Held der Fünfziger: Rudi Schulz

Der Mann mit der Pferdelunge

In unserer aktuellen Spezialausgabe »Das waren die Fünfziger«, erinnern wir u.a. an den legendären »100 000 Mark Sturm« von Preußen Münster. Jüngstes Mitglied der Angriffsreihe: Rudi Schulz, der Mann mit der Pferdelunge. Held der Fünfziger: Rudi SchulzArchiv Vier Jahre können eine sehr lange Zeit sein, wenn Freiheit nur noch ein Wort ist. Vier Jahre haben Mutter und Vater Schulz ihren Sohn Rudi nicht gesehen. Immerhin: Sie wussten, dass es ihm gut geht. Das ist in den Nachkriegsjahren ein echter Luxus. Rudi hatte ihnen geschrieben, erst aus Nancy, dort wo ihn amerikanische Soldaten am 10. Oktober 1944 gefangen nahmen. Dann aus Aldershot, einer Militärstadt, eingezwängt zwischen London und Southampton. Als in Deutschland endlich der letzte Schuss gefallen ist und sich vier Besatzungsmächte daran machen, die braune Soße aus dem zertrümmerten Reich zu wischen, das eigentlich die nächsten »1000 Jahre« überdauern sollte, da steht der 19-jährige Rudi Schulz in einem englischen Lager für deutsche Kriegsgefangene  – und spielt Fußball.

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»Uns ging es verhältnismäßig gut«, erinnert sich Schulz, der heute in einem kleinen Haus in Rheine wohnt. Er und seine Mitgefangenen brauchen den Fußball nicht um zu überleben, sie brauchen ihn, um sich das Überleben lebenswert zu gestalten. Der Krieg hat sie alle in das Lager mitten in Aldershot gespült. Fast 10 000 Deutsche, vor kurzem noch letzte verzweifelte Speerspitze für die nationalsozialistischen Machthaber an der Front, sollen nun in Südengland Gebäude restaurieren und Kasernen aufbauen. Schulz vernagelt Bretterwände, schneidet Hecken – und tritt gegen den Ball. Baracke 15 gegen 16. Baracke 17 gegen 18. Das Niveau ist erstaunlich hoch, viele der späteren Oberliga-Gegner aus Bocholt, Klewe oder Oberhausen werfen sich in den Nachkriegsjahren gegen den Münsterländer Schulz in die Zweikämpfe. Je länger die Deutschen im Lager arbeiten, je länger der Krieg vorbei ist und damit die Erinnerungen an deutsche Luftangriffe, desto mehr Freiheiten genießen die »Prisoner of War«. »An den Wochenenden sind wir auch schon mal ins Stadion gegangen. 3. Division in Aldershot – das war ein Erlebnis.«

»Der Junge hat erst mal Pause!«

So angenehm das Lagerleben ist, Freiheit ist etwas anderes. Erst im April 1948, fast vier Jahre nach seiner Festnahme, kehrt Schulz heim. In Lüden wird er schon erwartet: Von seiner Mutter, seinem Vater – und dem versammelten Vorstand des örtlichen Fußballvereins Lüner SV. »Ich war erst zwei Stunden zu Hause, als es an der Tür klopfte. Die LSV-Leute haben gefragt, ob der Rudi nicht mal mittrainieren wolle.« Mutter Schulz verscheucht die ungebetenen Gäste: »Nix, der Junge hat jetzt erst mal Pause!«

Woher das rege Interesse am frisch zurückgekehrten Kriegsgefangenen aus England? Was youtube und transfermarkt.de heute besorgen, sind in den späten vierziger Jahren die früher in die Freiheit entlassenen Lagerkollegen. »Ein Lüner, der mit mir in Aldershot gefangen war, durfte ein Jahr früher in die Heimat. Der hatte mich offenbar spielen sehen – und schlug beim LSV gleich mal die Werbetrommel.« Wenige Tage nach dem mütterlicherseits abgeblockten Anwerbungsversuch steht der Lüner Vorstand erneut auf der Matte. »Und am Wochenende stand ich mit auf dem Platz. Lüner SV gegen Oberarten«, erinnert sich Schulz an sein Debüt, für das er sein ganzes Repertoire an diplomatischer Überredungskunst benötigt. Denn die Eltern feiern just an diesem Sonntag »Silberne Hochzeit«. Die Party findet ohne den Sohn statt.

Vier Jahre lang Maloche und Fußball

Der Lüner SV gewinnt mit 6:3. Rudi Schulz schießt drei Tore. Der Kriegsheimkehrer ist endlich wieder zu Hause. Vor allem körperlich ist er den Kollegen aus der Bezirksklasse deutlich überlegen. »Ich hatte ja fast vier Jahre lang nichts anderes gemacht als malocht, gegessen und Fußball gespielt.« Mit Schulz in der Zentrale wird der LSV Zweiter – hinter dem Rivalen aus Dorstfeld. Längst spielt der überragende Schulz in der Dortmunder Stadtauswahl, als es am Jahresende 1948 zum Freundschaftsspiel gegen eine schwedische Auswahl geht. Erstmals nach Kriegsende spielt eine ausländische Mannschaft wieder gegen deutsche Fußballer. Rudi Schulz macht ein gutes Spiel, offensichtlich sogar ein sehr gutes, denn wenige Tage nach dem Spiel klingelt das Telefon im Elternhaus : Borussia Dortmund sucht für die dritte Saison in der jungen Oberliga West noch adäquate Fußballer. 24 Kilometer sind es von Lüne bis zum Borsigplatz. Schulz muss nicht lange überlegen. Zur Saison 1949/50 hat der BVB einen neuen Spieler.



Zwar ziehen die Dortmunder als Tabellenführer der Oberliga-West in die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft ein, fliegen dort allerdings nach einem 1:3 gegen Waldhof Mannheim schon in der ersten Runde raus. Schulz ist inzwischen 23 Jahre alt. Ein ehemaliger Unteroffiziersanwärter der deutschen Wehrmacht, der vier Jahre seines Lebens in einem englischen Kriegsgefangenenlager geschuftet hat und jetzt seinen Lebensunterhalt damit verdienen muss, gegen einen Ball zu treten. 1950 ist das noch eine sehr wacklige Karriereplanung und die Herren aus Münster stoßen mit ihren Angeboten auf fruchtbaren Boden, als sie Rudi Schulz im Sommer des Jahres einen Besuch abstatten. Preußen Münster will sich unter Zuhilfenahme eines eigens dafür gegründeten Sponsorenpools einen neuen Kader leisten, der der Studentenstadt fußballerischen Glanz verleihen soll. Jupp Lammers und Sigi Rachuba sind schon da, und auch Rudi Schulz sagt zu, als ihm Preußen-Obmann Josef Oevermann die Argumente für einen Vereinswechsel unter die Nase reibt: »Ich durfte die Berufsschule zum Versicherungsvertreter absolvieren, bekam eine eigene Wohnung gestellt und brauchte beim Möbelhändler bloß zu sagen, was ich haben wollte.« Weil bald danach auch Schulzens Teamkollege Adi Preißler und der Oldenburger Fiffi Gerritzen zur Mannschaft stoßen, ist Preußen Münster auf einen Schlag eine echte Spitzenmannschaft. Fünf Stürmer in einer Reihe – der »100 000 Mark Sturm« ist geboren.

Pat Koschmieder holt die Prämien vom Kassierer

Finanziell ändert sich für Schulz – trotz der kolportierten Riesensumme – erst einmal nicht viel. Die im Vertragsspielerstatut vorgesehenen 320 Mark netto als Höchstgehalt hatte er bereits in Dortmund mit Hilfe findiger Vereinskollegen locker umgehen können. »In Dortmund ist Kapitän Pat Koschmieder nach siegreichen Spielen gleich zum Kassierer gelaufen und hat Extraprämien verlangt. Da gab es schon mal 100 Mark bar und natürlich steuerfrei unter der Hand. Richtig viel Geld!« In Münster sind Kassierer und Vereinsoffizielle nicht ganz so umgänglich mit dem bei den Fußballern beliebten Schwarzgeld. Dafür sorgen die Mitglieder des Sponsorenpools »Preußen-Ring« für angemessene Behandlung der kickenden Lieblinge. »Wenn ich ins Bekleidungsgeschäft gegangen bin und mir ein Jackett für 120 Mark kaufen wollte, bekam ich das Stück an der Kasse für 50. Lebensmittel gab es meistens umsonst, und in der Gaststätte gab man mir ständig einen aus.« Auch in der beruflichen Ausbildung hält der Verein seine schützende Hand über den Neuzugang: als Schulz die Abschlussprüfung vergeigt, sprechen Oevermann und Konsorten ein Machtwort – Schulz wird Angestellter der R+V-Versicherung und bleibt es 40 Jahre lang. Die neue Stadt hat Schulz schon nach wenigen Wochen in sein Herz geschlossen: »Ich habe mir als Erstes ein Fahrrad gekauft und bin jeden Tag durch Münster gefahren. Nach vier Wochen kannte ich jede Straße und jeden Winkel. Nach einem Vierteljahr war das hier mein Zuhause.«

Auch auf dem Platz wird Schulz schnell heimisch, der  »100 000 Mark Sturm« zaubert sich nach anfänglichen Schwierigkeiten durch die Oberliga West und macht seinem Namen alle Ehre. »Einen Sturm, der richtig viele Tore geschossen hat, kannte man damals in der Oberliga noch gar nicht. Katernberg oder Sodingen – das war richtig Kohlenpott, dort wurde zugetreten, bis der Platz umgepflügt war! In Münster haben wir Fußball gespielt. Das war etwas Neues.« Das Konzept der Münsteraner Vereinsplaner geht auf, Preußen erreicht die Endrunde und schafft es nach einer dramatischen Gruppenphase ins Endspiel von Berlin. Auch weil die Chemie innerhalb der Mannschaft stimmt. Die Gespanne Preißler/Gerritzen und Rachuba/Lammers sind auf den Außenbahnen für die großen Überraschungen zuständig. Und in der Mitte malocht Rudi Schulz. »Der Adi, der konnte alles mit dem Ball. Aber während der sich einmal um den Ball gedreht hat, bin ich schon viermal um den Platz gelaufen. Die Zeitungen schrieben: ›Schulz ist der Mann mit der Pferdelunge!‹« In der feingliedrigen Offensive von Preußen Münster ist Schulz Ackergaul und Drecksack in einer Person. »Ich habe Fußball malocht, nicht nur gespielt. Wenn andere zurückzogen, lag ich schon mit beiden Beinen im Gegner!« Ein perfekter Spieler für den neuen alten Münsteraner Trainer Willi »Fischken« Multhaupt, der kurz vor der Meisterschaftsendrunde den Trainerposten des ungeliebten Ferdinand Fabra übernimmt. »Fischken war ein echter Kumpeltyp, ein Kohlenpottjunge«, erinnert sich Schulz, »der hat mir auch schon mal gesagt: ›Rudi, hau dem Penner doch mal zwischen die Eier!‹ Wie haben ihn alle geliebt.«

»Rudi, geh mal kotzen«

Am Ausgang des Endspiels von Berlin kann allerdings auch Multhaupt nicht viel ändern – gegen den 1. FC Kaiserslautern verliert Preußen nach 1:0-Führung durch Gerritzen mit 1:2. Lag es an der Aufregung? »Nein«, sagt Schulz, »aber wenn mir einer vor dem Spiel gesagt hätte: ›Rudi, geh mal kotzen!‹, dann hätte ich das gemacht.« Schulz und Kollegen werden nach der knappen Niederlage trotzdem wie Helden empfangen, der Jubelkorso reicht von der Hammer Straße, dort wo das heimische Stadion steht, bis zum Prinzipalmarkt im Herzen von Münster. Die Party endet in der Stammkneipe »Zum Stuhlmacher«.

Nach der Saison verlässt Adi Preißler Münster nach nur einem Jahr. Die finanziellen Versprechungen hat der Klub nur vage eingehalten, und weil Preißler sich ohnehin nicht wohlgefühlt hat in der Studentenstadt, geht er zurück nach Dortmund. Rudi Schulz bleibt da. Bis 1962 macht er insgesamt 280 Oberligaspiele für den SC Preußen Münster, so viele wie kein anderer.
Schulz bleibt dem Fußball treu, natürlich. Einer wie er braucht den Geruch von frisch gemähter Sportplatzwiese wie ein Junkie seinen nächsten Schuss. Heute schmückt ein Bundesverdienstkreuz das Haus in Rheine, Schulz hat es als Auszeichnung für seine jahrzehntelange ehrenamtliche Tätigkeit im Jugendfußball bekommen. Aus dem »100 000 Mark Sturm« von einst leben nur noch er und Jupp Lammers. Vermutlich wird der Mann mit der Pferdelunge sie alle überdauern. Er läuft ihnen halt immer noch davon.

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