10.04.2012

Henrik Larsson hört auf

Auf Wiedersehen, Jugend!

Mit wehenden Dreadlocks eilte Henrik Larsson Anfang der 90er über die Plätze Europas. Einen Friseurbesuch und eine Wahnsinnskarriere später geht der Schwede nun in Rente – und beendet damit auch die Jugend seiner Fans.

Text:
Dirk Gieselmann
Bild:
Imago

Das wäre doch nicht nötig gewesen: Der FC Barcelona verlor gestern Abend 1:2 gegen den russischen Niemand Rubin Karsan. Selbst für den zu Pathos und Weltschmerz neigenden Klub war diese Geste dann doch eine Nummer zu kitschig. 

Aber traurig, ja traurig darf man sein, dass der große Henrik Larsson am 1. November seine Karriere beendet. Denn es ist der Tag, an dem auch die Jugend seiner Fans sich verwandelt in ein Erwachsensein, befremdet von dem Blingbling und dem getoasteten Teint der neuen Generation. 

  

Ein letzter Gruß des Helden: Henrik Larsson war es, der im hohen Alter von 35 Jahren Barca den Gewinn der Champions League sicherte. Im Finale 2006 gegen Arsenal London beim Stand von 0:1 eingewechselt, legte der angegraute Stürmerfuchs noch zwei Tore auf. Als er die Riesenvase in den Himmel von Paris stemmte, war das die späte, aber wunderbar logische Krönung einer zwei Jahrzehnte andauernden Karriere.   

Den europäischen Fans war Larsson erstmals Anfang der 90er Jahre aufgefallen. Montagabends sah man ihn in der Sendung »Eurogoals« für Feyenoord Rotterdam wirbeln, einen der wenigen niederländischen Vereine, die der Goldenen Generation von Ajax Amsterdam überhaupt Paroli bieten konnten. 

Damals trug »Henke« noch Dreadlocks und die Jungs an seiner Seite ebenfalls: Gaston Taument und Regi Blinker. Dreads waren noch nicht so salonfähig wie heute, da jeder zweite Gymnasiast seinen Kamm wegwirft. Die Filzhaare, die Larsson, Taument und Blinker über die Plätze wallen ließen, schockten noch und faszinierten zugleich: Wer waren diese Raggamuffins, die so verdammt gut kicken können?   

Henrik Larsson war der beste der drei Fußball-Marleys, weil er schon in jungen Jahren nicht nur spielen wollte – er wollte immer auch beißen. Seine Effizienz bescherte seinem Heimatland Schweden auch einen der größten Erfolg auf der internationalen Fußballbühne: Bei der WM 1994 holten die »Tre Kronors« die Bronzemedaille, auch weil Larsson im Viertelfinale gegen Rumänien eiskalt zuschlug.    

»Wenn ich gegen ihn spiele, fühle ich mich klein und ahnungslos«

Es mag zunächst seltsam erscheinen, dass er in der Folge nicht zu einem europäischen Riesenverein wechselte, zu Real Madrid, dem AC Mailand oder Juventus Turin – schließlich war er neben Dennis Bergkamp der versierteste Jungstürmer des Kontinents und im Begriff, die schon im Karriereherbst dämmernden Vialli, Weah und Stoichkov zu beerben. Larsson ging zu Celtic Glasgow nach Schottland – eine Liga, in der pro Jahr zwei Spiele spannend sind: Celtic gegen die Rangers und die Rangers gegen Celtic. Warum also dieser Transfer? 

Unklar ist, ob Larsson den festen Plan hatte, König von Schottland zu werden. Doch sieben Jahre, 221 Spiele, 174 Tore und vier Meistertitel später war er es. Die Dreadlocks waren einer Kampfglatze gewichen, »Henke« war härter geworden, gegen sich, gegen andere, er war nun kaum noch aufzuhalten.

Collin Hendry, Innenverteidiger der Rangers und ein Mann wie zwei Bäume, maunzte nach einem Duell mit ihm deprimiert: »Wenn ich gegen ihn spiele, fühle ich mich klein und ahnungslos.« Allein 2001 schoss Larsson 37 Tore – in 37 Spielen. Er erhielt als bester Torschütze Europas den »Goldenen Schuh«, wurde mit dem Titel »Member of the British Empire« ausgezeichnet und zum besten schwedischen Fußballer der letzten 50 Jahre gewählt.   

Was nun noch fehlte, war ein großer internationaler Titel. 2004, da war Larsson schon 33 Jahre alt, ereilte ihn doch noch der Ruf eines Superklubs, des FC Barcelona. Die zwei Jahre in Katalonien waren von Verletzungen und den ersten Verschleißerscheinungen seiner aufwendigen Spielweise geprägt, und doch schien es, als warteten beide, der Verein und der Spieler, nur auf jenen 6. Mai 2006, das Finale von Paris. 

»Er tötete uns«

In der 61. Minute kam »Henke«, sah und siegte. Sein Kontrahent und Freund Thierry Henry verlieh seiner Bewunderung noch in den Katakomben Ausdruck: »Alle sprechen immer von Ronaldinho, Eto'o und Giuly, aber von denen habe ich heute nichts gesehen. Ich habe Henrik gesehen«, psalmierte »Titi«. »Er kam rein, er veränderte das Spiel, er tötete uns. Also lasst uns nicht mehr über Ronaldinho, Eto'o und Giuly sprechen, sondern über Spieler, die den Unterschied machen. Über Henrik Larsson.«   

Auch gegen Rubin Karsan hätte er Barca gestern wahrscheinlich den Arsch gerettet mit seinen inzwischen 38 Jahren, wäre reingekommen und hätte den Unterschied gemacht. Doch Larsson hat genug. Nach unzähligen Comebacks, oftmals auf Bitten und Betteln seiner Fans, wird einer der größten Spieler seiner Generation am 1. November seinen Dienst bei Helsingborgs IF quittieren und für immer in Rente gehen. »Es reicht«, sprach er lapidar.    

Nein, Henke, es reicht nicht. Denn das würde ja bedeuten, dass man genug bekommen würde von Dir. Ach, wäre doch noch mal 1995! Montagabends, morgen schreiben wir eine Lernzielkontrolle in Erdkunde – egal! »Eurogoals« läuft! Finidi George, Dennis Bergkamp und Marc Overmars gegen Blinker, Taument – und Larsson!    

Jetzt soll diese ewige Jugend also vorbei sein. Als wäre das nicht schon Kränkung genug, lässt »Henke« uns auch noch allein mit Cristiano Ronaldo und Dolce und Gabbana. 

Verdammt.

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