Hans van Breukelen über die Rivalität zwischen Deutschland und Holland

»Ich bin verliebt in euch Deutsche«

Hans van Breukelen brüllte bei der WM 1990 Rudi Völler in Grund und Boden und galt als Keeper, der gern Deutsche frisst. Heute hingegen hat der holländische Keeper ein Faible für seinen ehemaligen Erzfeind entwickelt.

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Der Torwart, der Deutsche frisst

Hallo, ich bin der Hans. Ich beiße nicht. Das muss ich so deutlich sagen. Denn bei euch bin ich ja als Deutschenhasser abgestempelt. Als der Torwart, der Deutsche frisst.
Das ist so seit dem Achtelfinale der WM 1990, als ich euren Liebling Rudi Völler so hart angegangen bin. Rudi war zwar auch keine Betschwester. Er wollte genauso gewinnen wie wir – und das auch mit allen Mitteln. Aber was ich da getan habe , wie ich ihn beschimpft und mit dem Finger herumgefuchtelt habe ...

Das war schon ein bisschen zu viel des Guten. Hinterher, als ich die Bilder im Fernsehen sah, habe ich mich richtig geschämt und tue es bis heute. Ich rechne also fest damit, dass ich bei vielen von euch immer noch ein ziemlich negatives Image habe. Damit muss ich wohl leben.

Aber jetzt kommt eine Überraschung, also haltet euch fest: Ich bin verliebt in euch Deutsche! Da staunt ihr, was?

Kein Scherz: Ich liebe eure Nationalmannschaft! Ganz einfach, weil sie mittlerweile so aufregend und schön spielt, unsere Elftal aber überhaupt nicht. Mit anderen Worten: Ihr spielt holländisch und wir deutsch. Es ist paradox, aber genau deswegen bin ich jetzt zum DFB-Fan geworden.

Früher war das natürlich ganz anders. Wir spielten Voetbal totaal, ihr wart die deutschen Panzer. Viele Fußballästheten, mich inbegriffen, haben euch dafür verdammt, dass ihr mit hässlichem Fußball so erfolgreich wart. Das WM-Finale von 1974 steht sinnbildlich dafür. Damals war unsere Mannschaft um Johan Cruyff die klar bessere. Aber dann kam Gerd Müller, bumm, und in der zweiten Hälfte hielt Sepp Maier einfach alles. Das war’s dann. Ein Sieg der Effizienz, ein Trauma für uns. Ich war damals 18 und könnte immer noch heulen, wenn ich an das verlorene Finale zurückdenke.

Aber wenn ich mich zwinge, rational zu denken, habt ihr das einzig Richtige gemacht: Ihr musstet uns daran hindern, unser Spiel aufzuziehen, ansonsten wäret ihr untergegangen. Nichts anderes hat ja der FC Chelsea im Halbfinale gegen den FC Barcelona gemacht. Diese Kreativität eines Messi, Iniesta, Xavi, und wie all diese flinken Wiesel heißen, kann man eben nur durch Destruktivität bändigen, durch harte Grätschen und die eine oder andere zermürbende Nickligkeit. Auch wenn wir Schöngeister uns auf den Kopf stellen, das Ergebnis können wir nicht ignorieren.

Die Elftal versucht seit geraumer Zeit, so effizient zu spielen wie die Deutschen früher. Mark van Bommels Spielweise ist beispielhaft: ergebnisorientiert und an der Grenze zur Überhärte. Aber wenn der Erfolg ausbleibt, haben wir gar nichts mehr, wo-
ran wir uns erfreuen können. Wir können nicht mal mehr sagen, wir seien in Schönheit gestorben.
Umso faszinierter bin ich von eurer Nationalmannschaft: Sie kombiniert das Kreative und das Destruktive, die Schönheit und den Erfolg. Sie zieht ihr Spiel auf und lässt zugleich den Gegner nicht zum Zuge kommen. Am besten ist das an euren Sechsern Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger zu beobachten. Wie schnell sie vom einen aufs andere umschalten können, das ist der Schlüssel zum Erfolg. Weltklasse!

Von Deutschland berauscht

Als ihr uns im November in Hamburg 3:0 vom Platz gefegt habt, war ich – als Holländer! – wie berauscht. Was würde ich dafür geben, damit Mesut Özil für uns spielt! Auch Philipp Lahm würde uns gut zu Gesicht stehen, nicht nur weil wir auf der Linksverteidigerposition einen chronischen Engpass haben. Und Manuel Neuer natürlich! Bei dem Jungen geht mir als Torwart das Herz auf. Er muss eigentlich nichts mehr lernen. Was ihm bislang gefehlt hat, war ein Ruf wie Donnerhall – wie der von Oliver Kahn. Aber jetzt, nachdem er die Elfmeter gegen Real Madrid pariert hat, haben selbst die besten Stürmer Angst vor ihm. Und dieses psychologische Momentum ist der feine Unterschied zwischen einem Weltklassemann und der breiten Masse.

Es fällt mir nicht schwer, euch diese Komplimente zu machen. Die WM 1990 ist lang her. Ich würde mich heute anders verhalten, ruhiger, fairer. Zugleich aber kann ich mich auch noch in mich selbst hineinversetzen: Ich wollte nun mal unbedingt gewinnen, gerade wegen der Niederlage von 1974. Und euren Rudi habe ich dafür gehasst, dass er das Gleiche wollte. Wir waren wie Brüder, die sich gegenseitig fertigmachen. Ein bisschen wie Kain und Abel.

Heute ist die Atmosphäre in den Spielen zwischen Holland und Deutschland zum Glück viel friedlicher. Das liegt vor allem daran, dass die Spieler ihre Aggression besser kanalisieren können als wir damals. Richtige Klootzakken kommen gar nicht mehr im Spitzenfußball an, sie werden vorher aussortiert, weil sie die Konzentration stören. Hinzu kommt, dass viele Holländer in der Bundesliga tätig waren. Youri Mulder, Erik Meijer oder auch Huub Stevens haben ihren Beitrag zur Aussöhnung geleistet.

Schade, dass andersherum so wenig deutsche Trainer und Spieler zu uns in die Eredivisie kommen. Es würde unserem Fußball bestimmt guttun. Vielleicht wird er dann wieder ein bisschen holländischer.«


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Protokoll: Dirk Gieselmann

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