Hannovers Superlativ

Der älteste Fitmacher

Opa macht die Enkel lang: Der 62jährige Schlesier Edward Kowalczuk scheucht die Kicker bei Hannover 96 seit mehr als 20 Jahren über den Platz. Er ist der älteste und dienstälteste Fitnesstrainer der Liga.
Heft #69 Sonderheft 2007/08
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Hanno Balitsch ist die erste Anlaufstation. Vorsichtig rantasten, mal fragen, wie er denn so ist, der Eddi. »Sie wissen aber schon, dass sie ihn nicht Eddi nennen dürfen. Darauf reagiert er allergisch«, sagt der Mittelfeldmann von Hannover 96 und hat den Respekt vor dem anstehenden Gespräch problemlos erhöht. Fitness- und Disziplinfanatiker, Wert legend auf Pünktlichkeit und gesunde Ernährung. 62, aber fast keine Falte im glatt rasierten Gesicht. Zu so einem Termin sollte man nicht zu spät kommen. Und wenn man Edward Kowalczuk dann tatsächlich gegenüber steht, hat sich das Gefühl von eigener Fitness verabschiedet. Man möchte irgend etwas veranstalten, was dem 62-jährigen Konditionstrainer von Hannover 96 bedeutet: Kein Waschlappen. Da kann man noch was machen, Potenzial nach oben. Der wache Blick scheint aber zu sagen: Junge, achte mal auf deine Körperhaltung. Da müssen wir jetzt durch.

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Kowalczuk ist der älteste und dienstälteste Fitnesstrainer der Liga. Seit 20 Jahren scheucht der gebürtige Stettiner die Profis von Hannover 96, und nicht wenige haben ihn dafür nicht eben lieben gelernt. »Probleme mit den Spielern hat man immer wieder. Sie machen die Arbeit ohne Ball eben nicht gerne«, sagt Kowalczuk und lächelt milde, weil sich seit Klinsmann in Sachen Fitness einiges für Menschen wie ihn zum Guten gewendet hat.

Früher sei das alles viel extremer gewesen. »Wesentlich unprofessioneller«, sagt er, weil er Professionalität liebt – und auch ausstrahlt. Typen wie Dieter Schatzschneider oder der heutige Bundesliga-Trainer Frank Pagelsdorf hätten sich immer wieder gedrückt. »Wenn wir um den Maschsee gelaufen sind, dann hatten die stets irgend etwas an den Adduktoren. Alles Ausreden«, sagt Kowalczuk und die Erinnerung an die alten Tage, als Pulsuhren zum Highend-Equipment gehörten, bereitet ihm sichtbar Spaß. Manche Blüten bringen diese Zeiten hervor. Ex-Trainer Egon Cordes, in Hannover seinerzeit so beliebt wie trockenes Brot, hielt Laufschuhe für seine Spieler schlicht für unnötig. »Der wollte, dass die Spieler mit Fußballschuhen um den Maschsee laufen. Da sind unsere Ansichten aufeinander geprallt«, sagt Kowalczuk. Aber letztlich, meint der Pole, sei es sein Job, loyal gegenüber dem Cheftrainer zu sein. Was nicht immer ganz leicht fällt.

»Da hab ich ja auch Recht behalten.«

Unter Peter Neururer hatte der ehemalige Leichtathletik-Trainer eines hannoverschen Sportvereins einen ganz schweren Stand. War er unter den ehemaligen Trainern Ralf Rangnick und Mirko Slomka (»Ein tolles Duo. Die Arbeit mit ihnen war perfekt.«) und später unter Lienen noch für den gesamten Bereich Koordination, Kondition und Fitness zuständig, verfuhr der wenig geliebte Nachfolger Neururer nach der Kahlschlag-Methode. »Der wollte alles alleine machen. Wir waren ganz unterschiedlicher Auffassung was die Trainingsmethoden anbelangt«, sagt Kowalczuk, der schon damals gewusst habe, dass mit des Trainers Methoden Erfolg nicht zu erreichen sei. Eine gewisse Genugtuung ist zu spüren, wenn er jetzt sagt: »Da hab ich ja auch Recht behalten.«

Vor 20 Jahren hatte ihn Jörg Berger zu den Profis geholt. »Der hatte niemanden, der ihn bei der Trainingsarbeit in diesem Bereich unterstützt hat«, sagt Kowalczuk. Und so begann seine Karriere bei den Roten zunächst als Honorarkraft, die für ein bis zwei Stunden täglich mit den Profis trainierte. Inzwischen ist er längst fest angestellt, kümmert sich auch um den Nachwuchs und führt verletzte Spieler wieder an den Kader heran. »Den Edward«, sagt Balitsch, »kannst du nachts wecken. Der kommt sofort und macht ein Extra-Programm mit dir. Ich glaube, der war noch nie im Urlaub.« In der Tat verbringt Kowalczuk die Sommerpause meist mit dem körperlichen Wiederaufbau verletzter Profis, allenfalls »zwei Wochen« bleiben da noch Zeit zur Erholung. »Totale Verlässlichkeit und Professionalität«, bescheinigt ihm 96-Trainer Dieter Hecking, über dessen Verpflichtung sich Kowalczuk besonders gefreut hat. Weil er den »Dieter« schon als Spieler gemocht habe. Und wohl auch, weil der Trainer vor Hecking Neururer hieß. In jener Zeit stand sogar ein Vereinswechsel des treuen Edward zur Debatte. Zumindest wuchsen die Zweifel an Sinn und Zweck. »Der Ralf Rangnick hat in seiner Zeit bei Schalke 04 mal locker angefragt, ob ich nicht wechseln wollte«, erzählt der Fitmacher. Aber natürlich habe Rangnick gewusst, dass er Hannover nie mehr verlassen wird. »Ich hänge an dieser Stadt, an diesem Verein.«

Als das Gespräch vorbei ist, eilt Kowalczuk in die Kabine, zieht sich seine Laufschuhe an und eilt hinaus auf den Trainingsplatz. Egon Cordes hätte wohl nur mit dem Kopf geschüttelt. Aber den hat Kowalczuk viele Jahre hinter sich gelassen.



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