Hat die Fangewalt beim FC eine neue Qualität erreicht?

Der wilde Westen

Pflasterstein-Angriff auf Gladbach-Fans, Platzsturm im Müngersdorfer Stadion, nächtlicher Besuch bei Pedro Geromel. Sind die Ultras des 1.FC Köln diese Saison außer Rand und Band geraten? Und wie verhalten sich die restlichen Fans?

Es hatte ein bisschen was von High Noon: Schwarzer Rauch, loderndes Feuer, ein bisschen Geschrei, Späher am Fuße der Treppe und das ganze Stadion schaut gebannt auf die Südtribüne. Wer zieht hier als Erster?

Dann ein Knall. Die Ultras rannten aufs Feld, 40, vielleicht 50, kaum zu erkennen, einige vermummt. Spiel mir das Lied vom Tod, Baby! Und wenn nicht das, dann doch wenigstens irgendeine Mundharmonika-Melodie. Doch alles, was kam, waren die Bläck Fööss aus den Boxen und die Polizei, die die Ultras auf die Tribüne zurückdrängte. Der 1.FC Köln war zuvor nach einem 1:4 gegen Bayern München übrigens abgestiegen. Niederlage auf Niederlage.  

Ein Platzsturm scheint in deutschen Stadien zum Saisonende en vogue zu werden. 2010 zerlegten Hertha-Anhänger den Innenraum des Olympiastadions, 2011 stürmten Eintracht-Ultras den Platz des Waldstadions, nun also die wilden Jungs aus Köln. Einen Tag später postete ein User ein Bild dieses Platzsturms auf der Facebook-Fanseite der Kölner Ultragruppe »Wilde Horde«. Darunter stand der Kommentar: »Mehr sag ich nicht… geeil«. Was genau »geeil« ist, ließ der User offen. Vielleicht meinte er damit tatsächlich den Abstieg, weil man diesen so schön pathetisch mit schwarzem Rauch aufladen konnte.

Abenteuerspielplatz der Ultras

Vermutlich aber war es »geeil«, dass man sich wieder mal auf seinem selbst geschaffenen Abenteuerspielplatz austoben konnte. Da gab es ordentlich Action, Adrenalin, Rauchschwaden, Feuerwerkskörper, jede Menge Youtube-Material und noch mehr Mystik. Am Ende errang man sogar die Hoheit über die Worte. »Wir als Vorstand sind zutiefst getroffen, und ich muss ehrlich sagen, wir müssen die Bitterkeit dieses schwarzen Samstags auch persönlich erst einmal verkraften«, sagte Präsident Werner Spinner. Trainer Frank Schaefer sprach von einem »schwarzen Tag«.

In den vergangenen Wochen und Monaten waren Kölns Ultras immer wieder in die Schlagzeilen geraten. Vor allem die Ultragruppe »Wilde Horde« hatte sich für ein Straßenkämpfer-Image außerordentlich ins Zeug gelegt. Ein Capo der Gruppe erhielt im September 2011 ein Stadionverbot, weil er bei einem Auswärtsspiel auf Schalke die Heimfans mit Fäkalien beworfen haben soll. Im Februar 2011 prügelten Mitglieder einen Polizeibeamten und einen Abteilungsleiter der Kölner Sportstättengesellschaft nieder. Der FC hatte da gerade ein Ligaspiel gewonnen. Gegen Bayern München. Der Kölner Vorstand wies die »Wilde Horde« an, sich bei den Opfern zu entschuldigen – ohne Erfolg. Rainer Mendel, Fanbeauftragter des 1.FC Köln, sagte damals in einem Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger: »Es wurden zwar zwei Termine ausgemacht, aber beide hat die ›Wilde Horde‹ abgesagt. Den letzten mit der Begründung, die Mehrheit der Gruppe sei dagegen, sich persönlich zu entschuldigen.«

Das Ausloten der Extreme, das Testen der äußersten Grenzen

Und so ging es weiter: Im März griffen FC-Ultras einen Gladbacher Fanbus mit Pflastersteinen an. Auch sie werden der Gruppe »Wilde Horde« zugerechnet. Vor zwei Wochen brachen zwei FC-Anhänger, angeblich Mitglieder der Kölner Ultragruppe »Boyz«, dem Leverkusener Michal Kadlec vor einer Diskothek die Nase. Nun folgte der Platzsturm. Am Abend suchten Fans außerdem die Wohnung des Spieler Pedro Geromel auf, um den Spieler zur Rede zu stellen. Doch er war nicht zu Hause. Nachbarn verständigten die Polizei. Ob die Täter auch einer Kölner Ultra- oder Hooligangruppe angehören, steht noch dahin.

Fernab jeder Hysterie kann man konstatieren, dass es in Köln eine neue Qualität der Fangewalt gibt. Hier geht es nicht mehr um Wald- und Wiesenschlachten, es geht nicht mehr um Fahnenklau und Muskelpumpen an der nächsten S-Bahnstation. Es geht um das Ausloten der Extreme, um das Testen der äußersten Grenze.

Carsten Blecher arbeitet beim Fanprojekt des Klubs und begleitet die Kölner Ultragruppen seit Jahren. Er sagt: »Es hat keine Zunahme der Gewalt gegeben – nur die besonderen Gewaltaktionen sind extremer geworden.« Tatsächlich werden viele dieser Aktionen ohne Wissen der Führung geplant und durchgeführt. Am Ende steht oft die Gruppe am Pranger. Manchmal zu Unrecht. Indes, die Gruppen vertun danach immer wieder die Chance, ihrem eigenen Ultra-Credo zu folgen. Sie distanzieren sich im Nachhinein fast nie öffentlich von den Tätern oder schließen diese gar aus der Gruppe aus. »Die Selbstregulierung der Kurve funktioniert nicht so, wie wir uns das vorstellen«, sagt auch Blecher. »Auf Gewaltakte von Einzeltätern folgen nicht die notwendigen Konsequenzen.«

Dr. Martin Thein, Politologe und Autor des Buches »Ultras im Abseits?«, kritisiert ebenfalls die Führung der »Wilde Horde«, die sich seit einigen Jahren komplett abschottet. »Es ist eine dunkle Szene, die die Außenwelt als ihren Feind ausgemacht hat«, sagt Thein. Darüber hinaus sieht er auch eine neue Qualität der Gewalt: »Die ›Boyz‹ und die ›Wilde Horde‹ sind aggressiver geworden. Es gab in der jüngeren Vergangenheit einige Vorfälle, bei denen Passanten oder normale Fans angegriffen wurden, die mit der Ultra-Bewegung überhaupt nichts zu tun haben.«

»Gewalt nicht mit uns«

Ob eine Gruppe oder kopflose Einzelkämpfer der »Wilden Horde« für den Platzsturm verantwortlich sind, ist bislang nicht geklärt. »Es war eine bunte Mischung von Fans aus der Südtribüne«, meint Blecher. Dabei gehen im Stadion längst nicht mehr alle Fans konform mit der Meinung der gewaltbereiten Ultras. Die »Colonicas« etwa haben sich vor vier Jahren von der Wilden Horde abgespalten. Man wollte die Ultra-Kultur zurück auf die Ränge bringen, hieß es damals. Dieser Schritt war auch als Absage zum Krawalltum der Ultraszene verstehen. 

Von den restlichen Fans blieb eine Kritik an den Aktionen der gewalttätigen Ultras lange aus – oder sie verpuffte im Lärm der Kurve. An diesem Samstag änderte sich das allerdings schlagartig, es wurde erstmals richtig laut. War die Sorge vor einer Rückkehr der Horde zu groß? Oder war das Fass schlicht übergelaufen? Als die Polizei die platzstürmenden Ultras zurückdrängte, applaudierten jedenfalls mehrere tausend Fans auf dem Oberrang der Südtribüne, dort, wo jüngere Fans, Alt-Fans, aber eben auch andere Ultras nebeneinander sitzen und stehen. Dann hallten Gesänge durchs Stadion: »Scheiß Wilde Horde! Scheiß Wilde Horde« oder »Wilde Horde: Nie mehr, nie mehr, nie mehr!«

Es war nunmehr nebensächlich, inwiefern die »Wilde Horde« oder einzelne Mitglieder dieser Gruppe am Platzsturm beteiligt waren. Die Horde trug ein Stigma, sie war unlängst zum Synonym für Gewalt geworden. Und sie hat nun, so scheint es, nicht nur die Polizei, die Spieler, den modernen Fußball, sondern auch Fans in der eigenen Kurve als Gegner. Kann es also doch einen Selbstreiningsprozess in der Kurve geben? Denn auch wenn sie es nicht zugeben werden, »solche Gegenstimmen berühren die Mitglieder der ›Wilden Horde‹«, sagt Blecher. »Sie wünschen sich eine große und starke Gemeinschaft auf der Südtribüne.« So gibt das kollektive Aufbegehren der normalen Fans Hoffnung, dass sich die Situation entspannt. Die Kurve abseits der gewaltbereiten Ultras hat jedenfalls erkannt, dass sie eine Stimme hat, die gehört wird. Trotz schwarzem Rauch und Abenteuerspielplatz.

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