Henrik Larsson fährt mit zur EM

Das ewige Comeback

Bereits zweimal verkündete Henrik Larsson seinen Rücktritt aus Schwedens »Tre Kronor«. Wie aus Gewohnheit fragte Trainer Lagerbäck auch dieses Mal nach seiner Teilnahme. Überraschend sagte Larsson zu. Nun feiert Schweden seinen Erlöser. Henrik Larsson fährt mit zur EMImago Manchmal passiert das, da fliegt ein Ball so scharf, so präzise in den Strafraum, dass jeder im Stadion weiß: Jetzt klingelt's! Im Achtelfinale 2002 zwischen dem Senegal und Schweden kam die Ecke von links, ansatzlos, getreten von Anders Svensson, Senegals Torwart Tony Mario Sylva irrte umher und Henrik Larsson stand so, wie er immer steht, wenn Flanken wie ein Strich vor das Tor ziehen – genau richtig. In jener 11. Minute im Achtelfinale der WM 2002 glänzte der Stern von Schwedens Nationalelf wie seit dem dritten Platz von 1994 nicht mehr. In jener 11. Minute duftete es in der japanischen Hafenstadt Oita nach Aufbruch, nach Segelhissen, nach großem Fußball, nach einem Team, dem eigentlich auf ewig das Image der freundlichen Turniermannschaft anhaftete, das sich nun aber anschickte zur großen Überraschung in Südkorea und Japan zu werden. Schweden hatte die vermeintliche »Todesgruppe« mit England, Argentinien und Nigeria ohne Niederlage überstanden, Magnus Hedman, Anders Svensson spielten das Turnier ihres Lebens, Henrik Larsson agierte überragend. Das 1:0 gegen Senegal war bereits sein dritter Treffer.

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Vielleicht war die Welt aber weit mehr als okay, zu sehr in Ordnung, vielleicht träumten sie bereits vom Viertelfinale, vom Halbfinale, vom ganz großen Coup, denn Söderbergs Elf zog sich fortan in die eigene Hälfte zurück, kickte die Bälle uninspiriert nach vorne, die Spieler schleppten sich wie Kabelträger über den Platz, während Senegals Akteure, angetrieben von ihren quirligen Protagonisten Henri Camara und El-Hadji Diouf, aus dem Regiestuhl einen Angriff nach dem nächsten auf das Tor von Hedman dirigierten. Das 1:1 fiel noch vor der Pause.

Als Camara in der 104. Minute zum Golden Goal einschoss, war alles wie immer. Eigentlich. Schweden hatte diesen zähen Aufkleber »sympathisch« nicht abziehen können, hatte zwar den Titelfavoriten aus Argentinien aus dem Turnier gekegelt, war aber selbst wieder frühzeitig gescheitert. Doch an diesem Abend war eben nichts wie immer, an diesem Abend lag ein ganzes Land in Tränen, denn Henrik Larsson erklärte, er wolle nie wieder für Schweden spielen.

Henrik, bitte bleib!

Eigentlich beginnt die Karriere des damals 30-Jährigen in der Nationalmannschaft an diesem Abend noch mal von vorne. Was Larsson mit seinem Rücktritt auslöst, wird ihm erst in den kommenden Wochen und Monaten bewusst. Natürlich weiß er um seinen Status, sein Ansehen in Schweden und auch in Schottland – bei Celtic Glasgow verehren sie Larsson längst als »The Bhoy who would be King«. Doch in den Monaten nach der WM 2002 steht Schweden still, ungelenk verharren Journalisten, Fans und auch Spieler in einer seltsamen Starre – die Lust am Spiel, die Vorfreude auf ein großes Turnier, die Leichtigkeit, sie scheint ohne den Motor der Mannschaft dahin.

Vor dem Turnier in Portugal beginnt ein Medienhype sondergleichen: Die Zeitung »Aftonbladet« sammelt 120.000 Unterschriften für Larssons Comeback, Lennart Johansson, damals noch Uefa-Präsident, schreibt einen rührenden Brief, sogar König Carl XVI. Gustav versucht Larsson zu einem Comeback zu überreden, und in den Nebelschwaden der Stammtische verfangen sich täglich die wildesten Spekulationen, ob Larsson nach diesen offenen Liebeserklärungen zurückkommt, und vor allem, was noch getan werden müsse, um ihn zu einer Zusage überreden. Ein Echo, das sich Lothar Matthäus vor der EM 1996 sicherlich nur allzu gerne gewünscht hätte.

Das unsichtbare Band

Die Liebe zu Larsson erscheint in jenen Tagen wie ein unsichtbares, einigendes Band des schwedischen Volkes, wie eines, das niemals entzweit werden kann, solange nur der Name Henrik Larsson es zusammenhält. Schließlich gibt Larsson tatsächlich nach, doch angeblich weder aufgrund der Medienkampagne noch weil der König vorstellig wurde, er kommt zurück, weil sein achtjähriger Sohn Jordan ihn mit großen Augen darum bittet.

Und schon bald liegen sie ihm wieder zu Füßen. Im ersten Vorrundenspiel zur EM 2004 trifft Larsson zweimal – Schweden fertigt Bulgarien mit 5:0 ab. Am Ende belegt Schweden vor Italien und Dänemark den ersten Platz der Gruppe C. Als die »Tre Kronor« aber im Viertelfinale in Portugal unglücklich gegen die Niederlande ausscheiden, zittern die schwedischen Fans wieder. Wird er bleiben? Wird Henrik Larsson uns auch zur WM nach Deutschland führen? Über allem schwebt die große Sorge vor dem Alter, die immerwährende Angst, dass Larssons Körper irgendwann nicht mehr mitmacht, dass er vor der ewigen Leistung, vor dem Profidasein eines Tages kapitulieren könnte, kapitulieren muss.

Doch Larsson ist längst noch nicht fertig, und dieses Mal vermeldet er keine Rücktrittsbekundungen, zumindest öffentlich hält er sich bedeckt, und geht, mittlerweile 33-jährig, zum FC Barcelona. Der Wechsel von Larsson, den der »Tagesspiegel« einst den »Schwellenstar Europas« nannte, weil er bis dato nie in einer großen Liga spielte, fühlt sich an wie sein letzter großer Wunsch in eben jenem Konzert der ganz Großen mitzuspielen.

Die Liebe in der Heimat ist derweil ungebrochen, Larsson wird 2005 zum »König der schwedischen Fußballgeschichte« gekürt – sie werkeln an einem Schrein, an einem gemütlichen, an einem stabilen Podest, an einem paradiesichen Wohlfühlort, in dem sie in betten wollen, in den er sich immer wieder zurückziehen kann. Ganz so, als ob sie ihm suggerieren möchten, auch noch bei der WM 2026 willkommen zu sein, wenn er denn nur möchte.

Alles für das Team

Es sind nicht nur seine Tore, es ist auch sein unermüdlicher Einsatz, es sind seine Teamqualitäten, es ist sein smartes Auftreten, seine Bescheidenheit, die ihn in Schweden einerseits so »outstanding« machen, andererseits aber auch zu einem von ihnen werden lassen, zu einem, der aus der Mitte kommt. Diese Qualitäten unterscheiden ihn maßgeblich von vielen anderen Topstürmern Europas. Im Gegensatz zu einem Filippo Inzaghi etwa inszeniert Larsson sein Spiel nicht, nicht seinen Jubel und auch nicht seine Tore – er schießt sie einfach. Und er schießt sie nicht für sich, sondern für das Team. Denn darum geht es immer noch. Um das Team. Um die »Tre Kronor«.

Deshalb fährt Henrik Larsson auch mit nach Deutschland. Das WM-Achtelfinale gegen Deutschland soll bis heute sein letztes Länderspiel für Schweden bleiben, es wird zudem eines seiner bittersten. Larsson verschießt einen Elfmeter, Schweden scheidet nach vier mäßigen Spielen aus. Der Rücktritt erscheint dieses Mal endgültig. Melancholisch werden sie trotzdem wieder. »Manche Sachen sollten so bleiben, wie sie sind. Man sollte sie in einen großen Glaskasten stecken und so lassen können. Natürlich ist das unmöglich, das weiß ich, aber ich finde es trotzdem schade.« Der Traum von Holden Caulfield, dem Helden in Salingers »Der Fänger im Roggen«, erscheint 2006, im Post-WM-Strudel, immer noch wie der innigste Wunsch der neun Millionen Schweden.

Vor der EM in Österreich und der Schweiz war das Thema Larsson eigentlich längst abgehakt, die Fans hatten sich schließlich auch damit arrangiert, die Presse verhielt sich reserviert, selbst Trainer Lagerbäck schien kurz vor der Bekanntgabe seines Kaders eher schüchtern und proforma bei Larsson angefragt zu haben – einfach, weil es dazu gehört, weil es der höfliche Respekt verlangt, weil, so lange Larsson aktiv spielt, Larsson immer gefragt wird: Doch dann »haben wir eine positive Rückmeldung von ihm bekommen. Danach war es für uns ganz klar, dass wir ihn bei der EM dabeihaben wollen«, erklärte Lagerbäck nüchtern. Euphorischer gab sich die Zeitung »Svenska Dagbladet«: »Sein Name wird nun wieder wie der eines Erlösers bejubelt.«

Henrik Larsson begründete seinen zweiten Rücktritt vom Rücktritt einfach mit den Worten: »Ich liebe den Fußball.« Und fügte dann hinzu: »Ich fange nur als Reservespieler an und habe keine Sonderrechte.« Glauben wird ihm diesen Satz niemand. Doch genau für diesen Satz werden sie ihn wieder lieben. Henrik Larsson feiert in diesem Jahr seinen 37. Geburtstag, er hat 93 Länderspiele gemacht, er trifft momentan bei Helsingborg fast wie früher bei Celtic, doch er spricht wie ein junges Talent aus Nordschweden, das glücklich ist, zum ersten Mal bei einem großen Turnier dabei zu sein.

Manchmal passiert das, da sind große Fußballer nach all den Jahren wirklich bei den Guten geblieben.

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