Harald Stenger, DFB-Pressechef a.D.

Der Problemlöser

Harald Stenger hat in seiner langen Laufbahn als Journalist und Pressesprecher des DFB schon viel erlebt. Vor der WM 2010 in Südafrika, Stengers letzte WM als DFB-Mann, traf sich unser Redakteur Tim Jürgens mit ihm. Schon damals waren die Vorzeichen auf ein baldiges Ende beim DFB unübersehbar. Harald Stenger, DFB-Pressechef
Heft#103 06/2010
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Schiffbruch ist halt immer. Heute geht es um das Mannschaftshotel in Südafrika. Eine ausländische Zeitung meldet, das Quartier des Nationalteams sei nicht sicher. Möglich, dass die Agenturen das Thema aufgreifen. Harald Stenger sitzt in einem Eckbüro in der Frankfurter DFB-Zentrale und blickt so gar nicht beunruhigt auf seinen Bildschirm. An den Wänden Werbeplakate für Länderspiele früherer Jahre, eine Karikatur von Charlie Chaplin und ein paar Fußballtrikots, deren ideellen Wert der Pressechef nur selbst kennt. Stenger flachst mit der Dame im Vorzimmer, gibt ironisch den schnoddrigen Chef. Man ist immer noch per Sie.

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Beim Schreiben der Pressemitteilung zur Hotelproblematik spricht er den Text laut mit. Es fällt ihm leicht. Was er dort am Rechner macht, erinnert vom Prinzip her an die Aufgabenstellung beim Computerspiel »Tetris« – allerdings mit Worten. Stenger gießt ein verbales Antwortfundament auf mögliche offene Fragen und umschifft geschickt Unebenheiten und Missverständnisse. Taktische Versatzstücke, Euphemismen, juristisch einwandfrei: »… wir gehen fest davon aus, dass in allen Punkten die Unklarheiten möglichst schnell beseitigt werden …« Außerhalb des Protokolls rutscht ihm eine süffisante Bemerkung über die offizielle Reiseagentur der FIFA heraus. Und schon jetzt weiß der DFB-Mediendirektor: »Die Sache wird sich schnell abkühlen.« Ein Freitagvormittag in der Otto-Fleck-Schneise.

Ohne Gelassenheit geht es im Vorfeld einer Weltmeisterschaft eben nicht. Es ist die Zeit, in der Wadenverhärtungen zu nationalen Tragödien werden und Auswahlspielern, die mit dem falschen Bein zuerst aufstehen, plötzlich diabolische Charaktereigenschaften nachgesagt werden. Harald Stenger ist der Mann, der dafür sorgt, dass die überdimensionale öffentliche Wahrnehmung des Kulturgutes »Nationalelf« nicht ins Surreale abgleitet. Ein Cleaner. Einer, der dem Schießpulver des Boulevards etwas von seiner verletzenden Wirkung nimmt, ohne es unbrauchbar zu machen.

WM 1974: Im feuerroten Opel Manta ins Ruhrgebiet

Stenger hat die Deformation des Fußballs zum durchkommerzialisierten Business in jeder neuen Schattierung miterlebt. Alles hat sich verändert, seit der heute 59-Jährige als Jungredakteur der »Frankfurter Rundschau« von der WM 1974 berichtete. Damals brauste der Hesse mit seinem feuerroten Opel Manta ins Ruhrgebiet, um unter anderem über das holländische Team zu schreiben. Mit einer Handvoll Kollegen erlebte er vor der Sportschule Kaiserau das Eintreffen des deutschen Mannschaftsbusses nach der Niederlage gegen die DDR. Als sich die Tür öffnete, wankte als Erster ein DFB-Spitzenfunktionär heraus, für den der Tag offenkundig schon feucht-fröhlich begonnen hatte. Die mediale Nachbetrachtung des Vorfalls fiel aus – niemand schrieb oder zeigte etwas, weil es damals nicht so wichtig erschien.

Sukzessive vergrößerte sich die Distanz zwischen Spielern und Journalisten: Bei der WM 1982 in Spanien wurde der Pressetross im deutschen Lager noch ungefiltert Zeuge des ausgetragenen Disputs zwischen Uli Stielike und Karl-Heinz Rummenigge nach dem Bankett im Hotel. Als Stenger DFB-Präsident Hermann Neuberger in Rom vor dem WM-Triumph 1990 im Hotel interviewte, tütete nebenbei dessen Gattin noch eigenhändig Autogrammkarten der Nationalmannschaft mit Briefen an Freunde des Verbandes ein. Doch 1990 markierte eine Zeitenwende im Journalismus. Erstmals durften die Reporter nicht mehr ohne Erlaubnis ins Mannschaftshotel. Eine Entwicklung, die 1986 in Mexiko begonnen hatte, als durch die Erfindung des Fax die Elitekicker plötzlich in der Lage waren, Negativmeldungen von der Heimatfront auch in der Ferne zu lesen.

Stenger erlebte hautnah, wie an die Stelle der reinen Spielnachlese allmählich eine Komplementärberichterstattung trat. Nicht mehr das Match selbst, sondern das Drumherum geriet in den Fokus der Wahrnehmung. Die »Ran«-Generation machte den Fußball zur Show. Und Stenger mischte mit. Als gern gesehener Kritiker nahm er regelmäßig in einem der roten Sessel in der DSF-Talkrunde »Doppelpass« Platz, bis er im Sommer 2001 nach mehr als 31 Jahren seinen Job bei der »Rundschau« an den Nagel hängte.

Kenner der Amateurszene

Jahrzehntelang hatte er sich als Reporter bei Länderspielen, in Bundesligastadien, aber auch als Kenner der Amateurszene auf den hessischen Provinzplätzen herumgetrieben. Er war der einzige Sportberichtererstatter, der 1977 am Frankfurter Flughafen auf die Rückkehr der »Landshut« wartete: Der ehemalige Präsident der Offenbacher Kickers, Horst-Gregorio Canellas, war an Bord der von Terroristen entführten Lufthansamaschine und fiel dem wartenden Journalisten nach dem Ausstieg erleichtert in die Arme.

Einen späten Scoop landete er am Abend des 8. September 1998, als die TV-Journalisten von der DFB-Zentrale abrückten, weil sie die Hoffnung aufgegeben hatten, noch den Namen des neuen Bundestrainers zu erfahren. Derweil druckte die »FR« bereits Stengers Rechercheergebnis, dass Erich Ribbeck inthronisiert würde. Schmunzelnd verweist er bis heute darauf, dass ein guter Journalist seinen Informanten niemals preisgibt.


Am 1. Juli 2001 wechselte Harald Stenger die Seiten. Nicht nur Jens Jeremies und Dietmar Hamann staunten nicht schlecht, wer da als neuer Mediendirektor des DFB vorgestellt wurde. Das war doch, Moment mal, aber ja: der Kollege, der sonntags im »Doppelpass« den Bundesligaprotagonisten im hessischen Idiom gern mal einen mitgab. Und ausgerechnet der sollte ihnen zukünftig bei den Medien den Rücken freihalten? Die beiden Auswahlkicker empfingen Stenger mit einer satten Portion Misstrauen zur ersten Länderspielreise: »Hast du im TV nicht oft schlecht über uns geredet?«

Fußballer neigen im Zeitalter der Kommerzialisierung zur Dünnhäutigkeit. Jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt, jeder Fehltritt öffentlich verhandelt. Kein Wunder, dass Stengers Grenzgang aus der Zeitungsredaktion in die DFB-Zentrale manchem verdächtig erschien. An der breiten Brust des Mannes aus Frankfurt-Bornheim aber prallte das Misstrauen ab. Der Verband befand sich 2001 nicht unbedingt auf dem Zenit seines Ruhms. Stenger war als Mittler gekommen, und er tat von Anfang an, was man von ihm erwartete: Er kochte die Hitze runter, so weit es möglich war.

1:5 gegen England – Mund abputzen, weiter

1:5 ging das Team bei seinem ersten Einsatz als Medienchef bei einem Länderspiel in Deutschland unter – in der WM-Qualifikation gegen England in München. Doch auch für Pressesprecher gilt: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Und an diesem 1. September 2001 war diese Weisheit ausnahmsweise eine tröstliche. Mund abputzen, weiter. Stengers besonnene Medienarbeit, die sachlich geführten Pressekonferenzen, die Definition seines Jobs unter Dienstleistungsmaßstäben schufen schnell Vertrauen – auch in den eigenen Reihen. Als am 14. November 2001 Deutschland im Entscheidungsspiel über die Ukraine 4:1 triumphierte und das WM-Ticket löste, waren die Spieler und ihr Schattenmann längst eine verschworene Einheit. Bei einem Glas Wein nach dem überstandenen Trommelfeuer durch die Boulevardmedien hatten auch Hamann und Jeremies die Skepsis abgelegt: »Harry, jetzt biste einer von uns.«

Im Privatleben war er lange Jahre im Kirchenvorstand engagiert. Bei Freizeiten machte er Jugendliche für Bergtouren fit, oft ging es hoch auf über 4000 Meter. Organisation und Teamwork gingen ihm in Fleisch und Blut über, denn da oben muss man sich aufeinander verlassen können. Der Mediendirektor lernte entsprechend schnell umzugehen mit den Eigenheiten der Nationalspieler, über die er sagt: »Die Spieler sind sensibler geworden, weil sie wissen, wie Geschichten aus ihren Aussagen gemacht werden.«

Für Stenger verschob der »Kicker« sogar seinen Drucktermin

Michael Ballack ist bekannt dafür, dass er beim DFB-Team jedes seiner gedruckten Interviews gemeinsam mit Stenger noch einmal persönlich mit Argusaugen gegenliest. Ein Redakteur einer großen Tageszeitung ließ einmal sogar über den Pressesprecher nach einer Freigabe ausrichten: »Wenn der Ballack seine Karriere beendet, kann er bei uns gerne als Redakteur anfangen, durch seine Änderungen ist das Interview besser geworden.« Jens Lehmann, der auf Nachfrage gern Klartext sprach, setzte in der Autorisierung gerne das Skalpell an. Für ihn verschob der »Kicker« einst sogar seinen Drucktermin. An diesem Tag stand Harald Stenger beim Training hinter Lehmanns Tor und wartete bis zum letzten Schuss, um noch auf dem Rasen mit der damaligen Nummer zwei dem Manuskript den letzten Schliff zu verpassen. Oder Philipp Lahm, der im Herbst 2009 auf Länderspielreise plötzlich zu Stenger sagte: »Nimm dir nachher mal für anderthalb Stunden nichts vor.«

Die Freigabe für das Gespräch mit der »Süddeutschen Zeitung« – mit einem Rückblick auf die Turbulenzen beim FC Bayern – bescherte beiden Schwerstarbeit. Es wurde diskutiert, gefeilt, gestrichen, ergänzt oder präzisiert. Doch der Spieler wollte bewusst das eine oder andere Kritische über die Situation bei seinem Klub sagen. Stenger machte Lahm auf mögliche Folgen seiner Aussagen aufmerksam, verhinderte aber keines seiner Statements: »Ich vertrete die Interessen der Mannschaft und Spieler, ohne den journalistischen Blick außer Acht zu lassen. Autorisieren kann nicht Zensieren bedeuten. Am Ende muss immer der Spieler wissen, was er sagt und ganz bewusst öffentlich machen will. Natürlich darf es nie beleidigen oder diffamieren.«


Eine unvergessliche Petitesse in Stengers Amtszeit wird der 6. September 2003 bleiben. Beim Vorbeigehen am ARD-Studio in Island machte er sich gar keine Gedanken, als er Teamchef Rudi Völler mit Waldemar Hartmann schimpfen hörte. Ausraster in der Öffentlichkeit kamen bei »Ruuuuuudi« nicht vor. Stenger nahm an, dass das Live-Interview noch nicht begonnen hatte und der Teamchef vorab mit der Duz-Maschine der ARD im Clinch lag. Vorsichtshalber schaute er aber ins Studio und stellte verwundert fest, dass das rote Lämpchen vorne an der Kamera bereits leuchtete. Jemand flüsterte, er solle dazwischen gehen und die Schimpfkanonade des Teamchefs beenden. Stenger entschied anders und hörte dann aus nächster Nähe Völlers Hinweis, Hartmann habe vor der Sendung drei Weizenbier getrunken. Stenger: »Rudi lebt als Everybody’s Darling. Im Nachhinein war es aber durchaus gut für ihn, mal zu zeigen, dass das auch Grenzen hat und er klar Position beziehen kann, wenn er sich fachlich ungerecht beurteilt fühlt.«

Überhaupt ist das Verhältnis des Pressesprechers zu den verschiedenen Übungsleitern der Nationalmannschaft seit jeher von einem bodenständigen Umgang miteinander geprägt. Womöglich liegt es daran, dass der Steinmetzsohn in seiner Amtszeit ausschließlich mit Handwerkersöhnen zu tun hatte: dem Spross eines Drehers, Rudi Völler, dem Bäckerkind Jürgen Klinsmann und Jogi Löw, dessen Vater Ofensetzer war. Zumindest was das Werteverständnis betrifft, gab es Parallelen, die bei allen Höhen und Tiefen letztlich in gegenseitiger Sympathie mündeten.

Spätestens als Nebendarsteller in Sönke Wortmanns »Sommermärchen« bekam auch der PR-Boss vor vier Jahren seinen Platz in den Geschichtsbüchern des DFB. Das Turnier definierte die gesellschaftliche Wahrnehmung des Teams neu: Als Stenger vor dem Viertelfinalspiel gegen Argentinien 700 Journalisten bei der Pressekonferenz begrüßen konnte, hatte die DFB-Auswahl eine neue Stufe ihrer Popularität erreicht. Für ihn kein Grund, sich von alten Gewohnheiten zu verabschieden. Ein eisernes Gesetz, das Stenger auch in den epochalen Tagen des Heimatturniers nie brach: genug Schlaf.

»Sie gucken immer so ernst, Herr Stenger«

Während der WM 2006 machte er es sich zur Regel, den Tag um 7 Uhr mit einem Frühstück zu beginnen und, zumindest wenn das DFB-Team nicht spielte, spätestens um 20.30 Uhr als Sauna-Freak zwei, drei Gänge zu schwitzen. Die zweite Halbzeit des Abendspiels erlebte er dann bei einem Glas Wein vor dem Fernseher und ging anschließend ins Bett. So will er es auch in Südafrika halten – wenngleich er ahnt, dass auf dem schwarzen Kontinent weitaus mehr Improvisation gefragt sein wird als zuletzt in Deutschland.

»Sie gucken immer so ernst, Herr Stenger«, sagte ein Kollege mal zu ihm. »Nicht ernst,« antwortete der stämmige Hesse, »konzentriert.« Im Januar 2010 bekam Harald Stenger von der DFB-Spitze mitgeteilt, dass der Verband die Mediendirektion neu ordnen will und dies somit seine letzte WM als Pressechef sei. Insider vermuten die Intrige einiger Funktionäre, die Probleme mit Stengers mitunter prinzipientreuer Geradlinigkeit hätten.

Nur durch die Überzeugungsarbeit von Jogi Löw und Oliver Bierhoff bei den DFB-Granden – so wird kolportiert – gelang es, dass Stenger in Südafrika noch dabei und für das Nationalteam zuständig ist. Jeden Tag wird er also auch von dort mittags gegen 12.30 Uhr ein, zwei Nationalspieler bei der täglichen WM-Pressekonferenz der deutschen Öffentlichkeit präsentieren. Was nach dem Turnier passiert, ist offen. Stenger ist enttäuscht über die Entwicklung, sieht’s aber gelassen. Ein bisschen Schiffbruch ist halt immer.

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