01.01.2014

Harry Redknapp: Genie oder Scharlatan?

Das unglaubliche Leben des Harry Houdini

Seite 2/3: Er steht für alles, was falsch ist
Text:
Uli Hesse
Bild:
imago

Die Behauptung, dass es sich dabei um Bestechungsgelder gehandelt habe, konnten die ermittelnden Beamten zwar nicht aufrechterhalten, dafür nahm sich nun das Finanzamt des Kontos an. Und so wurde im Januar 2010 Anklage gegen Redknapp und Mandaric wegen Steuerhinterziehung erhoben. Zwei Jahre später kam der Fall endlich vor Gericht. Wie Redknapp schreibt, machte er sich trotz seiner Unschuld die allergrößten Sorgen, denn er hatte einfach »nicht den Grips des Mannes, der die Fragen stellte«. Der gegnerische Anwalt, wiederholt er, »war intellektuell auf einem anderen Level«. Wer sich so rotzfrech auf sein schlichtes Gemüt beruft, der dürfte in der Tat mit allen Wassern gewaschen sein. Redknapp wurde freigesprochen.

»Harry Houdini« nennen manche Leute Redknapp. Aber nicht etwa, weil er sich aus solch brenzligen Situationen herauswindet wie einst der legendäre amerikanische Entfesselungskünstler. Der Name geht vielmehr auf das Jahr 2006 zurück, als Redknapp das schon hoffnungslos abgeschlagene Portsmouth noch auf einen Nichtabstiegsplatz führte. Er selbst bezeichnet diese Rettung als eine der drei größten Leistungen seiner Trainerlaufbahn, obwohl er mit demselben Klub zwei Jahre später sogar den englischen Pokal holte. Die beiden anderen Großtaten sind seiner Meinung nach der Aufstieg mit Bournemouth in die zweite Liga 1987 sowie die Champions-League-Qualifikation mit Tottenham Hotspur 2010.

Das ist eine relativ bescheidene Ausbeute für jemanden, der seit über 30 Jahren als Trainer arbeitet. Dennoch ging Redknapp davon aus, englischer Nationaltrainer zu werden, als Fabio Capello Anfang 2012 von diesem Posten zurücktrat. Man kann es ihm nicht wirklich verübeln. In den Augen vieler Fans und Medienvertreter war er für die Nachfolge des spröden Italieners in der Tat der ideale Mann: Englisch bis auf die Knochen, immer eine launige Geschichte in petto und außerdem auch noch ein symbolisches Bindeglied zwischen früher und heute – schließlich war Redknapp ein guter Freund des großen Bobby Moore und ist der Onkel von Frank Lampard.

»Er ist ein totaler Hype – wie die ganze Liga«

Aber es regte sich auch Widerstand. Mark Perryman, der Sprecher des Fanklubs der englischen Nationalmannschaft, wies darauf hin, dass die letzte »populistische Wahl« des Verbandes zu einem »Desaster« geführt habe. (Gemeint war die Ernennung des Publikumslieblings Kevin Keegan 1999.) Fragt man ihn heute direkt nach Redknapp, wird Perryman noch deutlicher. »Er steht für alles, was falsch ist am modernen englischen Fußball«, sagt er. »Hier ist jemand, der allen Ernstes Nationaltrainer werden sollte, obwohl er in seiner gesamten Trainerlaufbahn nur einen Titel geholt hat – den Pokal mit Portsmouth, im Finale gegen einen Zweitligisten. Aber die Journalisten hängen an seinen Lippen, weil er immer für einen Spruch gut ist. Redknapps positives Image steht in keinerlei Verhältnis zu dem, was er wirklich geleistet hat.« Und Perryman setzt noch einen drauf: »Er ist ein totaler Hype – wie die ganze Liga. Er repräsentiert die Inhaltslosigkeit des heutigen englischen Fußballs.«

Auf den 410 Seiten von Redknapps Autobiographie findet sich in der Tat wenig, was diese Theorie widerlegen würde. Von Systemen oder Taktik ist praktisch nie die Rede, eine bestimmte Spielidee scheint ’arry nicht zu haben. Sobald seine Mannschaften in einer Krise stecken, ist die Lösung immer dieselbe: Neue Spieler müssen her. So rettete er Portsmouth 2006 vor allem dadurch, dass er in der Winterpause für mehr als elf Millionen Pfund vier Spieler kaufte und zwei weitere auslieh. »Wir hätten eigentlich zehn neue gebraucht«, schreibt er ungeniert. Felix Magath dürfte seine Freude an Harry Houdini haben.

 
 
 
 
 
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