Clattenburg war vermutlich nicht erstaunt, als ihn eine Delegation von Chelsea-Funktionären nach der Partie zur Rede stellen wollte. Er war aber ziemlich sicher geschockt über das, was passierte, nachdem er das Stadion verlassen hatte.
Clattenburg soll Mata »spanish twat« genannt haben
Chelsea reichte nämlich eine offizielle Beschwerde bei der FA ein, in der behauptet wird, dass Clattenburg eine »unangemessene Sprache« gegenüber einigen Chelsea-Spielern gebraucht habe. Konkret: Clattenburg soll Jon Obi Mikel und Juan Mata rassistisch beleidigt haben. Er habe etwa Mata »spanish twat« genannt, das heißt so viel wie »spanische Fotze«.
Wenn diese Vorwürfe der Wahrheit entsprechen, muss Clattenburg hart bestraft werden. Wie die zwei Fälle des letzten Jahres beweisen haben, ist Rassismus immer noch ein Problem und es sollte keine Toleranz gegenüber denjenigen geben, die sich auf dem Fußballplatz diskriminierend äußern.
Was in dieser Diskussion um jeden Preis vermieden werden sollte, ist eine Anti-Rassismus-Müdigkeit. Man darf nicht in Hysterie abgleiten und eine Kontroverse nur um der Kontroverse Willen führen. Denn dann hätte man eine Diskussion ad nauseam, eine Diskussion, um Zeitungen zu verkaufen, um Twitter-Profile zu pimpen, um Gegner, Rivalen oder unpopuläre Schiedsrichter öffentlich zu diskreditieren. Der Kampf gegen Rassismus ist zu wichtig, um trivialisiert zu werden oder als Ablenkungsmanöver Gebrauch zu finden. Doch genau diese Gefahr laufen die Diskutanten nun.
Welche Wahrheit am Ende dieser Geschichte auch steht, eines ist sicher: Wir werden viel über den Status des englischen Fußballs erfahren. Wenn Clattenburg sich wirklich rassistisch geäußert hat, hat er neues Öl in das Rassismus-Feuer gegossen, er hat mit ein paar Pfiffen und Aussagen sehr viel kaputt gemacht. Und zwar nicht nur den Wunsch nach mehr Respekt für die Schiedsrichter. Seine Karriere wird vermutlich vorbei sein. Zumindest wird es sehr lange dauern, bis Clattenbrug wieder ein Spiel pfeifen darf.
Die Rassismus-Debatte als Deckmantel?
Was aber, wenn alles erstunken und erlogen ist? Was werden wir dann über den FC Chelsea lernen? Ist es möglich, dass ein Fußballklub, der gerade ein wichtiges Spiel verloren hat, eine der wichtigsten Debatten des vergangenen Jahres als Deckmantel benutzt und damit vielleicht die Karriere eines Sportlers beendet?
Tom Henning Ovrebo, der 2009 das Champions-League-Halbfinale Chelsea gegen Barcelona leitete, wurde von Chelsea-Spielern als »verdammte Schande« und »Dieb« betitelt. Dieses unverantwortliche Verhalten schürte eine hitzige Situation im Chelsea-Anhang und ermutigte Fans, ihm bis heute Todesdrohungen zu schicken. Man sollte also jetzt die teuren Neueinkäufe und den neuen Stil an der Stamford Bridge vergessen: Die Clattenburg-Affäre wird zeigen, ob Chelsea sich seit 2009 geändert hat.