Hans Meyer: Woher kommt er? Wohin geht er?

Die Pfade des Dinosauriers

Hans Meyer. Wer kann sich eine Bundesliga, ja: eine Welt ohne ihn noch vorstellen? Dabei trat er erst 1999 in den Fokus der breiten Öffentlichkeit. Wir zeichnen noch einmal seinen Weg nach: Von Roßleben an der Unstrut in den UEFA-Cup.
Heft #70 09 / 2007
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Sobald Hans Meyer vor Kameras, Mikrofone oder die schreibende Zunft tritt, ist dieses Lechzen der versammelten Journaille nach den zum Kult avancierten, charakteristischen Sprüche fast zu greifen. Im gefühlten Rhythmus eines zuverlässigen Maschinengewehrs werden jene im Handumdrehen abgeschossen. Jeder einzelne für sich beansprucht die vermeintlich zitierfähigsten Aussagen in seinen Notizblöcken und Aufnahmegeräten zu sehen und zu hören, um sich am nächsten Tag mit den großen Lettern Meyerscher Losungen schmücken zu dürfen. Ob und wie ernst er in diesen Momenten seine geistigen Ergüsse nimmt, weiß der Großvater von acht Enkeln nur selber. Vor allem weiß er diese rhetorische Waffe geschickt einzusetzen. Einzig offensichtlich sind die bis in die Nasen einziehenden drei Beilagen: Sarkasmus, Ironie und zutiefst schwarzer Humor.

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Mindestens genauso blitzartig wie beantwortete Reportererkundigungen, stieg er im September 1999 als Erbe des eher glücklosen Rainer Bonhof am Mönchengladbacher Bökelberg ein. Die Borussia war anno dazumal frisch in die Grauzone des Zweitligaalltags abgerutscht. Bis dahin war Meyer lediglich Freunden der Callmundschen Abgrasung zum Opfer gefallenen DDR-Fußballlandschaft und Allwissenden der Szene ein Begriff.

Am 3.November 1942 erblickte Hans Meyer in Briesen, Kreis Bilin (heutiges Tschechien – Bílina), das Licht der Welt. 1945 flüchtete seine Familie ins thüringische Roßleben an der Unstrut.

Lehrjahre beim „Trainer-Grafen“

Seine aktive Karriere führte ihn von der BSG Motor Dietlas über Suhl schlussendlich für 30 DDR-Oberliga-Spiele zum FC Carl Zeiss Jena, wo der Manndecker Mitglied des Meisterkaders 1968 und 1970 war. Es schlossen sich sein Diplom an der DHfK (Deutsche Hochschule für Körperkultur) in Leipzig und die Lehrjahre als Assistent des Jenaer „Trainer-Grafen“ Georg Buschner an. Als 28-jähriger Frischling der Oberliga-Trainergilde wurde er 1971 Nachfolger von Buschner. Zum Schauplatz des Höhepunktes seiner Jenaer Jahre geriet am 13. Mai 1981 das Düsseldorfer Rheinstadion im Finale des Europapokals der Pokalsieger. Carl-Zeiss glitt der Cup durch die Lappen (1:2 gegen Dinamo Tiflis), was ihn Jahre später dazu veranlasste, in gewohnter Manier zu Protokoll zu geben: „Ich bin heute noch nicht darüber weg, dass wir damals das Europacup-Finale in Düsseldorf verloren haben. Aber zum Glück reißen sie das Rheinstadion jetzt ab.“

Fünfmal traf seine Truppe auf dem Silberrang der Meisterschaft ein, dreimal gelang der FDGB-Pokal-Triumph. Die Konstanz seiner mehr als einer Dekade andauernden Tätigkeit bei einem Verein sollte Meyer bis heute nie wiederholen können. 1984 heuerte er beim thüringischen Erzrivalen Rot-Weiß Erfurt an. Der Fußball veränderte sich - erst recht nach dem Zusammenbruch des antiimperialistischen Schutzwalls - und wurde zum Business. Meyer erging es wie den meisten Kollegen der ehemaligen DDR-Trainercharge: Niemand wollte sie, nur das von ihnen jahrelang trainierte, geformte und talentierte „Spielermaterial“ fand Beachtung. Über die Wendejahre hinweg stand er beim FC Karl-Marx-Stadt/Chemnitzer FC in Lohn und Brot (1988-1993) und verabschiedete sich 1996 nach Intermezzi in der alten Heimat Jena sowie bei Union Berlin ins niederländische Exil Twente Enschede.

„Hennes Meyer“

1999 am Niederrhein wurde sie dann erstmalig auf gesamtdeutscher Ebene uraufgeführt: die Zitate-Oper um Meyer. Von den Medien willig empfangen, dauerte es nicht lang, ehe sein Bruch mit dem Boulevard nach einigen unvermeidlich schlechten Erfahrungen vollzogen war. Mittlerweile meidet der fast 65-jährige Fußballlehrer durchweg persönliche Verbindungen zu jenem Medienzweig. „Das Berichterstattungssystem der Boulevardpresse korrumpiert zu viele, die verantwortlich im Fußball arbeiten.“ Dass die Verdienste und Leistungen trotz allen medialen Interesses an seiner Person immer noch hauptsächlich im Fußball zu finden sind, dankte ihm zuerst besonders der Gladbacher Anhang: „Hennes Meyer“ hallte es ein ums andere Mal auf dem Bökelberg in Anlehnung an den Architekten der legendären „Fohlen“-Dynastie der 70er, Hennes Weisweiler. Wenn auch um Jahre verzögert, hat sich sein Können mittlerweile endlich über Jena, Mönchengladbach, Berlin und Nürnberg hinaus herumgesprochen.

Hertha BSC, bedrohlich nah dem Fahrstuhl gen Zweite Liga, lockte ihn 2004 aus der Altersteilzeit zur Feuerwehr des Klassenerhaltes. Nach erfüllter Mission zog er sich erneut als Scout in den Nachwuchsbereich zurück. Selbst die flehentlichen Bitten des Dieter Hoeneß brachten ihn keinen Schritt vom Wege ab. Vor beinah 22 Monaten, im November 2005, erinnerte sich Michael A. Roth, Präsident des „Glubb“ und letzter Ming-Teppich unter den zur Seltenheit verkümmerten Paschas in Fußball-Deutschland, an den Trainer-Fuchs. Armaden von Übungsleitern hatten im beschaulichen Franken bis dahin mehr oder weniger unfreiwillig die Segel streichen müssen. Sogar Peter Neururer drehte kurz vor Vertragsunterschrift eine elegante Schleife um Nürnberg. Der Rest ist Geschichte.

Wie allgemein bekannt, will sich Hans Meyer in Zukunft nur noch selbst entlassen. Sollte Michael A. Roth unerwartet dennoch wieder einmal das Stadion vorzeitig per Hymer-Wohnmobil verlassen wollen - Meyer hätte sich im gleichen Augenblick schon in Bermudas auf dem Beifahrersitz niedergelassen. Im inzwischen 37.Trainerjahr wäre es zumindest verdient.

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„Ich bin eine Perle“ – Das Hans-Meyer-Interview findet Ihr im neuen 11FREUNDE-Heft.

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