlichkeitsentwicklung sein, um zu verstehen, warum Henrikh Mkhitaryan so ist, wie er ist. Der Armenier hat früher und vermutlich auch schneller als die meisten anderen Menschen lernen müssen, wie man sich verhalten sollte, wenn man »neu irgendwohin kommt« – zum Beispiel in ein anderes Universum. Und dass es Lebensumstände gibt, unter denen Egoismus nicht bloß eine unangenehme Eigenschaft ist, sondern eine gefährliche.

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