Hans-Jörg Butt beim FC Bayern

Das Methusalem-Komplott

Der FC Bayern holte ihn als loyalen Ersatzmann für Jungspund Michael Rensing, und es schien, als würde sich Hans-Jörg Butt damit langsam in Altersteilzeit begeben. Doch in München hebt der 35-Jährige nun noch mal richtig ab. Hans-Jörg Butt beim FC Bayern
Heft#95 10/2009
Heft: #
95

Alle Mann an Deck, alles hört auf mein Kommando. Selten hatten die Mitspieler ihren jungen Schlussmann so forsch erlebt. Aber als die Motoryacht mit dem Team des VfB Oldenburg aus dem Hafen im niederländischen Sneek ablegte, bestand kein Zweifel mehr, wer in den nächsten Tagen an Bord den Ton angeben würde: Hans-Jörg Butt.

[ad]

Eine spektakuläre Regionalliga-Saison 1995/96 hatte der VfB soeben als Meister abgeschlossen. Bevor in den Relegationsspielen gegen Tennis Borussia Berlin der Aufstieg in die zweite Liga perfekt gemacht werden sollte, hatten sich die Niedersachsen fünf Partytage auf den Kanälen des Ijsselmeeres redlich verdient. Und weil er zuhause eine solide Seetüchtigkeit erlernt hatte, navigierte nun der 21-jährige Keeper sein Team so zuverlässig und verantwortungsbewusst durch die Grachten, wie er zuvor seine Abwehr durch 34 Ligaspiele dirigiert hatte.

Doch ein Torwartleben folgt nun mal der Gesetzmäßigkeit, dass das Unheil meistens dann eintrifft, wenn es nicht erwartet wird. Die Idylle hielt also nicht lange an. Nach einige Tagen manövrierte Bootsmann Butt die Yacht für ein lockeres Trainingsspiel ans Ufer, um sich dabei prompt eine dreifache Bänderruptur inklusive eines Risses des Syndesmosebandes zuzuziehen. Keine zwei Wochen vor den schweren Aufstiegsspielen. Die Ehre des Seemanns aber verlangt, dass der Kapitän das sinkende Schiff als letzter verlässt. Butt biss auf die Zähne, spielte beide Partien – bandagiert und schmerzgestillt – über die volle Zeit und feierte mit dem VfB Oldenburg den glücklichen Aufstieg.

»Jörg war heiß wie Frittenfett«

Sein damaliger Trainer, Hubert Hüring, sagt: »Torhüter seiner Klasse wollen immer gewinnen, immer spielen. Jörg war heiß wie Frittenfett.« Weil der Job einem Keeper aber zwangsläufig abverlangt, nach dem Hinfallen wieder aufzustehen, um im nächsten Augenblick wieder hinzufallen, begab es sich, dass Butt und die eben noch ausgelassen feiernde Mannschaft in der Folge fast die gesamte Zweitligasaison auf einem Abstiegsplatz verbrachten. Der junge Torwart, der nebenbei in Vollzeit arbeitete und seine Ausbildung zum Großhandelskaufmann abschloss, konnte die Form der Vorsaison nicht konservieren – und wurde nach dem 19. Spieltag von Hüring auf die Bank gesetzt. Er schmollte, gab sich uneinsichtig. Warum erinnerte sich keiner mehr an seine Opferbereitschaft in den Wochen des Aufstiegs?

Mit seinem Coach sprach er nur noch das Nötigste – und als Felix Magath, damals Trainer in Hamburg, anfragte, ob er zum Sommer als dritter Torwart zum HSV kommen wolle, wechselte er in die Hansestadt und in eine unsichere Zukunft. Dort stieg er zu einem der bedeutendsten deutschen Keeper der Millennium-Jahre auf. Rückblickend sagt der Oldenburger: »Ich habe versucht, mir die Wut, die ich empfand, zunutze zu machen.« 

Dieser Blick auf die Achterbahnfahrt der Gefühle in den frühen Jahren ist eine Blaupause für Butts inzwischen 14 Jahre andauernde Profikarriere. Eine Laufbahn, die auch heute noch im Loop zwischen Euphorie und Scheitern oszilliert, zwischen Hinfallen und Aufstehen. Ein Naturgesetz, das den inzwischen 35-Jährigen tief geprägt und nun, im Spätherbst, zwischen die Pfosten des FC Bayern München geführt hat.

Dabei unterschrieb der dreimalige Nationalspieler im Sommer 2008 beim Rekordmeister unter der scharfen Auflage, klaglos und geräuscharm ein Dasein als Nummer zwei hinter dem hochgelobten Kahn-Nachfolger Michael Rensing zu fristen. Nicht unbedingt die Idealvorstellung von einem Karriereausklang für einen, der über 330 Bundesligaspiele auf dem Buckel hat, ein Champions League-Finale spielte, mit 26 Elfmetertreffern als torgefährlichster Keeper in die Annalen der höchsten deutschen Spielklasse einging und einst sogar als Vertreter von Oliver Kahn und Jens Lehmann zur WM 2002 nach Asien reiste. 

Das Bayern-Management befasste sich schon länger mit der Nachfolgeregelung für Oliver Kahn. Ein internes Stellenangebot wurde ab 2007 in Beraterkreisen gestreut: Der Klub benötige einen loyalen Back-up, der den Karrierestart des Torwart-Thronfolgers Rensing im Stile eines Elder Statesman katalysiere, ohne dabei selbst Machtansprüche zu stellen. In der engeren Auswahl stand neben Butt auch Simon Jentzsch, der beim VfL Wolfsburg von Felix Magath aussortiert worden war.

Klaus Augenthaler, der sowohl Butt in Leverkusen, als auch Jentzsch aus seiner Zeit als Trainer bei den Wölfen kannte, wurde von Uli Hoeneß zu seiner Meinung befragt – und tendierte klar zu dem Oldenburger. Augenthaler sagt: »Jörg Butt ist ein ruhiger Zeitgenosse, der macht keinen Ärger und bringt zuverlässig Leistung.« 

Ab dem Moment seines Dienstantrittes an der Säbener Straße im Sommer 2008, ließ Butt denn auch keine Zweifel an seiner Loyalität gegenüber der flippigen, mitunter zu Selbstüberschätzung neigenden Nummer eins aufkommen. Im Gegenteil, er fiel so wenig auf, dass FCB-Torwartrainer Walter Junghans mitunter suchen musste, um den Ersatzmann irgendwo in der hintersten Ecke des Trainingsplatzes zu entdecken, wo Butt still und leise sein Programm abspulte. Junghans sagt: »In den ersten Trainingseinheiten nahm man ihn kaum wahr.«

»Ich bin eher der Typ Naturwissenschaftler«

Was treibt einen Mann von seinem Format, sich freiwillig in diese Form von Altersteilzeit zu begeben? Zumal ihm vor seinem Wechsel nach München auch Angebote mit eingebauter Stammplatzgarantie von Erstligisten aus Spanien, England und Italien vorlagen. Die Gründe haben viel mit Butts Eigenwahrnehmung zu tun. Er sagt: »Ich bin eher der Typ Naturwissenschaftler.« Sein Abitur baute er auf einem technischen Gymnasium. Butt kennt das Gesetz von der Trägheit der Masse – und er beherrscht die hohe Kunst der Mathematik. Für einen Mann mit seiner Erfahrung gehört es wohl eher zum kleinen Einmaleins, sich auszurechnen, wie viele Möglichkeiten ihm dieses vermeintlich chancenlose Engagement beim FC Bayern bot. »Die Ausgangsposition war klar: Ich kam als Nummer zwei. Aber ich wusste auch, dass es eine sehr lange Saison wird – und ich zwangsläufig meine Chance bekomme.«  
Die Rolle des Mannes, der aus dem Halbdunkel kommt, war für ihn nicht neu. Schon nach seinem Wechsel zum HSV 1997 stand er eigentlich auf verlorenem Posten. Der neue Trainer, Frank Pagelsdorf, ging in die Saisonvorbereitung mit Butt als Nummer drei. Aber wer nichts hat, hat auch nichts zu verlieren – und in dieser drucklosen Situation funktionierte der junge, ambitionierte Torhüter wie ein Uhrwerk. Im Training lieferte er Bestleistungen ab, erarbeitete sich nach und nach das Vertrauen der Mitspieler. Hinzu kam, dass Pagelsdorf die Machtverhältnisse im Team neu gewichten wollte.

Ein Bauernopfer sollte dabei die HSV-Legende Richard Golz werden.  Am ersten Spieltag stand urplötzlich Hans-Jörg Butt im Tor – und der Youngster rechtfertigte das Vertrauen, abgesehen von einer kurzen Schwächeperiode im Winter, bis zum Ende der Spielzeit.»Der Junge frisst sich durch«, sagt Klaus Toppmöller, später Butts Trainer in Leverkusen.

Still und unmerklich wie Korrosion befiel er wie einst in Hamburg auch die hochtrabenden Pläne des Michael Rensing. Während dieser im eisigen Wasser der Bundesliga verzweifelt versuchte, an der Oberfläche zu schwimmen, trainierte Butt wie es sein Arbeitgeber von ihm erwartete: zuverlässig,emotionslos und stets in freundlicher Abstimmung mit dem per Hoeneß-Dekret übergeordneten Kollegen. Und in der Gewissheit, dass das Klima beim Rekordmeister gerade auf der signifikanten Torhüterposition für einen Neuling schnell unangenehm werden kann. Butt hat die Situation von Anfang an kühl analysiert: »Die Bayern haben auch deshalb Erfolg, weil hier der Druck am größten ist. In einem Team wie diesem ist der Kredit schnell aufgebraucht. Schon wenn man mal zwei, drei Tage im Training seine Leistung nicht bringt, gibt es Feuer.« Und Rensing wurde schneller heiß, als ihm lieb sein konnte. 

Ein weiteres Plus: Der Niedersachse kennt auch den Gegenschnitt. Denn so kühl wie Pagelsdorf 1997 den verdienten Richard Golz in Hamburg abservierte, so kalt ereilte dieses Schicksal im Februar 2007 auch Butt selbst in Leverkusen. Ein Kreis schloss sich. Unstrittig war, dass René Adler dort langfristig in Butts Fußstapfen treten sollte. Doch solange Klaus Augenthaler als Coach bei Bayer 04 das Sagen hatte, ließ er keine Zweifel an seiner Loyalität zu Butt aufkommen. Als aber 2005 Michael Skibbe begann, den Kader zu modernisieren, geriet zunehmend auch der Torwart in die Kritik. Schon seit Bayer im Frühjahr 2002 im Finale des DFB-Pokals, im Schlussspurt der Meisterschaft und im Champions League-Endspiel gegen Real Madrid dreimal in Folge den Kürzeren gezogen hatte, eilte Butt im Rheinland der Ruf des Fliegenfängers voraus. Zumal ihm immer wieder auch mal spektakuläre Pannen unterliefen, wie etwa im April 2004, als er mit einem Foulelfmeter zum 3:1 auf Schalke für die Vorentscheidung sorgte, aber vor lauter Jubel vergaß, rechtzeitig wieder zurück in seinem Tor zu sein. Mike Hanke gelang es derweil direkt vom Anstoßkreis per Bogenlampe zum 2:3 einzuschießen.

Das Murren der Kritiker, denen es bei Butts kommunikationsarmem Torwartspiel auch an Extrovertiertheit mangelte, wurde lauter und es kam, wie es kommen musste: Als Butt am 10. Februar 2007 im Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt nach einer Notbremse Rot sah, war seine Zeit bei Bayer 04 Geschichte. Die anschließende Sperre nahm der Trainerstab zum Anlass, den abrufbereiten Adler im Tor zu etablieren.

Wenn es überhaupt einen Moment in Butts Biografie gibt, der einem Bruch gleichkommt und nach psychologischer Aufarbeitung verlangt, dann dieser. »Ich wusste, dass der Verein über meinen Nachfolger nachdenkt – und es war klar, dass es René Adler eines Tages wird. Aber, nachdem ich 150 Spiele am Stück gemacht hatte, mich wegen eines Spiels auf die Bank zu setzen, empfand ich als ungerecht«, gönnt er sich einen seltenen Moment der Emotion. Aber Butt wäre nicht Butt, wenn er nicht im nächsten Satz schon wieder rational schlussfolgern würde: »Aber ich sehe es positiv: Ohne diese Situation würde ich jetzt wohl nicht bei Bayern spielen.« Jede Situation verdient für ihn eine angemessene, sachliche Bewertung. Jede These besitzt bekanntlich eine Antithese. Und so schlug sich schon zu Oldenburger Zeiten sein Trainer Hüring öfter vor den Kopf, weil Butt auch vermeintlich eindeutige Situationen im Sinne des Angeklagten zu beurteilen versuchte. Als VfB-Stürmer Thomas Goch im Derby gegen den SV Meppen in der Nachspielzeit beim Stande von 1:1 einmal frei vor dem Tor stehend eine Großchance vergab, weil er lieber selbst draufhielt, als einem besser postierten Mitspieler den Ball vorzulegen, beschwichtigte Butt seinen kurz vorm Kollaps stehenden Coach: »Immerhin hat Goch sich die Chance selbst erarbeitet.« 

Den analytischen Blick und das Verständnis für die Mitspieler kultiviert er fast über die Maßen. Es ist kein Fall aktenkundig, in dem sich Jörg Butt öffentlich über einen Kollegen beschwert hat. Klaus Augenthaler sagt: »Wenn etwas schief läuft, sucht er zuerst immer die Schuld bei sich.« Intern zeigte er sich schwer gekränkt, als ihn der HSV 2001 nach Leverkusen ziehen ließ, ohne ein seriöses Gegenangebot zu machen. Als der Wechsel schon während der Saison bekannt wurde, erschienen in Boulevardzeitungen plötzlich Gehaltsinterna, die offensichtlich aus dem Klubpräsidium ihren Weg in die Öffentlichkeit gefunden hatten. Der Keeper, der auch wegen seiner 19 Elfmetertore, die er in vier Jahren in Hamburg erzielt hatte, bei den Fans (»Buttbuttbutt«) zur Kultfigur avanciert war, fiel in Ungnade, galt fortan als »Raffzahn« und wurde fast unehrenhaft entlassen. Sein HSV-Zimmernachbar Martin Groth erinnert sich: »Es hat schwer an ihm genagt, und es hat das Vertrauen zum Verein zerstört. Aber Jörg hat nie die Öffentlichkeit für seine Belange benutzt, hat nie einen Hype um sich gemacht. Selbst in diesem Fall hat er seinem Frust nur privat Luft gemacht.« Diskretion bis an die Grenzen der Selbstzerfleischung, mehr als untypisch im von Exzentrikern durchsetzten Gewerbe der Bundesliga-Torhüter.

Wie sehr dieses Maß an Zurückhaltung auch Rückschlüsse auf seine Qualitäten auf dem Feld zulässt, hängt von der Perspektive ab: Klaus Toppmöller bescheinigt Butt zwar, mit seinem sachlichen Spiel stets eine beruhigende Wirkung auf seine Mitspieler gehabt zu haben. »Aber mitunter hätte ich mir von ihm auch mehr Forschheit und Dynamik gewünscht«. Dabei ist es keineswegs so, dass Butt klare Ansagen scheut. Schon als Jungspund in Oldenburg sind von ihm Gardinenpredigten auch an weitaus ältere Teamkollegen überliefert, die sich auf dem Platz zu wenig engagierten. In Leverkusen machte Butt regelmäßig dem phlegmatischen Dimitar Berbatov Beine. Butt: »Weil er vom Potential her eigentlich ständig Weltfußballer werden müsste, aber oft zu wenig aus seinen Möglichkeiten machte.«

Es sind die Maßstäbe des Erfolges, mit denen Butt in solchen internen Konfrontationen argumentiert. Als ihn ein Journalist vor Jahren einmal fragte, ob es denn nichts gäbe, was ihn so richtig aus der Ruhe brächte, antwortete Butt: »Doch – Gegentore.« Immerhin. Wohltuend hebt sich der Norddeutsche mit seiner ruhigen Art vom Gros seiner jungen Kollegen ab. Als schäumender Dampfplauderer eignet sich der kühle Blonde ebenso wenig wie als schräger Spaßvogel der Marke Sepp Maier. Während Oliver Kahn mit Sätzen wie »Wir brauchen Eier, EIER!« seinen Platz in den Fußball-Almanachen eher in Schlagzeilenform manifestiert hat, ist Butt dies subtiler gelungen. Als er in der Saison 1999/00 nach seinem neunten Elfmetertor gefragt wurde, ob er die Torjägerkrone anpeile, sprach er: »Ich versuche alles, aber Bierhoff, Preetz und Kirsten treffen einfach öfter.«

Butt hat seine norddeutsche Distanziertheit auch zum Prinzip für seinem Beruf erhoben. Er glaubt, dass zu viel Nähe zu einem Trainer sich nachteilig auf die Karriere eines Keepers auswirkt, weil immer die Gefahr besteht, dass der Spieler nicht mehr allein unter Leistungskriterien bewertet würde, sondern in Hinblick auf seine Pfründe. Butt sagt: »Ein Torwart ist für seine Bilanz letztlich immer selbst zuständig. Vertrauen ist keine Einbahnstraße. Wenn ein Torwart zur Nummer eins gemacht wird, muss er dieses Vertrauen auch immer wieder rechtfertigen.«

Dabei scheint Hans-Jörg Butt das entscheidende Quäntchen Selbstbewusstsein, welches einen guten Torwart mit der Aura des Unbezwingbaren ausstattet, zu fehlen. Ehemalige Übungsleiter loben ihn für gute Reflexe, für eine extreme Sprungkraft, seine Fähigkeit zur Antizipation und auch für sein großes Können als Feldspieler. Aber Klaus Augenthaler, der in jedem seiner 74 Bundesligaspiele als Bayer-Coach auf ihn vertraute, sagt: »Sein Problem war, dass er seine Fähigkeiten nicht immer im Spiel umsetzen konnte. So kam es vor, dass beim Rauslaufen kurzfristig sein Selbstvertrauen stockte.« 

Aufstehen, hinfallen, aufstehen, hinfallen

Das Jahr 2007 sollte zum Tiefpunkt werden. Nach der Ausmusterung in Leverkusen entschied sich der gedemütigte Keeper für ein Angebot von Benfica Lissabon. Nach zehn Jahren Bundesliga wollte er zu neuen Ufern aufbrechen, neue Perspektiven auf das Leben gewinnen. Benficas Stammtorhüter Quim hatte eine üble Saison gespielt, der für seine Zuverlässigkeit gerühmte Butt sollte wieder Sicherheit in die wankende Abwehr bringen. Doch der Wechsel stand von Beginn an unter einem schlechten Stern. Im Präsidium gab es Gerangel, während der Saison wechselte dreimal der Trainer. Butt, der erst zwei Wochen später in die Vorbereitung einstieg, saß am ersten Spieltag auf der Bank. Quim, stimuliert durch den angefachten Konkurrenzkampf, lief parallel zu großer Form auf. Dennoch versuchte der Deutsche, das Beste aus seiner Situation zu machen. Nach einer Dekade im Dauerstress der Bundesliga mit insgesamt 48 Spielen in der Champions League, bekam er in Portugal endlich wieder Gelegenheit, konzentriert und in Ruhe an seinen Defiziten zu feilen. Er sagt: »Oft bin ich nach dem Training noch draußen geblieben, habe gezielt an meiner Strafraumbeherrschung oder an meinem linken Fuß gearbeitet.«

Als sich im März 2008 die Anzeichen mehrten, dass Trainer José Antonio Camacho ihn in die Startelf holen würde, trat der Coach völlig überraschend von seinem Amt zurück. Das Benfica-Projekt war gescheitert. Aufstehen, hinfallen, aufstehen, hinfallen. Butt setzte sich mit dem Spielerberater Jörg Neblung in Verbindung, der schon seinen Transfer nach Lissabon eingefädelt hatte, und begann, neue Angebote zu sondieren.  Neblung, dessen populärster Klient Robert Enke ist, hatte schon 2007 mit dem Gedanken gespielt, Jörg Butt zu den Bayern zu vermitteln. Sein Plan bestand darin, den Oldenburger als Nummer zwei hinter Oliver Kahn zu installieren, wenn Michael Rensing gleichzeitig an einen Bundesligisten aus dem unteren Tabellendrittel ausgeliehen worden wäre, um dort Spielpraxis zu sammeln. »Aber der Bayernvorstand zog es vor, Rensing zu behalten und entschied sich deshalb zunächst gegen eine Verpflichtung von Jörg«, so Neblung.

Ein Jahr später hatte er mehr Erfolg bei der Vermittlung. Dennoch standen die Chancen auf eine Rückkehr ins Bundesligator denkbar schlecht: Denn in der Ära Klinsmann wurde die Causa »Rensing« fast zum Politikum. Während der Trainer eigentlich ergebnisoffen dem Konkurrenzkampf seiner Torhüter gegenüber stand – machte der Vorstand es zur Chefsache, dass der Youngster um jeden Preis als neuer Stammtorhüter zu etablieren sei. Erst als Klinsmann nach der 5:1-Klatsche im April 2009 gegen den VfL Wolfsburg selbst schon mit dem Rücken zur Wand stand, versuchte er mit dem Torwartwechsel unmittelbar vor dem Champions League-Viertelfinale gegen den FC Barcelona einen letzten, verzweifelten Neustart. 

Unaufgeregt hatte Butt in den Wochen und Monaten zuvor auf einen möglichen Einsatz hingearbeitet. Mit der Überzeugung eines Mannes, der das Bundesligageschäft besser kennt, als 90 Prozent aller noch aktiven Spieler, hatte er wie ein Schläfer still auf den Moment seiner Mobilmachung gewartet. Er hatte nicht einmal aufgemuckt, als ihm, entgegen der eigentlichen Abmachung, auch in den Spielen des DFB-Pokals die Bühne des Bayerntors verschlossen blieb. Neblung erklärt, wieso: »Da Rensing derart in der Schussbahn der Medien stand, wurde nach meinen Kenntnissen beschlossen, dass er alle Spiele macht.« Es nutzte alles nichts, das Talent konnte die hohen Erwartungen nicht erfüllen. Butts Geduld zahlte sich am Ende aus.

Sein alter Buddy, Markus Groth, bringt das bittersüße Komplott des Torwart-Methusalems auf den Punkt: »Der Jörg ist in München nicht Nummer eins geworden, weil er sich reingesabbelt hat, sondern weil er kontinuierlich Leistung gebracht hat.« Die Kunst zu Warten ist Teil des Berufes. Denn für einen Torwart, der 90 Minuten im Brennpunkt steht, ist es leicht, sich auszuzeichnen. Die wahre Qualität aber zeigt sich erst, wenn er 89 Minuten auf einen Schuss wartet und dann in der entscheidenden Sekunde eine Weltklasseleistung abliefert.

Butts Understatement hat aus dem gefallenen Helden wieder einen Hoffnungsträger gemacht. Einen, der gebraucht wird. So wie die Erfolge von Trainer-Oldies wie Jupp Heynckes oder Felix Magath alle Theorien widerlegen, die besagen, die Traditionalisten haben ausgedient und ohne moderne Leistungsdiagnostik ginge nichts mehr, beweist Jörg Butt, dass man es mit dem Mut, sich noch einmal hinten anzustellen, ins Tor eines Rekordmeisters schaffen kann, statt über ein revolutionäres Spiel oder die Meriten, die Experten einem anheften. Seine Demut geht vielen Kollegen ab. Doch er weiß, dass das nächste Scheitern nicht lange auf sich warten lässt: Mit 35 kann er nur noch von Spiel zu Spiel denken – gerade bei Bayern ist alles ständig im Fluss.

Aber Butt hat sich seine Unabhängigkeit bewahrt und genießt den Augenblick. Mit Blick auf das gegenwärtige Happy End, sagt er: »Ich frage mich, ob es auch in zehn Jahren noch so viele Profis mit weit über 300 Bundesligaspielen gibt. Denn ich stelle fest, dass viele junge Spieler heute sehr schnell zufrieden sind.«

An wen er dabei denkt, sagt Hans-Jörg Butt nicht.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!